Wohnungsbrand

Kinder in Dortmund wurden Opfer eines Gewaltverbrechens

| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: AFP

Drei Kinder sterben bei einer Familientragödie in Dortmund. Ein Feuer sollte offenbar die Tat verschleiern. Die Ermittlungen gehen weiter.

Die Wohnung hatte nicht mal ein richtiges Namensschild. Der Name steht nur auf einem zerknitterten weißen Zettel an der Tür des grün verputzten Unglückshauses im Dortmunder Norden, direkt neben dem Binnenhafen. Geborstene Fensterscheiben und schwarzer Ruß an der mattgrünen, mit Graffiti verunstalteten Hauswand zeugen von der Tragödie, die sich am frühen Freitagmorgen im Reihenendhaus in Dortmund abgespielt hat. Kriminaltechniker arbeiten dort stundenlang. Man sieht ihre hellen Scheinwerfer von draußen. Über dem Haus kreist ein Polizeihubschrauber. Was ist passiert in der Fichtestraße? Fest steht bisher: Drei Geschwister sind tot. Eine Obduktion ergab, dass sie gewaltsam getötet wurden.

Mutter seit Langem tot

Ein vier Jahre alter Junge und ein zwölf Jahre altes Mädchen starben in der Wohnung im Erdgeschoss. Ihr zehnjähriger Bruder kam zunächst schwer verletzt in ein Krankenhaus, wo er seinen Verletzungen erlag. Die Feuerwehr fand die Kinder, als sie in der Wohnung die Flammen löschen wollte. Polizei und Staatsanwaltschaft teilten am späten Abend mit, dass der Vierjährige und seine Schwester bereits vor Ausbruch des Brandes getötet wurden.

Möglicherweise könnte das Feuer gelegt worden sein, um die Gewalttat zu verschleiern. Der Vater war zum Tatzeitpunkt nicht zu Hause, die Mutter ist seit längerer Zeit tot, wie Polizeisprecher Wolfgang Wieland berichtet. Der Mann wird seelsorgerisch betreut, wie auch die Männer, die die Kinder beim Löschen entdecken. „Es handelt sich wahrscheinlich um eine Familientragödie“, sagt Wieland. Der Vater steht nicht unter Tatverdacht. Der 41-Jährige sei nach einer ersten Befragung in die Obhut seiner Angehörigen übergeben worden.

Anwohner berichten, der Mann habe eine Lebensgefährtin gehabt. „Eine Frau wurde am Morgen mit Handschellen abgeführt“, berichtet Nachbarin Eleni Arvanetedou. Sie habe zudem gesehen, wie Ärzte den Jungen ins Krankenhaus bringen. „Ich habe mich gewundert, dass die Eltern nicht mit dabei waren.“ Viele Anwohner in der ruhigen Straße stehen in Gruppen zusammen, sie können das, was ein paar Häuser weiter passiert ist, nicht fassen. Viele Frauen weinen und klagen. Auch Kinder kommen zum Unglücksort. Sie wollen wissen, ob es ihre Freunde sind, die dort ums Leben gekommen sind.

Die Familie mit türkischen Wurzeln lebte noch nicht lange in der Fichtestraße im Dortmunder Norden. Der Hausverwalter berichtet, vor einem halben Jahr sei sie eingezogen. Erst ins obere Stockwerk, dort brach aber laut Polizei Ende Februar ein Feuer aus. Die Wand um die Fenster ist heute noch verrußt, in den Rahmen klebt Plastikfolie. Damals wurde ein Kind der Familie dafür verantwortlich gemacht, es hatte laut Polizei gezündelt. „Dann ist die Familie ins Erdgeschoss gezogen“, sagt der Verwalter.

Seinen Angaben zufolge war das Jugendamt eingeschaltet, die Miete zahlte das Amt. An Kinder, die mit Feuer gespielt haben, wollen Nachbarn diesmal aber nicht glauben. „Um 5 Uhr morgens? Haben Sie Kinder? Die schlafen um die Zeit“, sagt eine Nachbarin, die ihren Namen nicht nennen will.

Vater oft nicht zu Hause

So bleibt vieles rätselhaft, und die Nachbarn finden keine Erklärungen. „Schauen Sie, ich hab die ganze Zeit Gänsehaut“, sagt Friederike Mitsilengas. Sie wohnt im Haus nebenan und bricht immer wieder in Tränen aus. Von dem früheren Leben in der Erdgeschosswohnung zeugt nur ein noch glänzender roter Vorhang hinter den kaputten Fenstern. Das Mädchen und die zwei Jungen waren regelmäßige Kunden beim Kiosk von Erika Kötter, der ein paar Hundert Meter vom Tatort entfernt liegt. „Gestern um halb zehn waren die Kinder noch hier“, berichtet sie traurig. Die Geschwister seien fast jeden Tag vorbeigekommen, mal um Süßigkeiten zu kaufen, mal nur um Hallo zu sagen.

„Nett, freundlich, ruhig“, beschreibt Kötter sie. Ihr Vater habe allerdings sehr viel Zeit in einem benachbarten Café verbracht. „Die Kinder hat er sich selbst überlassen“, sagt sie.

Die Zwölfjährige habe alles alleine machen müssen. Der Tod der Kinder nimmt sie mit. „Es ist schrecklich, weil ich die Kinder fast jeden Tag gesehen habe.“ Auch Zeynel Aktas, ein Bekannter des Vaters, ist entsetzt. „Er war fast jeden Tag in der Teestube“, erzählt er über den 41-Jährigen. Der Mann habe ihm erzählt, dass er Streit mit seiner Lebensgefährtin habe. Diese habe zudem gesagt, dass sie die Kinder hasse. Aktas hat selbst zwei kleine Kinder, sie spielten oft gemeinsam mit den Opfern. Er empört sich: „Es ist unverantwortlich, die Kinder alleine zu Hause zu lassen.“ Er ist sich aber sicher: „Der Mann hat seine Kinder geliebt.“

( dpa/AFP/tj )

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