Ausflaggung

„MS Deutschland“-Crew will Gauck um Hilfe bitten

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Stefan Beutelsbacher und Sophia Maja Seiderer

Foto: DPA

Die Reederei will ihr Flaggschiff unter der Fahne Maltas fahren lassen. Der Kapitän und seine Crew sträuben sich jedoch.

Ausgerechnet die „MS Deutschland“. Gerade jenes Schiff, das den Namen des Landes trägt, soll nicht mehr unter der Flagge der Bundesrepublik fahren. Soll die schwarz-rot-goldene Fahne am Heck einrollen – und durch die rot-weiße des südeuropäischen Inselstaates Malta ersetzen. Kapitän Andreas Jungblut gefällt das ganz und gar nicht. Mit scharfen Worten rebelliert der Seemann gegen die Entscheidung der Reederei Deilmann. Das kostet ihn jetzt womöglich den Job: Sein Arbeitgeber, sagte Jungblut, habe ihn von Bord geworfen.

Die für den 16. August geplante Ausflaggung des als „Traumschiff“ bekannten Dampfers könnte sich damit zu einem handfesten Streit zwischen Reeder und Besatzung entwickeln. Er sei von der Unternehmensleitung mit einem Schiffsverbot belegt worden, sagte Jungblut der „Bild“-Zeitung. „Das ist ein einmalig würdeloser Fall in der Schifffahrt, dass ein Kapitän von Bord geworfen wird“, schimpfte der Offizier.

Kapitän nicht erwünscht

Die „Deutschland“ liegt derzeit in London vor Anker, weil sie nach den Olympischen Spielen die deutschen Sportler nach Hause bringen soll – es wäre die wohl letzte Tour mit deutscher Fahne am Mast. Jetzt sei er eigens nach London gereist, um der Besatzung in dem Streit über die Ausflaggung beizustehen, sagte Jungblut. Der Eigner habe ihm daraufhin mitgeteilt, er sei auf dem Schiff nicht erwünscht. Die Reederei wies die Anschuldigungen zurück. „Es ist nicht richtig, dass Kapitän Jungblut von Bord gejagt wurde“, sagte Sprecherin Kornelia Kneissl. So eiskalt gehe man mit den Mitarbeitern nicht um. Der Kapitän sei während seines schon lange geplanten Urlaubs auf das Schiff gekommen. „Daraufhin wurde er gefragt, warum er nicht seinen Urlaub genieße. Das hat er wohl als unfreundlichen Rauswurf aufgefasst“, sagte Kneissl. Und kritisierte sogleich die öffentliche Schelte des Offiziers: „Wir finden es seltsam, dass der Kapitän die Auseinandersetzung so nachhaltig und kompromisslos über Medien und Öffentlichkeit austrägt.“

Die „Deutschland“ ist das letzte große Kreuzfahrtschiff, das noch unter Schwarz-Rot-Gold fährt. Hintergrund des Streits ist, dass der Münchner Finanzinvestor Aurelius, der die Reederei nach deren Insolvenz im Sommer 2010 übernommen hatte, an Deck künftig die maltesische Fahne hissen will. Dies sei notwendig, weil die Bundesregierung die Schifffahrtshilfen gekürzt habe, hieß es aus dem Unternehmen. Es handele sich um eine normale unternehmerische Entscheidung und werde keinen Einfluss auf Service und Qualität an Bord haben.

Ausflaggungen werden vor allem vorgenommen, um Geld zu sparen, etwa durch niedrigere Löhne für die Crew. Von den mehr als 3700 Schiffen unter der Kontrolle deutscher Reedereien fuhren nach Angaben des Wirtschaftsministeriums Ende 2011 nur 530 unter der Flagge der Bundesrepublik. Im Fall der „MS Deutschland“ muss die Crew aber wohl nicht um ihre Heuer bangen: „Wir sind der Stammmannschaft sehr entgegengekommen, was die Vertragsmodalitäten angeht, sodass die Konditionen für sie gleich bleiben werden“, sagte Reederei-Sprecherin Kneissl.

Dennoch macht Jungblut gegen die Ausflaggung vehement und öffentlich Front. Die „Bild-Zeitung“ zitierte am Freitag aus einem Brief des Kapitäns an Bundespräsident Joachim Gauck. Darin hieß es unter anderem, die Besatzung der „Deutschland“ meine, dass das Schiff sehr wohl unter deutscher Flagge wirtschaftlich fahren könne. „Man wechselt die Flagge nicht wie ein Unterhemd“, soll die Crew geschrieben haben.

Die Besatzung will anlässlich eines Besuchs von Bundespräsident Joachim Gauck an Bord eine Petition überreichen und um Unterstützung des deutschen Staatsoberhaupts bitten. Es darf nicht sein, dass Finanzinvestoren auf ihrer Jagd nach immer höherer Rendite zuerst Fördermittel abgreifen, dann Löhne und Sozialleistungen durch Ausflaggung kürzen und die deutschen Sozialversicherungssysteme unterlaufen, sagte Karl-Heinz Biesold, Schifffahrtsexperte der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), am Freitag.

Die Gewerkschaft, die auch die Interessen von Seeleuten vertritt, bekundete Unterstützung für Kapitän Jungblut und die Crew. „Es gibt nur eine Lösung: Das Schiff bleibt unter deutscher Flagge, und alle sozial- und tarifrechtlichen Fragen werden eingehalten“, erklärte Biesold. Eine „unterschriftsreife“ Vereinbarung zur Sicherung der Interessen von Seeleuten und Reederei liege seit Wochen vor. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Hans-Joachim Otto (FDP), warf der Reederei in einem Beitrag auf seiner Facebook-Seite vor, sie lasse „jegliches Fingerspitzengefühl“ vermissen.

Gegen Einmischung aus der Politik

Die Deilmann-Sprecherin verwahrte sich gegen Einmischungen aus der Politik. Bei der geplanten Ausflaggung nach Malta handle es sich um eine „unternehmerische Entscheidung“, bei der es um „sehr, sehr hohe Beträge“ gehe, sagte sie in London. Aufgrund der zuletzt drastisch gekürzten Fördermittel für die Schifffahrt seien die Kosten des Betriebs unter deutscher Flagge gestiegen.

Womöglich haben die Offiziere und Matrosen der „Deutschland“ sogar persönlich Gelegenheit, ihr Leid dem Staatsoberhaupt zu klagen: Dem Bundespräsidialamt zufolge wird Gauck am Sonnabend zu einem Frühstück mit Teilnehmern des olympischen Jugendlagers erwartet – hoch oben auf dem Sonnendeck des Traumschiffs „Deutschland“.

( mit dpa )

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