Mordverdacht

Pistorius bricht bei Mordanklage in Tränen aus

Die Anklage lautet Mord: Der südafrikanische Paralympics-Star soll seine Freundin erschossen haben. Eine Ikone der Sportwelt ist zerstört.

Foto: Str / AP

Gegen Oscar Pistorius ist am Freitag vor Gericht in Südafrikas Hauptstadt Pretoria Mordanklage erhoben worden. Der sechsmalige Paralympics-Gewinner soll in der Nacht zum Donnerstag in seinem Haus seine Freundin Reeva Steenkamp (29) erschossen haben.

Der 26-Jährige, der am Freitag um 9 Uhr dem Haftrichter vorgeführt worden war, brach bei Erhebung der Mordanklage in Tränen aus. Pistorius ist der erste amputierte Athlet, der sowohl an Paralympics als auch an Olympischen Spielen teilgenommen hat. In seiner südafrikanischen Heimat wird Pistorius wegen seiner sportlichen Erfolge als Held verehrt. Doch nun liegt sein Ruf in Trümmern.

Tödlicher Valentinstag

Pistorius Freundin hatte sich gefreut. Auf den Valentinstag, den Tag der Liebenden, den sie mit ihrem Freund verbringen wollte. Am Abend zuvor hatte Reeva Steenkamp auf Twitter einen Tweet veröffentlicht. Dort fragte sie: „Was habt Ihr für Euren Liebsten morgen vor???“ Hinzu fügte sie den Hashtag #getexcited (bin aufgeregt). Wenige Stunden später war das Model tot. Erschossen von seinem Freund.

Was dann kommt, sind Bilder, die die internationale Sportwelt erschüttern wie wohl seit der spektakulären Verhaftung des mordverdächtigen American-Football-Stars O. J. Simpson im Jahr 1994 nicht mehr. Am Donnerstagmorgen wird der Paralympics-Star Oscar Pistorius in Handschellen aus seinem Haus in Pretoria geführt.

Der berühmte Leichtathlet hat die Kapuze seiner silbernen Trainingsjacke tief ins Gesicht gezogen, auf dem Rücksitz des Polizeiwagens, mit dem er von dem Grundstück der Wohnanlage „Silver Woods“ gefahren wird, beugt er den Oberkörper weit auf die Knie. Deckung vor den Kameras, deren Nähe Oscar Pistorius so oft gesucht hatte.

Gegen vier Uhr morgens, so heißt es später, hatte der 26-Jährige seine Freundin erschossen. Die 30 Jahre alte Reeva Steenkamp wurde von vier Schüssen getroffen. Sie erlitt Verletzungen an Oberkörper und Kopf und starb noch vor Ort.

Überraschung am Valentinstag endete tödlich

Die blonde junge Frau war selbst ein Star, zumindest in ihrer Heimat Südafrika. Steenkamp, die eine abgeschlossene juristische Ausbildung hatte, arbeitete als TV-Moderatorin und war ein gefragtes Model, die in Südafrika bereits für das Cover des Lifestyle-Magazins „FHM“ posierte.

Kürzlich nahm sie an der südafrikanischen Variante von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ teil. Ihr Management bestätigte ihren Tod: „Wir sind geschockt.“ Steenkamp und Pistorius waren offenbar seit einigen Monaten ein Paar.

Südafrikanische Medien spekulierten – teilweise unter Bezug auf eine anonyme Polizeiquelle – Steenkamp habe ihren Freund in der Nacht zum Valentinstag überraschen wollen, und Pistorius habe sie für einen Einbrecher gehalten.

Doch Polizeisprecherin Denise Beukes bestätigt diesen Hergang am Nachmittag nicht. Die Polizei habe Zeugenaussagen vorliegen, denen zufolge „es im Haus Schreie gegeben hat“, sagt Beukes. Außer der Verstorbenen und dem Verdächtigen habe es nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen keine Anwesenden am Tatort gegeben.

Am Freitagmorgen wurde nun Mordanklage gegen Oscar Pistorius erhoben.

Der Verdächtige werde nun untersucht, dazu gehörten Bluttests und eine Untersuchung der Fingernägel nach DNA-Spuren. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ sei der Verdächtige kooperativ. Nebulös erwähnt die Sprecherin auch „Zwischenfälle häuslicher Art“, die es in der Vergangenheit in Pistorius’ Haus gegeben habe.

Nähere Details nennt sie nicht. Diese Andeutung ist ein erstaunlicher Vorgang. Denn entsprechende Anklagen gegen den Sportler sind nicht bekannt, auch wenn sein extrovertierter Lebensstil bisweilen für Schlagzeilen sorgte.

Einer der einflussreichsten Menschen der Welt

Der Liebhaber schneller Sportwagen hatte einen Bootsunfall, bei dem Alkohol im Spiel war. Eine Ex-Freundin warf ihm öffentlich Untreue vor, und im vergangenen Jahr drohte Pistorius laut der Zeitung „The Star“ einem Nebenbuhler, ihm die Beine zu brechen.

Seinem internationalen Image als Vorkämpfer für Toleranz und Willenskraft vermochte das kaum zu schaden. Nicht nur in Südafrika gilt er als großer Star, seitdem er sich juristisch das Recht erkämpfte, als beinamputierter Sportler bei Olympischen Spielen antreten zu dürfen, und so die Kluft zwischen behinderten und nicht-behinderten Sportlern einriss. Das „Time“-Magazin zählte ihn im Jahr 2008 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Ein fast ikonisches Bild liegt in Trümmern.

