Filmregisseur

Roman Polanksi über Frauen, Sex und den Mord

Roman Polanski gibt sein erstes persönliches Interview seit seiner Verhaftung vor drei Jahren – in seiner Wohnung in Paris.

Paris – Gerade läuft „A Film Memoir“ über das Leben des Regisseurs im Kino. Dagmar von Taube sprach mit Roman Polanski, 79. Hier die Highlights aus dem Interview mit der „Welt am Sonntag“.

Über Frauen

Ich mag Frauen sehr, mir fällt nur auf, sie vermännlichen zunehmend. Die Frau ist es, die heute die „balls“ hat. Nach 2000 Jahren Geschlechterherrschaft im Westen scheint das Potenzial des Mannes abgenutzt. Die Kerle sind müde, sie geben sich geschlagen. Die Frauen sind jetzt dran. Das ist, unter anderem, auch das Ergebnis der Antibabypille.

Frauen haben ohne Frage viel erreicht mit ihrem Kampf um die Unabhängigkeit, sie haben aber auch viel verloren. Für mich als konservativen Denker bringt der Feminismus schon eine Reihe von äußerst seltsamen Fragen hervor. Ich hoffe, dass den Frauen mehr einfällt als bloßer Revanchismus. Die Emanzipation darf nicht dazu führen, dass die Frauen jetzt Zigarre rauchen, Anzüge tragen und das Gleiche machen wie die Machos vorher. Von Michelle Obama bis hin zu Angela Merkel, es gibt keinen Unterschied, ob ein Mann diese Rolle besetzt oder eine Frau. Es wäre aber doch wünschenswert, dass die Emanzipation der Frau eine neue Qualität des Miteinanders bringt – sozialer, zukunftsorientierter.

Was ich an Frauen bewundere? Die Fähigkeit, Kinder zu gebären. Jeder verdankt sein Leben einer Frau.

Über Glauben

Meine Familie war ganz assimiliert und befolgte keinerlei Gebote der jüdischen Religion, außer bei großen Festen. Als Kind hatte ich keinen Glauben. Ich betete nicht, gar nichts. Was Religion bedeutet, erlebte ich erst später bei diesen katholischen Bauern, wo eine extreme religiöse Inbrunst herrschte. Und ich muss zugeben, die mit diesem Glauben verbundenen Traditionen sind durchaus verführerisch – Weihnachten, Ostern. Ich wurde da so hineingezogen.

Noch viele Jahre nach dem Krieg konnten viele Juden nicht erzählen, dass sie Juden waren. Es war in gewisser Weise sicherer, die „arische“ Identität zu wahren. So auch für mich. Ich war etwa 13 Jahre alt, als mein Vater eine Unterkunft für mich bei einer alten Frau gefunden hatte. Er war gerade aus dem Krieg zurückgekommen. Sie wissen es vielleicht, meine Mutter war in Auschwitz umgekommen. Eines Tages suchte mich dieser Priester auf, er überfiel mich geradezu. Er fragte mich nach Papieren und löcherte mich immerzu, ob ich belegen könne, dass ich getauft sei? Er sagte: „Sieh dich doch an, deine Ohren, deine Nase!“ Und er zerrte mich vor einen Spiegel, um mir zu beweisen, dass ich jüdisch aussah. Ich war noch Wochen danach völlig verstört. Seit diesem Tag gibt es keinen Glauben mehr für mich.

Über seine Verhaftung

in der Schweiz, wegen eines US-Haftbefehls von 1978: Rückblickend denke ich, dass die Schweizer gar nicht anders handeln konnten. Sie mussten erst auf Unterlagen warten, die nachweisen konnten, dass ich meine Strafe damals abgesessen hatte. Nur weigerten sich die Amerikaner, diese Dokumente herauszugeben.

