Ein pink-orange-geblümtes Logo prangt auf der Glastür, dahinter ist im Halbdunkel schemenhaft eine goldene Buddha-Figur im Lotussitz zu erkennen. Schon beim Herunterdrücken der Türklinke strömt eine warme, nach Sauna duftende Luft aus dem Raum. Dabei liegt zwischen dem Empfang und dem Trainingsraum noch eine weitere Tür. Dahinter führen Yoga-Schüler bei 40 Grad Raumtemperatur ihre Übungen aus. Gleich wollen sie mir einen Einblick in ihr „Hot Yoga“-Programm geben.

„Hot Yoga“ bei 40 Grad Celsius verbrennt bis zu 700 Kalorien

Die Idee der bei Hitze durchgeführten Konzentrationsübungen stammt von dem indischen Yogameister Bikram Choudhury. Mittlerweile lehren weltweit über 600 Studios die Trendsportart „Bikram-Yoga“, bei der die Kursteilnehmer 26 Yoga-Positionen, sogenannte „Arsanas“, ausführen. Eine Trainingseinheit dauert 90 Minuten. Bei 40 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von circa 40 Prozent sollen die Yogis ins Schwitzen kommen. Das soll den Stoffwechsel anregen und den Körper entgiften – wissenschaftlich belegt ist das nicht. Trotzdem sind immer mehr Yoga-Fans von der populären Methode überzeugt. Angeblich verbrennt der Körper pro Sitzung bis zu 700 Kalorien.

Die Verletzungsgefahr beim heißen Yoga soll wegen der hohen Temperatur deutlich niedriger sein als bei anderen Sportarten. „Man kann sich einfacher dehnen und ist beweglicher – der Körper bleibt auch zwischen den Übungen warm“, sagt Christoph Rempel, Geschäftsführer des Sun Yoga Studios in Friedrichshain.

Wer unter Kreislaufschwäche leidet, darf nicht teilnehmen

Bevor es losgeht, muss ich eine Einverständniserklärung unterschreiben. Nur wer keine gesundheitlichen Probleme wie Kreislaufschwäche oder ein Herzleiden hat, darf am Kurs teilnehmen. „Absolut jeder kann heißes Yoga machen“, sagt Yoga-Lehrerin Julia Isaksen, „so lange der Körper gesund ist und man mindestens 16 Jahre alt ist. Hier trainieren eigentlich alle Altersklassen von 20 bis 70“. Zum Training kommen sowohl Sportler, die ein intensives Ganzkörpertraining absolvieren wollen, als auch Kursteilnehmer, die einfach mal abschalten möchten. „Dadurch, dass man den Körper ein bisschen überfordert und aus der Komfortzone kommt, wird auch der Kopf frei. Man kann entspannen und zu sich selbst finden“, sagt Rempel.

Auf der dünnen blauen Yogamatte habe ich ein extragroßes Frotteehandtuch ausgebreitet. Neben mir steht eine Eineinhalb-Liter-flasche Mineralwasser. Yogalehrerin Julia Isaksen beginnt mit der Tiefenatmung (Pranayama): Hände unter dem Kinn verschränken, Ellbogen nach oben ziehen und reichlich warme Luft in die Lunge pumpen. Schnell merke ich: Dass ich sonst regelmäßig einmal die Woche zum Yoga gehe, nützt mir hier nicht viel. Mein Kreislauf nimmt mir die unerwartete Hitze spürbar übel.

Die erste offizielle Wasserpause gibt es erst nach 25 Minuten

Mein Nachbar trainiert mit nacktem Oberkörper. Bereits nach dreieinhalb Minuten perlt es von seinem Rücken. Ein Blick in den Spiegel zeigt meinen hochroten Kopf. Bei der Adlerhaltung „Garurasana“ soll ich auf einem Bein in die Hocke gehen, das andere Bein hinter dem Standbein verschränken und die Arme umeinander schlingen. Diese Haltung ist allein deshalb schwer einzunehmen, weil meine Haut mittlerweile so nass ist, dass ich ständig abrutsche – und das, obwohl wir erst bei der vierten Übung sind. Knapp 25 Minuten nach Beginn dürfen wir kurz etwas trinken. „Dies ist die erste offizielle Wasserpause“, mahnt die Trainerin. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits vier Mal zur Flasche gegriffen.

Nach einer Stunde Schwitzen schwinden meine Kräfte

Nach 60 Minuten macht meine Kamera schlapp. Das Gerät ist überhitzt, meldet der Bildschirm. Ähnlich geht’s mir auch. Kurze Pause. Bei der nächsten Position – „die Waage“ – ist ein Bein nach hinten gestreckt. Es soll eine gerade Linie mit dem nach vorn geneigten Oberkörper bilden. Während ich wackelnd versuche, die Balance zu halten, fällt mein Blick auf mein Standbein, an dem kleine Tropfen herabrinnen. Mein T-Shirt ist mittlerweile nicht mehr hell-, sondern dunkelgrau.

Yoga-Schülerin Lena hat vor zwei Jahren das erste Mal die heiße Variante der indischen Konzentrationsübungen ausprobiert. Ihr Körper sei beweglicher und straffer geworden. Außerdem habe sie viel bessere Haut als früher und seit vier Monaten keine Kopfschmerzen mehr, verrät mir die 33-Jährige nach dem Kurs. Für andere Sportarten hat sie allerdings kaum noch Zeit: „Zielsetzung ist, drei Mal die Woche zum Training gehen, weil es sich dann am besten im Körper bemerkbar macht. Ab und zu gehe ich aber auch noch klettern.“

Nach dem Yoga soll jeder Teilnehmer mindestens 1,5 Liter trinken

Mein Handtuch ist vollkommen durchweicht. In der Wasserflasche sind nur noch ein paar Tropfen. Noch nie war ich nach dem Sport so müde. „Trinkt mindestens noch eineinhalb Liter Wasser heute Abend“, rät Coach Julia. Brav befolge ich ihre Anweisung. Trotzdem habe ich noch den gesamten nächsten Tag Kopfschmerzen. Für den Kreislauf ist der Sport auf jeden Fall eine Herausforderung. Dafür habe ich erstaunlich wenig Muskelkater. „Es ist normal, anfangs etwas entmutigt zu sein, sich in der Klasse schwindelig zu fühlen oder nachher sogar Entgiftungskopfschmerzen zu haben“, steht in der Broschüre des Studios. Bei regelmäßiger Teilnahme soll der Körper stetig besser mit den tropischen Bedingungen zurechtkommen. Es kann also nur besser werden – beim nächsten Mal.

Das „Sun Yoga“-Studio in Friedrichshain bietet eine Variation der 26 ursprünglichen Übungen an. Denn für die von Bikram entworfene Methode müsste das Studio Patentabgaben zahlen. Ein Halbjahresvertrag kostet hier 95 Euro, eine Zehnerkarte ist für 135 Euro zu haben. Darüber hinaus können sich die Mitglieder unter anderem für 25er-Karten, Tageskarten oder Jahresverträge entscheiden.