„Absolute Mehrheit“

Stefan Raab überzeugt die jungen Zuschauer

Klamauk und Plattitüden? Stefan Raabs Polit-Talk „Absolute Mehrheit“ sorgte für viel Kritik. Doch junge Zuschauer schalteten trotzdem ein.

Foto: Henning Kaiser / dpa /picture alliance

Stefan Raab hatte sich viel vorgenommen. In netto rund 70 Minuten sollten vier Politiker und eine Unternehmerin drei Themen diskutieren, die die Menschen bewegen. Zu viel in zu kurzer Zeit: Die Premiere der Polit-Talkshow „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ in der Nacht zum Montag war so kaum mehr als ein Klamauk mit dem Austausch von Plattitüden. Unterhaltsam und spannend ist das neue ProSieben-Format aber trotzdem. Das liegt daran, dass die Zuschauer per Anruf bestimmen, welche Gäste sie gut fanden.

Und so kann es passieren, dass plötzlich Politiker von Krisenparteien ungewohnte Höhenflüge erleben. Wolfgang Kubicki von der derzeit in Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde kratzenden FDP beispielsweise gewann die Zuschauerabstimmung am Ende mit 42,6 Prozent vor dem stellvertretenden Linke-Vorsitzenden Jan van Aken. Die SPD erreichte mit ihrem ersten Parlamentarischen Geschäftsführer Thomas Oppermann nur Rang drei, vor der Unternehmerin Verena Delius und dem kurzfristig für Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) eingesprungenen Unionsfraktionsvize Michael Fuchs. Charisma entscheidet.

Kubicki als „sympathischer Volkstribun“

Die Gäste redeten über die drei Bereiche soziale Netzwerke, die Energiewende und Steuergerechtigkeit – Themen, die jedes für sich in einer guten Stunde höchstens andiskutiert werden können. Während sich die Gäste stritten, konnten die Zuschauer per SMS oder Telefon demjenigen ihre Stimme geben, mit dem sie am meisten übereinstimmten. „Speedmeinungsbildung“ war Raabs Stichwort dafür. Sollte am Ende jemand die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, würde er mit 100.000 Euro belohnt werden. So mancher Politiker hatte das schon im Vorlauf als anrüchig kritisiert, für Raab hingegen ist es nur die Konsequenz einer zuende gedachten Mediendemokratie.

Sat.1-Nachrichtenchef Peter Limbourg entrollte als eine Art Raabscher Jörg Schönenborn regelmäßig Balkendiagramme auf einem Monitor und informierte damit über den aktuellen Stand. Der erste, der aus dem Rennen flog, war der weißhaarige CDU-Wirtschaftsexperte Michael Fuchs. In der nächsten Runde traf es dann Unternehmerin Delius. Am Ende gewann Wolfgang Kubicki, allerdings nicht mit absoluter Mehrheit, sondern nur mit 42,6 Prozent. Deshalb wanderten die 100.000 Euro in den Jackpot, für die nächste Ausgabe von „Absolute Mehrheit“.

Zum Nachhaken blieb Raab als von Werbepausen Gehetztem keine Zeit. So konnte Kubicki seinen Kontrahenten, die die hohen Strompreise anprangerten, zurufen, den staatlichen Energie-Unternehmen doch einfach eine Preissenkung zu befehlen. Auch van Aken kam mit seinen wohlklingenden Forderungen, Strom zu verschenken, ohne Gegenfragen durch. Die weniger gewieften Rhetoriker dagegen hatten schnell das Nachsehen: Fuchs wurde als erster von den Zuschauern abgewählt, Delius tapfer lächelnd und mit Kubicki flirtend als Zweite.

Siegprämie im Jackpot

Ob Spitzenpolitiker zur Teilnahme zu bewegen sind, wird für Raab offenbar schwierig. Bereits vor der Premiere hatten unter anderem Peter Ramsauer (CSU), Norbert Lammert (CDU) und Patrick Döring (FDP) das Konzept der Sendung, die Politiker von den Zuschauern bewerten zu lassen, harsch kritisiert. Und Altmaier hatte wegen Unstimmigkeiten über die Einladepraxis kurzfristig abgesagt. Aber immerhin sah er sich die Sendung an, wie er via Twitter mitteilte.

Raab, der mit dem Talk Politik auch für die Jugend spannend machen will, machte einen souveränen Eindruck. Polititalkrunden auf ProSieben seien so selten wie gute Unterhaltung in der ARD, unkte er zu Beginn. Man versuche auf jeden Fall eine seriöse Diskussion. Ganz so bierernst wie bei der Konkurrenz geht es dabei aber nicht zu, wie auch schon an der Studio-Deko zu sehen war: Hinter den auf einem Sofa positionierten Gästen hing ein lächelnder Bundesadler mit den Initialien der Sendung (A.M.), an einer Wand ein Porträt von Bundespräsident Joachim Gauck.

Limbourg jedenfalls ist mit der Leistung Raabs zufrieden. Es habe sich gezeigt, dass Raab auch Politik könne, meinte er am Ende. Der Gelobte freute sich über das Kompliment. Er habe die Show spaßig gefunden. „Die Herrschaften hier haben menschliche Antlitze gezeigt.“

25 Prozent der 14- bis 29-Jährigen schalteten ein

Und die Zuschauer gaben seinem Konzept recht: Ungeachtet der Kritik prominenter Politiker hat Raab mit seiner Talkshow „Absolute Mehrheit“ eine gute Quote erzielt und vor allem jüngere Leute angelockt. In der wichtigen Zielgruppe der Zuschauer von 14 bis 49 Jahren betrug der Marktanteil von ProSieben am späten Abend über 18 Prozent und lag damit deutlich über dem Senderschnitt. Bei den 14- bis 29-Jährigen schalteten sogar fast 25 Prozent den Polittalk. Beim Gesamtpublikum blieb Raab hinter Günther Jauch zurück, der noch vor „Absolute Mehrheit“ in der ARD talkte.

Im ersten Presseecho nach dem Debüt überwiegten kritische Stimmen, oft verbunden mit Respekt vor Raabs Frechheit. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sprach „inhaltlich und formattechnisch“ von einem „Reinfall“ und urteilte am Montag online: „Stefan Raabs Versuch als Polit-Talkmaster war insgesamt leicht zu verwechseln mit allen anderen Raab-Produkten bis hin zur Poker-Show, in der es schließlich auch um 100.000 Euro und flotte Sprüche geht.“ „Sueddeutsche.de“ war milder: „Ein vergleichsweise guter Anfang ist gemacht.“ Wegen einer Bemerkung über FDP-Chef Philipp Rösler bezeichnete „Spiegel Online“ Raab als „Spaß-Rassisten“. Er hatte gesagt: „Wenn Rösler das beim Abendessen sieht – hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand.“ Rösler ist in Vietnam geboren und als Kind adoptiert worden.

Wer sich mit der Sendung am Sonntag anfreundete, muss sich noch etwas gedulden: ProSieben wird die nächste Ausgabe von „Absolute Mehrheit“ nach Angaben eines Sprechers wohl erst 2013 bringen.

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