Verteidiger

Breivik handelte in "Notwehr gegen den Multikulturalismus"

| Lesedauer: 7 Minuten

Breiviks Verteidiger plädiert zum Abschluss des Prozesses darauf, dass der Attentäter aus "Notwehr" gehandelt habe.

Soviel ist geschrieben und gesprochen worden über Zurechnungsfähigkeit und Wahnsinn, über Skalen, die Schizophrenie messen können, und Verrückte, die sich als Normale tarnen. Soviel ist über den Attentäter diskutiert und gestritten worden im Saal 250 des Osloer Landgerichts, und das zu Recht, denn schließlich soll ein Urteil über den Massenmörder von Oslo und Utoya fallen. Anders Behring Breivik tötete am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen.

Und dann ist es Kirsti Lovli, die alles wieder in eine ganz andere Perspektive rückt, als sie von ihrer Tochter Hanne erzählt. Sie werde nie den Satz vergessen, den die Beamten hervordrucksten, als sie nach drei Tagen quälenden Wartens an ihrer Tür klingelten. "Hanne war zu nah an der Bombe."

Da wusste sie, dass Hanne durch die Bombe vor dem Regierungsgebäude im Zentrum Oslo ums Leben kam. "Aber erst, als der Priester am Donnerstag darauf kam, wurde es bestätigt", sagte Lovli.

Das Rederecht für Hinterbliebene

Am letzten Tag des zehnwöchigen Verfahrens gegen Norwegens Staatsfeind Nummer Eins sollten die Hinterbliebenen und Überlebenden noch einmal das Wort haben, bevor Breivik zum letzten Mal das Rederecht eingeräumt wurde. Fünf Zeugen berichten davon, wie der Tod ihrer Tochter oder das Überleben auf Utoya ihr Leben und das ihrer Familien für immer veränderte.

Lovlis Aussage gehörte wohl zu den eindrücklichsten, die während der zehn Wochen im Saal zu hören waren. "Wir mussten Hannes Wohnung ausräumen, ihr ganzes Leben ausmisten." In wenigen Tagen wäre Hanne 30 Jahre alt geworden, die Familie wollte zusammen mit ihr Geburtstag feiern. "Hanne liebte Weihnachten, sie war eine Meisterin beim Schmücken des Weihnachtsbaumes und Verteilen der Geschenke", berichtet die Mutter. "Es war hart, Weihnachten ohne sie zu feiern, aber wir haben es geschafft."

Am quälendsten sei es gewesen, Hannes letzten Sekunden auf dem Video der Polizei zu sehen. "Sie stand vor einer Tiefgarage und wartete auf ihren Parkschein. Dann ging die Bombe hoch."

Rache oder Hass verspürt Lovli dennoch nicht. "Ich habe mich entschlossen: Vor diesem Mann werde ich keine Angst haben. Er wird mich nicht erschrecken. Das bin ich Hanne schuldig."

In einem Monat wird es genau ein Jahr her sein, seit Norwegen in seinen Grundfesten erschüttert wurde. "Das ist ein besonderes Datum für uns alle", sagt Hannes Mutter. "Und in einer Woche werden wir uns an Hannes Geburtstag versammeln, an ihrem Grabstein. Und dann sind Ferien. Und wir werden nie wieder etwas von diesem Mann hören", sagt Lovli.

Die Verteidigung verabscheut Taten Breiviks

Viele im Saal weinen. Und dann brandet auf einmal Applaus auf von den Bänken, auf denen die Hinterbliebenen sitzen. Es ist ungewöhnlich und eigentlich nicht gern gesehen im Gericht, aber Richterin Arntzen kommentiert den kurzen Emotionsausbruch nicht weiter. Auch sie scheint zu spüren, dass wenigstens die Angehörigen in diesem von Nüchternheit und Sachlichkeit geprägten Prozess Position beziehen wollen.

