Arzneimittelreport

Frauen bekommen mehr Medikamente verschrieben als Männer

Ein Arzneimittelreport warnt vor unnötigen Verordnungen. Schmerzmittel sollen nur noch in kleinen Packungen verkauft werden.

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Frauen bekommen in Deutschland zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka und Schlafmittel verordnet als Männer. Das geht aus dem Arzneimittelreport 2012 hervor, den die Barmer GEK am Dienstag in Berlin vorstellte. Aus medizinischer Sicht seien solche Geschlechterunterschiede kaum begründbar. Zudem bestehe durch Psychopharmaka und Schlafmittel „ein hohes Abhängigkeitsrisiko“, warnen die Autoren der Studie. Bereits 1,2 Millionen Menschen seien von solchen Mitteln abhängig, zwei Drittel davon ältere Frauen. Gängige Schmerzmittel sollen nur noch in kleinen Packungen ohne Rezept verkauft werden. Das empfahl ein maßgeblicher Ausschuss beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn am Dienstag.

Mehr psychisch bedingte Fehlzeiten

Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse, die ebenfalls am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, ist im Schnitt jeder Beschäftigte in Deutschland zwei Tage im Jahr aufgrund einer psychischen Diagnose krankgeschrieben. Die psychisch bedingten Fehlzeiten stiegen 2011 um 6,3 Prozent. Ein erhöhtes Risiko haben laut TK Beschäftigte in Dienstleistungsberufen wie Callcenter sowie Pflegepersonal und Erzieher. „Dass diese Berufe häufiger von Frauen ausgeübt werden, ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass weibliche Erwerbspersonen seelisch belasteter sind“, sagte TK-Chef Norbert Klusen. Dies gelte vor allem für Beschäftigte zwischen Mitte 30 und Mitte 50. Diese Generation sei oft doppelt oder dreifach belastet, durch Karriere, Kinder und nicht selten pflegebedürftige Eltern.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind

„Frauen leiden an der Psyche, Männer an ihrem Körper“, sagte der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske, der den Arzneimittelreport für die Barmer GEK erstellt hat. Die auffällig hohe Verordnung von Psychopharmaka an Frauen hänge auch damit zusammen, dass diese öfter zum Arzt gingen und eher bereit seien, über ihre psychischen Belastungen zu sprechen. Das Risiko sei dann groß, vom Arzt mit Antidepressiva, Schmerz- und Beruhigungsmitteln abgefunden zu werden. Typischerweise begännen weibliche Karrieren der Medikamentensucht im Alter zwischen 45 und 50 Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus seien. Glaeske beklagte, dass die Mittel mit hohem Abhängigkeitspotenzial inzwischen zunehmend auf privaten Rezepten verschrieben würden. Die Quote liege bei über 50 Prozent. „Wir werden mit den Ärzten reden müssen“, lautet das Fazit von Barmer-GEK-Vizechef Rolf Ulrich Schlenker.

Frauen bekommen billigere Medikamente

Das Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen hat für den Arzneimittelreport die Verschreibungen der 9,1 Millionen Barmer-GEK-Versicherten aus dem Jahr 2011 untersucht. Danach bekommen Frauen auch insgesamt ein Fünftel mehr Medikamente als die Männer verordnet. Auf 100 Frauen entfielen 937 Verordnungen im Jahr, die Männer kamen auf 763 Verordnungen. Allerdings bekommen Frauen oft die billigeren Medikamente verschrieben. Im Schnitt kostet eine Verordnung für Männer 54 Euro, eine für Frauen nur 48 Euro.

3,9 Mrd. Euro für Arzneimittel

Insgesamt gab die Barmer GEK, die größte deutsche Ersatzkasse, rund 3,9 Mrd. Euro für Arzneimittel aus. Das war ein Zuwachs von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Neue, teure Spezialpräparate gegen Rheuma, Multiple Sklerose oder Krebs machten nur rund drei Prozent der Verordnungen, aber rund 32 Prozent der Kosten aus. Rund die Hälfte aller Ausgaben entfallen auf patentgeschützte Arzneimittel, 14 Prozent auf Medikamente mit abgelaufenem Patentschutz und ein Drittel auf Nachahmerprodukte (Generika).

Zusatznutzen nachweisen

Barmer-GEK-Vizechef Schlenker nannte die Kostenentwicklung höchst erfreulich. Er führte die gebremste Ausgabendynamik auf das Arzneimittelneuordnungsgesetz zurück. Die Pharmafirmen müssen jetzt den Zusatznutzen neuer Medikamente nachweisen, wenn sie die Medikamente auf den Markt bringen und hohe Preise fordern. „Das trennt die Spreu vom Weizen“, meinte Schlenker. Bislang wurden nur zwei von 20 Präparaten ein hoher Zusatznutzen bescheinigt. Der Kassenchef sieht damit die Vermutung bestätigt, „dass bisher einfach zu viele neue Produkte ohne Zusatznutzen auf den deutschen Markt gedrückt worden sind“.

Kritische Prüfung

Gleichwohl gibt es laut Gesundheitsforscher Glaeske noch ein Sparpotenzial von bis zu zehn Prozent oder 370 Mio. Euro bei den Arzneimitteln der Kasse. So würden immer noch zu viele Medikamente ohne erkennbaren Zusatznutzen gegenüber bewährten Medikamenten verschrieben. „Neu und teuer“, sei keinesfalls grundsätzlich besser, sagte Glaeske. Er mahnte die Ärzte, neue Arzneimittel kritisch zu überprüfen und nicht dem „Marketinggeklingel“ der Hersteller zu folgen.

Begrenzte Packungsgrößen

Wegen möglicher Nebenwirkungen sollen einige der gängigsten Schmerzmittel nur noch in kleineren Packungen ohne Rezept verkauft werden. Begrenzt werden sollen die Packungsgrößen der frei verkäuflichen Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure (ASS), Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen. Die letzte Entscheidung liegt beim Bundesgesundheitsministerium. „Wir werden die Empfehlung gründlich prüfen“, sagte ein Ministeriumssprecher. Verschreibungsfreie Packungen dieser Mittel sollen laut der Empfehlung auf eine maximale Therapiedauer von vier Tagen begrenzt werden. Größere Packungen sollen verschreibungspflichtig werden. Über einen weiteren Antrag, der Paracetamol der Verschreibungspflicht unterstellen will, war zunächst noch nicht entschieden worden.