Geiselnahme

Nur ein Sozialarbeiter überlebte das Blutbad in Karlsruhe

| Lesedauer: 5 Minuten
Hannelore Crolly

Das Trauma von Karlsruhe: Bei einer Zwangsräumung tötet ein Mann fünf Menschen. Der einzige Überlebende wird nun psychisch betreut.

Für den Sozialarbeiter Holger Kühn (Name von der Redaktion geändert) war es ein Einsatz wie Hunderte zuvor, keinerlei Auffälligkeiten, reine Routine. Eine 55-Jährige in der Karlsruher Nordstadt sollte ihre zwangsversteigerte Wohnung räumen. Der neue Besitzer wollte an diesem Morgen um acht Uhr mitkommen, der Gerichtsvollzieher hatte wie üblich einen Transporter geordert. Ein Mann vom Schlüsseldienst sollte die kleine Gruppe begleiten. Kühns Aufgabe würde es sein, die Frau zu beraten und wenn nötig zu beruhigen. Danach, so der Plan, würde er sie in einer Notunterkunft der Stadt einquartieren. Bei der Wohnungssuche helfen wollte der Mittvierziger auch.

Menschen reagieren sehr unterschiedlich und oft unkalkulierbar auf den Verlust ihres Zuhauses. Manche sind verzweifelt, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, um sie zu „entsetzen“, wie eine Zwangsräumung im spröden Juristendeutsch so seltsam trefflich heißt. Andere sind verschwunden und haben Müllberge hinterlassen. Und natürlich kommt es auch zu Konflikten, Schimpfworten, Drohungen. Holger Kühn ist dafür geschult. Der politisch und gesellschaftlich engagierte Badener hat viel Erfahrung. Seit Jahren betreut er für das Sozialamt in der badischen Residenzstadt Menschen in Wohnungsnot. Rund 15 Zwangsräumungen gibt es dort jeden Monat, ebenso viele werden durch Beratung noch verhindert. Auch die 55-Jährige versuchte Kühn vorab zu kontaktieren, aber ohne Erfolg. Er kann gut mit Menschen, sagen alle, die ihn kennen. „Ein klasse Mann“, lobt der Präsident des Amtsgerichts, Jörg Müller, „eine unschätzbare Hilfe für uns und unsere Gerichtsvollzieher.“

Von langer Hand geplant

Doch an diesem Mittwochmorgen eskaliert die Lage. In der Dreizimmerwohnung verlieren fünf Menschen ihr Leben. Der Gerichtsvollzieher, der Schlüsselmann, die Ex-Eigentümerin und der neue Besitzer, sie alle werden von dem Lebensgefährten der 55-Jährigen hingerichtet. Danach jagt sich der Franzose Bernard L. selbst eine Ladung Schrot in den Kopf. Der Schlosser Mustafa G., 33, hinterlässt zwei kleine Kinder und eine hochschwangere Frau. Als sie vom Tod ihres Mannes erfährt, bricht sie zusammen. Kurz danach muss ihr Baby, ein Mädchen, per Notkaiserschnitt geholt werden.

Von allen direkt Beteiligten hat Holger Kühn als einziger überlebt. Er kann noch nicht wieder arbeiten und muss psychologisch betreut werden, ebenso wie seine Kollegen. Es wird wohl nie ganz geklärt werden können, warum L. den Sozialarbeiter gehen ließ, bevor er seine Geiseln tötete. Die Polizei mutmaßt, dass L. die Geiselnahme lange geplant hatte und mit seinem Waffenarsenal prahlen wollte. „Schau mich noch mal an“, rief der 53-Jährige und zeigte auf eine Schrotflinte, ein Gewehr und zwei Pistolen. Auch eine Übungshandgranate war da. Holger Kühn hielt sie für echt.

Um 8.53 Uhr konnte der Sozialarbeiter endlich die Treppe hinabrennen und die Polizei alarmieren. Der Mann hat Schreckliches erlebt. Mit einem Kabelbinder gefesselt saß er auf dem Sofa und musste mit ansehen, wie L. dem Gerichtsvollzieher in den Schenkel schoss und fünf Mal auf Mustafa G. feuerte, als dieser ihn entwaffnen wollte. Trotzdem versuchte Kühn, den Mann zu beruhigen. „Ich bin doch hier, um Ihnen zu helfen“, sagte er immer wieder. Doch L. blieb ungerührt. Er rauchte und trank Bier. Es ist tragisch, dass ausgerechnet in Karlsruhe eine Zwangsräumung so schrecklich endete. Denn die Stadt gibt sich besonders viel Mühe mit Wohnungsnot. Das Sozialamt hat extra die „Fachstelle Wohnungssicherung“ geschaffen, wo Kühn und seine Kollegen Hilfe bieten. Nur wenige Städte leisten sich solch ein Angebot.

Über den Täter weiß man bislang wenig: Er zog vor mehr als zehn Jahren mit seiner Freundin zusammen und soll „überaus zurückgezogen gelebt“ haben. Seinen Wohnsitz im Elsass soll er damals aufgegeben haben. Beide waren arbeitslos. Weil die Frau mit den Zahlungen an die Hausgemeinschaft im Rückstand war, wurde im April die Wohnung zwangsversteigert. Die Frau sollte in eine Übergangsunterkunft der Stadt ziehen. Für den Mann war hingegen keine Übergangsbleibe geplant, weil er nicht in der Stadt gemeldet war.

Geldnot scheint nicht das Tatmotiv gewesen zu sein. Vom Erlös der zwangsversteigerten Wohnung seien noch mehrere zehntausend Euro übrig geblieben. Die beim Amtsgericht Karlsruhe hinterlegte Summe war allerdings nicht abgerufen worden. Ob Beziehungsstreit, eine Erkrankung oder eine psychische Störung: „Denkbar ist alles“, sagte ein Polizeisprecher. Eine 15-köpfige „Ermittlungsgruppe Kanalweg“ soll Licht ins Dunkel bringen.

In Karlsruhe ist die Trauer und Betroffenheit groß. Unter den Opfern waren auch zwei Familienväter. Für die Opfer wird es am Mittwoch eine Gedenkveranstaltung in der evangelischen Stadtkirche Karlsruhe geben. Das Regierungspräsidium hat – wie schon die Stadt – für die Dienstgebäude des Landes Trauerbeflaggung im Stadtgebiet angeordnet. Im Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus. „Die Anteilnahme ist sehr groß“, sagte ein Sprecher am Freitag. Mit dpa

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