In einer Zelle eingesperrt zu sein war für mich vor allem langweilig, für meine Familie war es schlimm. Die Kinder haben gelitten. Was einen so wütend macht, wirklich irre macht in der Zelle – du bist so hilflos. Am 12. Juli 2010 erhielt mein Rechtsanwalt ein Schreiben vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, das an die US-Botschaft in Bern gerichtet war. Darin hieß es: „Die Auslieferung des Verfolgten wird abgelehnt. Damit ist das Auslieferungsverfahren beendet. Die angeordneten Ersatzmaßnahmen, Kaution, Schriftsperre, Hausarrest mit Fußfessel werden mit sofortiger Wirkung vollends aufgehoben.“

Über den Mord

an seiner Frau Sharon Tate und warum er den Mythos um Charles Manson nie durch einen Film angegriffen hat:

Würde das etwas ändern? Es gibt auch einen Hitler-Kult, oder? Schauen Sie sich Ungarn an. Es gibt so viele Filme, Dokumentationen, Bücher, trotzdem gibt es immer noch diese ungarischen Nazis. Ein Film über Manson, das wäre, als würde man mit Scheiße spielen. Natürlich können Sie daraus Skulpturen basteln – zu persönlich. Sehr saure Trauben. Ich kann den Schmerz mit niemandem teilen, er sitzt fest in mir.

Über Amerika

Amerika ist riesengroß, es leben unendlich viele Menschen dort. Man kann nicht alle in einen Topf werfen. Das wäre so, als würde man sagen, alle Deutschen seien Nazis. Es ist diese Ambivalenz, die die amerikanische Kultur prägt: Zum einen herrscht dort dieser Puritanismus, zum anderen ist es der weltweit größte Produzent von Pornografie. Es ist ein bigotter Kontinent.

Einer meiner Filme sollte im amerikanischen Fernsehen gezeigt werden. Vorher wird geprüft, ob er den moralischen Richtlinien der TV-Anstalten entspricht. Da gibt's dann so ein Verbotsregister, das gilt auch für Filme auf Flügen.

Nicht zeigen dürfen Sie, ich zitiere: „Flugzeugabstürze“, „Bezüge zu Terrorismus oder Terroristen“ – klar. „Webadressen“, „Explosionen“. „Nacktheit“ – weder von vorn noch von hinten. „Weibliche Brustwarzen“ – männliche sind erlaubt. „Das Streicheln von Brüsten“ … Und so weiter und so weiter. Das ist „good clean american fun“! Es hieß immer: America, land of the free. Amerika ist nicht frei. Es ist eine Bevormundungsgesellschaft. Über Liebe

Ich habe nie den Glauben an die Liebe verloren. Liebe ist immer da. Sie lieben immer jemanden oder etwas, es gibt ja auch den Eros der Dinge. Man kann seine Arbeit lieben, ein Tier, die Natur, selbst ein Stück Kuchen. Ich habe noch einmal die Liebe zu einer Frau gefunden, Gott sei Dank, auch wenn ich nicht an ihn glaube. Emmanuelle ist das Beste, was mir passieren konnte. Sie gibt mir Stabilität.

Über Sex

Sex ist der Motor. Er beherrscht unser Denken, da können die Puristen noch so reden. Das ist nun mal der Darwin Call, der uns treibt: Es muss immer weitergehen. Die Evolution ist blind, die Evolution weiß ja gar nicht, dass es inzwischen die Pille gibt. Wir haben Sex, weil die Evolution denkt, so entsteht die Art. Und soll ich Ihnen was sagen: Kinder sind es, die einen jung halten. Nicht Frauen. Durch Kinder bist du immer informiert über das Neueste, ob es technische Geräte sind, neue Musikbands, Klamotten oder Bücher. Ich habe meinen jetzt das Skifahren beigebracht.

Über Deutschland

Der Dreh für den „Pianist“ in Babelsberg war wirklich fantastisch. Ich war beeindruckt von der Professionalität der Menschen, die dort arbeiten. Die gesamte Crew, harte Arbeiter. Dazu diese enormen Bühnen, sodass wir wirklich große Sets bauen konnten.

Man kann Deutschland nicht über Generationen dafür verantwortlich machen, was vor vielen Jahren geschehen ist. Deutschland hat enorme Anstrengungen unternommen, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Ich war sehr überrascht über den Film „Shoah“, diese Dokumentation, in der nicht nur Opfer, sondern auch die Täter, Ex-Nazis, sehr offen gesprochen haben. Ich habe mich nie bedroht gefühlt in Deutschland, nicht einmal unbehaglich.

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