Web 2.0

Internet-Genie nimmt sich vor Prozess das Leben

Aaron Swartz galt als Wunderkind des Web 2.0. Nach seinem Selbstmord mit nur 26 Jahren rollt eine Protestlawine durch das Netz.

Foto: Sage Ross / dpa

Der als Internet-Genie gefeierte Mitbegründer der Social-News-Webseite Reddit und des Onlinedienstes RSS, Aaron Swartz, hat sich kurz vor dem Beginn seines Strafprozesses wegen Datendiebstahls das Leben genommen.

Der 26-Jährige sei am Freitagabend im New Yorker Stadtteil Brooklyn erhängt aufgefunden worden, sagte eine Sprecherin der New Yorker Gerichtsmedizin der Nachrichtenagentur AFP. Swartz hatte sich auch als Aktivist für den freien Zugang zu Inhalten im Internet eingesetzt.

Diebstahl von Millionen Artikeln

Der Prozess gegen Swartz sollte in wenigen Wochen beginnen. Ihm wurde Diebstahl von Millionen wissenschaftlicher und literarischer Artikel vom JSTOR-Dienst, der nur für zahlende Abonnenten zugänglich ist, vorgeworfen.

Swartz drohte bei einer Verurteilung eine langjährige Haftstrafe und eine Geldbuße von einer Million Dollar (rund 753.000 Euro). Er hatte die Daten mittels eines im Massachusetts Institute of Technology (MIT) versteckten Computers heruntergeladen.

Nach seiner Festnahme in Boston im Jahr 2011 erklärte seine Anti-Zensur-Gruppe Demand Progress, die Anklage habe "keinen Sinn". Genauso gut könnte die Justiz jemand ins Gefängnis stecken, der "angeblich zu viele Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen hat".

Familie gibt Staatsanwaltschaft Mitschuld

Die zuständige Staatsanwältin Carmen Ortiz dagegen hatte gesagt, Diebstahl bleibe Diebstahl, ob er mit einem Computer oder einem Brecheisen begangen werde und ob er Dokumente, Daten oder Dollar betreffe.

Swartz' Familie gab der Staatsanwaltschaft und dem MIT eine Mitschuld an dem Suizid. "Aarons Tod ist nicht nur eine persönliche Tragödie. Es ist das Ergebnis eines kriminellen Justizsystems", erklärte die Familie.

Swartz hatte schon vor Jahren von Depressionen berichtet. Er hatte mit 14 am Programm des RSS-Newsfeed mitgeschrieben, mit dem es für Nutzer möglich ist, Updates von Blogs, Nachrichtenseiten und anderen Seiten zu erhalten.

Swartz' Tod schlug in den US-Medien hohe Wellen: Der Reddit-Mitbegründer war beliebt. Mit seinem kompromisslosen Einsatz für die Öffnung von Datenbanken an Universitäten, Gerichten und Behörden galt er als Vorreiter der weltweiten Bewegung für ein transparenteres Regieren und Forschen via Internet.

Anonymous veröffentlicht Trauer-Nachricht

In diversen Nachrufen beklagten viele US-Netzgrößen wie Autor Cory Doctorow oder Netz-Bürgerrechtler Lawrence Lessig seinen Tod und machten ebenso wie die Familie den US-Strafverfolgungsbehörden wegen der harten Vorgehensweise gegen Swartz Vorwürfe.

Auf einer Gedenk-Website wurden mehr als 1500 Links zu urheberrechtlich geschütztem, aber frei verfügbarem wissenschaftlichem Material zusammengetragen. Die Web-Guerilla Anonymous platzierte auf dem MIT-Server eine Trauer-Nachricht.

Swartz war aus dem MIT-Netzwerk heraus bei JSTOR eingebrochen, seine Familie gab neben den Anklägern auch dem Institut die Schuld an seinem Tod. Swartz und das Institut hatten sich zwar außergerichtlich geeinigt, aber bei der Anklage kam auch vom MIT gesammeltes Material zum Einsatz.

MIT-Präsident L. Rafael Reif kündigte eine Untersuchung des Vorgehens des Instituts an. Traurige Ironie: JSTOR öffnete kurz vor Swartz' Tod den Zugang zu einem großen Teil des Archivs.

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