Castingshow

Thomas Gottschalk macht RTL-Größenwahn erträglicher

Der ehemalige ARD-Moderator hat seinen ersten Auftritt beim „Supertalent” hinter sich. Seine Rolle: das gute Gewissen des Privatfernsehens.

Jetzt haben es die todesmutigen Senioren auch zu RTL geschafft. Nein, die Rede ist nicht von Thomas Gottschalk, dem Mann, der als ARD-Moderator in den Sack gehauen hatte, als ihn die Zuschauer des Kukident-Senders mit Liebesentzug straften. Gemeint ist Helmut Wirz, 89 Jahre alt, genannt: der Bungee-Opa. Sein Auftritt war der Höhepunkt zum Auftakt der neuen Staffel der Castingshow „Das Supertalent“. „Ein Leben ohne Risiko ist kein Leben“, verkündete der Adrenalin-Junkie topfit, aber schwerhörig, bevor er sich aus 80 Metern Höhe kopfüber in die Tiefe stürzte.

Als Wirz wie ein Flummi wieder nach oben hüpfte, zerriss ein Schrei die Stille. Das Seil, an dem der Bungee-Opa hing, hatte ein nicht minder todesmutiger Kraftsportler an seinem Körper verknotet. Der Zuschauer konnte förmlich spüren, wie die Wucht des Rückpralls seine Bandscheiben zusammendrückte und die Organe quetschte. Die Jury registrierte es halb entsetzt, halb fasziniert. „Wie kann man sich so was antun?“, fragte Jury-Boss Dieter Bohlen schließlich seinen neuen Kollegen Gottschalk in gespielter Empörung. „Ach Gott“, entfuhr es dem RTL-Rückkehrer, „der sagt sich, mit 88 Jahren wird man leichtsinniger.“ Es klang, als würde er nicht nur über den verrückten Bungee-Opa sprechen, sondern auch ein bisschen über sich selber.

Gottschalk ist nicht irgendwer

Es war seine Premiere auf dem Jurystuhl. Mit 62 Jahren hatte Thomas Gottschalk „rübergemacht“ in die bunte, schrille Plastikwelt des Privatfernsehens. „Supertalent“ statt „Wetten, dass..?“. Die Personalie hatte viele seiner Anhänger im Vorfeld irritiert bis verstört. Gottschalk, das war ja nicht irgendwer. Sein Ruhm war zwar schon verblasst, doch nach 23 Jahren als Moderator von „Wetten, dass..?“ und einem glücklosen Intermezzo als neuer Sandmann der ARD konnte er sich immerhin damit trösten, dass er einen Stern auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz ergattert hat, dem deutschen Pendant zum Walk of Fame in Hollywood. Was hatte so einer jetzt in der Jury des „Supertalents“ verloren? Es ist keine Castingshow im klassischen Sinne, es ist eher eine Freakshow. Ein Gnadenhof für Showponys, die woanders keine Chance haben, weil sie zu jung oder zu alt sind oder sie die Natur mit einer gestörten Selbstwahrnehmung gesegnet hat. Für Menschen wie den Wolfgang-Petry-Doppelgänger Georg, der in der ersten Folge zur Freude des Publikums dreimal ein Nein bekam, weil er sich weigerte, auch nur einen einzigen Ton selber zu singen: „Ich will Vollplayback!“ Entsprechend gespannt fieberten die Gottschalk-Anhänger seiner Premiere bei RTL entgegen. Beim „Supertalent“ war bislang nur einer super. Dieter Bohlen, der Boss, der Jury-Gott, der Alpha-Bonobo.