Zuvor hatte Breiviks Anwalt Geir Lippestad die schwierige Aufgabe, für seinen Mandanten zu plädieren. Lippestad hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die Taten des Angeklagten genauso verabscheut wie jeder andere. Trotzdem aber werde er im Verfahren die Rechte des Angeklagten wahren und seine Interessen vertreten. Breiviks erklärtes Ziel war es stets, nicht in die Psychiatrie zu kommen. "Es war der schlimmste Terroranschlag, der auf norwegischem Boden verübt wurde", begann Lippestad. "Er ist und bleibt unvorstellbar", sagte der Anwalt. Im Folgenden beschränkte Lippestad sich darauf, die Merkmale für eine paranoide Schizophrenie, die Breivik laut dem ersten Gutachten auszeichnet, zu widerlegen. Es sei nicht klar, ob der Angeklagte die Wirklichkeit tatsächlich nicht "generell, umfassend wesentlich" erfassen könne.

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass es im Zweifel vertretbarer sei, einen gesunden Menschen in die Psychiatrie zu schicken als einen Kranken ins Gefängnis. "Da bin ich einverstanden", meinte Lippestad. Es handele sich trotzdem nicht um eine Geisteskrankheit, sondern um eine "rechtsextremes politisches Projekt", so Lippestad. "Der Angeklagte ist zurechnungsfähig", so der Verteidiger um 9.27 Uhr. "Das Ziel hat er in seinem Manifest beschrieben, es war die Befreiuung Europas von Muslimen. Das ist extrem, schlimm zu hören, aber politisch."

Die Anschläge seien nur der Anlass gewesen, um Aufmerksamkeit auf das Manifest zu lenken. Die Mord-Orgie auf Utoya: "Grausam, terroristisch, aber keine wahnhafte Gewaltphantasie."

Klassisches terroristisches Denken

"Er kann lügen", argumentierte Lippestad, aber "nicht in psychotischer Qualität." Breivik wusste, dass er etwas Verrücktes tut. Er habe verstanden, dass es böse war, aber es trotzdem aus freien Stücken getan. "Das ist klassisches terroristisches Denken. Und das versteht man nicht, wenn man nicht die rechtsextreme Kultur kennt", sagt der Verteidiger.

Breivik sei deshalb zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen, und da er in "Notwehr gegen den Multikulturalismus" gehandelt habe, sei eine "zeitbegrenzte Strafe" angebracht, keine anschließende Sicherungsverwahrung. "Entschuldigung", sagt da Breivik und zupft Lippestad am Ärmel. "Ach ja", fügt der schnell an, "wir plädieren auch auf unschuldig". Ganz wohl scheint es dem Verteidiger bei diesem Antrag nicht zu sein.

Der Graben zwischen Breivik und dem Rest der Welt schien immer unüberbrückbar groß zu sein, aber der letzte Tag des Verfahrens lotete diese Untiefen noch tiefer aus. Unni Espeland berichtet von ihrer Tochter Andrine, die als einer der Letzten auf der Südspitze der Insel erschossen worden war. Sie erzählt von der letzten SMS, dass Andrine Chicken Wings geliebt habe und die Casting-Show "Idol". Ich warte immer noch auf sie", sagt die Mutter leise vor Gericht.

Größenwahnsinnigen Paranoiker

Die 15-jährige Lara war als Kleinkind aus dem Irak nach Norwegen gekommen, Breivik erschoss ihre Schwester Bano. "Wir haben alles geteilt, alle Kleider, alle Geheimnisse", sagt sie. "Wir dachten, wir hätten Sicherheit in Norwegen gefunden", sagt Lara. "Die Trauer ist immer da. Aber langsam mischt sich auch etwas Hoffnung hinein."

Nun soll Breivik sprechen, die Angehörigen verlassen den Saal. "Er darf sprechen, aber wir müssen nicht zuhören", sagt ein Hinterbliebener. Den Gefühlen, der Trauer und der Verzweiflung der Angehörigen hat der Attentäter nichts entgegenzusetzen. Er schwadroniert über das angebliche Versagen der "europäischen Massendemokratie" und das "Verschwinden kultur-konservativer Medien", Stanzen und Phrasen, die angesichts des spürbaren Leids umso hohler klingen, je öfter sie der Angeklagte wiederholt.

Seine Verteidiger haben alle Mühe, die Fassung zu wahren. Das Schlusswort, das Breivik doch zur Sicherstellung seiner Zurechnungsfähigkeit nutzen wollte, lässt ihn nun wieder als den größenwahnsinnigen Paranoiker erscheinen, als den ihn das erste Gutachten deutete.

"Wichtig ist für uns nur, dass er nie wieder herauskommt und seinen Hass verbreiten kann", sagt Hannes Mutter.

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