Pistorius verbrachte Donnerstagnacht in Untersuchungshaft, Freitagmorgen wird er dem Haftrichter in Pretoria vorgeführt. Dann geht es um weit mehr als seinen Ruf, um mehr als eine Biografie, die inspiriert hat wie wenige andere. Es geht um sein Leben. Und das, welches er ausgelöscht hat, ob mit Absicht oder nicht.

„Er ist traurig im Moment“, sagte sein Vater Henke Pistorius dem Radiosender SABC. „Wenn jemand ein Statement abgibt, dann muss das Oscar selbst sein.“

Angst vor Verbrechen allgegenwärtig

Der Sportler wird vor Gericht viele Fragen beantworten müssen. Sein Haus befindet sich in einem ummauerten Sicherheitskomplex. In solchen Anlagen haben viele wohlhabende Südafrikaner als Reaktion auf die hohe Kriminalität ihre Häuser und Wohnungen, sie sind mit Wachleuten und einem zentralen Eingang besonders geschützt.

Allerdings ereignen sich auch hier immer wieder Einbrüche, da bekannt ist, dass hinter den Mauern eines „Security Complex“ meist überdurchschnittlich reiche Menschen wohnen. Die Polizei nannte das Anwesen von Pistorius „sehr sicher“, private Sicherheitsleute sagten dem TV-Sender ENCA, es habe seit vier Jahren keine Beschwerden wegen Einbrüchen gegeben.

Pistorius hatte dennoch eine Pistole (neun mm) und offenbar auch eine Lizenz dafür. Das war öffentlich bekannt, vor gut einem Jahr zeigte er sie bereitwillig einem Reporter der Zeitung „NY Times“ und ging mit ihm sogar zu einem Schießstand. In Südafrika ist die Angst vor Verbrechen besonders in der Provinz Gauteng, wo sich Pistorius’ Haus befindet, allgegenwärtig.

Obwohl die Zahl der Morde, Raubüberfälle und schweren Körperverletzungen zuletzt leicht sank, hat das Land weiterhin eine der höchsten registrierten Kriminalitätsraten der Welt. Täglich werden im Schnitt 44 Menschen ermordet, jeder achte neu geschaffene Arbeitsplatz ist in der privaten Sicherheitsbranche.

Ein Botschafter der Hoffnung auf das Unmögliche

In Südafrika regten am Donnerstag mehrere Analysten eine Debatte zum Waffenbesitz an. Dieser ist weit strenger reglementiert als in den USA, allerdings gehört die Nation wegen der Jahrzehnte des Befreiungskampfes gegen Apartheid und der hohen Kriminalität zu den Ländern mit den meisten Waffen in Privatbesitz außerhalb von Kriegsgebieten.

Mit dieser Seite des Landes war Pistorius nie assoziiert worden. Eher mit dem schönen Bild der Regenbogennation, die entgegen aller Wahrscheinlichkeit den friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie geschafft hat. Ein Botschafter der Hoffnung auf das Unmögliche.

Pistorius wurden im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel amputiert, er war mit verkrüppelten Füßen geboren worden. Im Behindertensport hält der Leichtathlet mehrere Weltrekorde über Sprintdistanzen, er gewann sechs Goldmedaillen bei Paralympischen Spielen.

In den Jahren 2007 und 2008 hatte es eine massive Debatte zu der Frage gegeben, ob sich der „Blade Runner“ Pistorius mit seinen Prothesen aus Karbon einen Vorteil gegenüber nicht-behinderten Sportlern verschafft. Der Südafrikaner bekam nach einem langen Rechtsstreit mit dem Internationalen Leichtathletikverband IAAF schließlich die Starterlaubnis für die Olympischen Spiele 2008, verpasste aber die Qualifikation.

Erster Dollar-Millionär des Behindertensports

Im Jahr 2011 war er in Südkorea der erste Leichtathlet mit amputierten Beinen, der an Weltmeisterschaften teilnehmen durfte. Der extrovertierte Leichtathlet erreichte über die 400-m-Distanz das Halbfinale. Im vergangenen Jahr nominierte ihn der südafrikanische Leichtathletik-Verband schließlich für die Olympischen Spiele in London, wo er zum ersten beidbeinig amputierten Athleten der olympischen Geschichte wurde.

Seine inspirierende Geschichte hat ihn zum ersten Dollar-Millionär des Behindertensports gemacht. Seine Autobiografie hat sich Zehntausende Male verkauft. Während bei den Paralympischen Spielen die Einschaltquoten immer weiter stiegen, hat der Mann mit dem leicht zu vermarktenden Lächeln über ein Dutzend Sponsoren gewonnen.

Nike hat sein Logo auf seinen Prothesen platziert, auch Parfüm- und Brillenhersteller werben in teilweise futuristisch anmutenden Werbespots mit ihm. Immer wieder gab es Gerüchte, dass sich Filmproduzenten aus Hollywood für seine Geschichte interessieren. Eine solche Wendung hätte sich wohl kein Drehbuchschreiber einfallen lassen.

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