Anklage von 1990

US-Gericht hebt Todesurteil gegen Berlinerin auf

Seit 22 Jahren sitzt Debra Milke wegen Mordes an ihrem Sohn in der Todeszelle in Arizona. Wegen mangelnder Beweise und Zweifeln an den Aussagen des Hauptbelastungszeugen könnte sie nun freikommen.

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Für Debra „Debbie“ Milke gibt es wieder Hoffnung. Seit 22 Jahren sitzt die in Steglitz geborene Mutter in der Todeszelle im amerikanischen Bundesstaat Arizona – weil sie ihren Sohn ermordet haben soll. Nun könnte die heute 48-Jährige frei kommen.

Ein Berufungsgericht in San Francisco hat die 1990 verhängte Todesstrafe gegen die Frau aufgehoben. In der am Donnerstag veröffentlichten Entscheidung spricht Richter Alex Kozinski von einem „besorgniserregenden Fall“. Milke habe damals keinen fairen Prozess erhalten. Der Hauptzeuge, ein Ermittler der Polizei, sei für Lügen unter Eid und anderes Fehlverhalten bekanntgewesen.

Immer wieder hatte Milke ihre Unschuld beteuert. Zahlreiche deutsche Prominente und Politiker, darunter Uschi Glas und Günther Jauch, hatten sich in der Vergangenheit für sie eingesetzt. Bisher vergebens.

Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung, könnte es doch noch einen Durchbruch in dem Fall Milke geben. Ein US-Berufungsgericht hat wegen erheblicher Zweifel an den Aussagen eines Ermittlers und Hauptbelastungszeugen das Strafmaß vorerst ausgesetzt. „Die Verfassung dieses Landes fordert für jeden Angeklagten einen gerechten Prozess“, schreibt Richter Alex Kozinski in seiner Begründung zur Aufhebung des Todesurteils. „Das ist bei Milke nicht der Fall gewesen.“

Debbie Milke, die in Berlin als Kind eines US-Soldaten und einer deutschen Mutter geboren wurde, war 1989 wegen grausamen Mordes an ihrem Sohn zum Tode verurteilt worden. Die damals 26-jährige geschiedene Mutter hatte ihrem Jungen Christopher kurz vor Weihnachten erzählt, dass er mit zwei Freunden in ein Einkaufszentrum nach Phoenix fahren werde, um dort den Weihnachtsmann zu treffen. Dafür hatte Milke ihren vier Jahre alten Sohn sogar besonders hübsch angezogen.

Die beiden Männer, Milkes damaliger Freund James Styers und Roger Scott, fuhren mit dem ahnungslosen Christopher jedoch nicht nach Phoenix, sondern in ein abgelegenes Wüstengebiet und töteten den Jungen mit drei Schüssen in den Hinterkopf. Die Leiche verscharrten sie in einem Graben. Die Staatsanwaltschaft warf Milke vor Gericht vor, die Tat zusammen mit den Männern geplant zu haben, um die Lebensversicherung ihres Sohnes von 50.000 Dollar zu kassieren. Bei dem Mord war die Beschuldigte allerdings nicht dabei.

Zweifel an Aussage eines Polizisten

Zehn Monate nach der Anklage wird Debbie Milke im Oktober 1990 wegen Mordes, Verschwörung sowie Kindesentführung und -missbrauchs zum Tode verurteilt. Vor Gericht bestreitet sie die Tat und beteuert immer wieder ihre Unschuld. „Sie ist eine liebende Mutter, die um ihren Sohn trauert“, sagte ihr Anwalt Michael Kimerer damals. Ihre beiden Komplizen, die den Mord gestehen und die Polizei zu der vergrabenen Leiche führen, aber nicht gegen Milke vor Gericht aussagen, werden ebenfalls zum Tode verurteilt. Die beiden sitzen noch heute in der Todeszelle des Hochsicherheitsgefängnisses in Florence, Arizona, und warten auf ihre Hinrichtung.

In ihrer Anklage stützt sich die Staatsanwaltschaft fast ausschließlich auf ihren Hauptbelastungszeugen Armando Saldate. Der Chef-Ermittler der Polizei von Phoenix behauptet, Milke habe in einem Verhör ihm gegenüber den Mord gestanden. Sie habe die Tat damit begründet, dass die Angeklagte das Kind ohnehin nicht haben wollte. Milke, so Saldate, soll am Anfang ihrer Schwangerschaft an eine Abtreibung gedacht haben. Eine Tonband-Aufzeichnung des Verhörs und des angeblichen Geständnisses gibt es jedoch nicht.

Milke bestreitet während der Gerichtsverhandlung vehement, die Tat gestanden zu haben und beteuert ihre Unschuld. Die zwölf Juroren glauben ihr nicht und verurteilen sie zum Tode. Seitdem sitzt Milke als eine von drei Frauen in der Todeszelle im Frauengefängnis von Goodyear, 20 Autominuten östlich von Phoenix.

Milke entkam 1997 der Giftspritze

Im Jahr 1997 stand Milke dabei bereits kurz vor ihrer Hinrichtung durch die Giftspritze. Einen entsprechenden Vollzugsbefehl soll es damals bereits gegeben haben. Ihre Verteidigung konnte die Exekution jedoch vor dem Obersten Gericht von Arizona stoppen. Als Begründung gaben die Richter an, dass Milke noch nicht alle Instanzen ausgeschöpft hätte.

In Deutschland löste der umstrittene Mordfall eine Welle der Unterstützung unter Prominenten und Politiker aus. Uschi Glas beteiligte sich dabei an einer Unterschriftensammlung. „Debbie beteuert bis heute ihre Unschuld“, begründete die Schauspielerin im Jahr 2000 in einem Fernseh-Interview ihren Einsatz. Laut der Webseite der Familie, www.debbiemilke.com, unterstützen auch Richard von Weizsäcker, Alfred Biolek, Wolfgang Peterson, Elke Sommer, Otto Sander und Günther Jauch die Verurteilte.

„Es gibt keine Zeugen, kein Geständnis, einfach nichts“, sagt Milkes Anwalt Michael Kimerer. Mehr als 22 Jahre nach dem Todesurteil an der gebürtigen Berlinerin scheinen sich die Zweifel an dem Hauptzeugen Saldate zu bestätigen. Der offenbar übereifrige Polizist muss dabei nicht nur im Prozess gegen Milke, sondern auch in mindestens sieben anderen Fällen unter Eid gelogen haben. Dabei soll er auch Geständnisse der Angeklagten erfunden haben. Auch diese Urteile wurden mittlerweile außer Kraft gesetzt und müssen neu verhandelt werden.

Innerhalb von 30 Tagen muss die Staatsanwaltschaft jetzt entscheiden, ob sie den Fall neu aufrollen und verhandeln will. Zieht sie aufgrund der neuen Fakten und mittlerweile schwachen Beweislage die Anklage zurück, ist Milke frei.