Super-Dieter und Super-Thommy zusammen an einem Tisch, würde das gut gehen? Eisiges Schweigen. Wer im August die Aufzeichnungen der neuen Folgen im Berliner Tempodrom erlebt hatte, traf zwei Männer, die nur dann miteinander redeten, wenn es gar nicht anders ging. Dieter Bohlen war immer noch der Chef im Ring, das ließ er seinen neuen Kollegen deutlich spüren. Er kassierte den Applaus, Gottschalk wurde von den Teenies im Tempodrom mehr oder minder geduldet. Er konnte einem beinahe leidtun. Wie bestellt und nicht abgeholt saß er an seinem Buzzer und wartete auf seinen Einsatz. Um Zusammenstöße zu vermeiden, hatte RTL Michelle Hunziker als herzigen Puffer zwischen die beiden Rivalen platziert. Die Rollen, sie waren klar verteilt. Die Schöne, der Lautsprecher, die Stimme der Vernunft. Der Charakter der Show entsteht jedoch erst im Schnitt. Und in diesem Fall haben die Cutter ein wahres Wunder vollbracht. Verwundert rieb man sich vor dem Fernsehschirm die Augen. War das wirklich noch das „Supertalent“? Oder hatte RTL „Wetten, dass..?“ geklont? Der geduldete Asylant aus dem Tempodrom, er hatte einem Moderator Platz gemacht, der sich in seiner Rolle als Pendant zum Pöbel gefiel. Der Zuschauer erlebte einen Thomas Gottschalk, wie man ihn noch aus glücklicheren ZDF-Zeiten kennt. Schlagfertig, lakonisch, treffsicher. Seine Messlatte legte er gleich zu Beginn der Sendung fest, bevor ein Papagei die Drohung seiner Besitzerin wahr machte und das Kinderlied „Hänschen klein“ krächzte. Er habe ja eigentlich nur unter der Bedingung zugesagt, dass „nix mit Vögeln kommt“, behauptete er kokett. Zu spät. „Baby-Baby“, flötete der Papagei. „Balla-balla.“ Es waren die üblichen Verdächtigen, die RTL durch die Manege auf der Bühne jagte. Tiere. Kinder. Sensationen. Freaks wie den Möchtegern-Wolle-Petry oder den „Handfurzer“, einen Mann, der Hits mit heißer Luft nachspielen konnte, sogar „Cheri Cheri Lady“, eine Jugendsünde von Dieter Bohlen. Bei diesem Auftritt entfuhr Gottschalk der gehässige Kommentar: „Er hat was aus dem Lied gemacht!“ Jurorin Nummer drei, Michelle Hunziker (35), die zwischen Bohlen und Gottschalk saß, blieb weitgehend farblos, nahm einmal
einen Jungen auf den Schoß, was Gottschalk zur Bemerkung veranlasste: „Du bist weiter als ich, was Michelles Schoß anbelangt ...“

Von den Kandidaten am aufsehenerregendsten war der Bungee-Opa. Bei „Wetten, dass..?“ hätte er keine Chance bekommen. Lebensgefährliche Mutproben sind nämlich tabu, seit sich ein Hobby-Stuntman live auf der Bühne das Genick brach.

Größenwahn mit Methode

Bei RTL hat der Größenwahn Methode. Und ausgerechnet Thomas Gottschalk sorgt nun offenbar dafür, dass es jetzt ein bisschen leichter geworden ist, ihn zu ertragen. Dass man dem Sender verzeiht, dass er die Spielregeln in der neuen Staffel über Bord geworfen und einer Dramaturgie geopfert hat, die darauf abzielt, spannende oder kuriose Momente einzufrieren und bis zum Gehtnichtmehr zu wiederholen.

Vielleicht hat Thomas Gottschalk ausgerechnet hier seine neue Rolle gefunden. Als gutes Gewissen des Privatfernsehens. Unbestechlich in seinem Urteil, menschlicher als Super-Dieter – aber genauso bissig. Diese Stärken wurden deutlich, als ein 20-Jähriger Kandidat namens Jean-Michel die Zuschauer mit einer Ballade rührte, sogar Super-Dieter. Es regnete goldene Sterne, als er einen neuen Buzzer drückte, mit dem die Juroren ihre Favoriten direkt ins Halbfinale wählen können. Einen Tipp gab Bohlen seiner Neuentdeckung auch gleich mit auf den Weg. „Ich habe früher auch für 30 Mark gespielt“, verriet er. „Man darf sich nicht unter Wert verkaufen.“ „Das hast du auch nicht“, beruhigte ihn Thomas Gottschalk. „30 Mark waren okay.“