Kritik an Baku

Anke Engelkes politische Punktevergabe beim ESC

Die Moderatorin nutze ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest nicht nur für die Punktvergabe, sondern auch für versteckte Kritik.

Anke Engelke nutzte die wenigen Sekunden vor über 100 Millionen Fernsehzuschauern beim Eurovision Song Contest für einen deutlichen Seitenhieb auf Aserbaidschan. Als eines der letzten von 42 Ländern war Deutschland in der Nacht zu Sonntag an der Reihe, die Punkte für die anderen Länder im ESC-Finale in Baku zu vergeben - die schwedische Favoritin und spätere Siegerin Loreen lag da mit ihrem mystischen Popsong schon uneinholbar vorne. Statt der üblichen Lobhudelei an die Gastgeber für die Show, in der politische Äußerungen eigentlich ausbleiben sollen, gab es von Punkte-Verkünderin Engelke live von der Reeperbahn klare Worte.

In Deutschland war der mehrstündige Contest zur besten Sendezeit im Ersten zu sehen. Engelke, die im vergangenen Jahr den ESC in Düsseldorf moderiert hatte, sagte bei der Punktevergabe auf Englisch: „Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!“

Rund um den ESC war der Kaukasusstaat – der den deutschen Medien einseitige Berichterstattung über das Land vorwirft – besonders beobachtet worden. Während in der Regel bei dem Wettbewerb nur über Musiktitel und Kandidaten diskutiert wird, gab es in diesem Jahr eine heftige Debatte auch über die politische Lage in dem Land. Menschenrechtsorganisationen beklagen Demokratiedefizite. Bei Protesten während des ESC in Baku griff die Polizei mehrfach hart gegen friedliche Demonstranten durch.

Lob von der ARD

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber begrüßte Engelkes kritischen Äußerungen. „Wir sind das einzige Land gewesen, das in der Show etwas gesagt hat“, betonte Schreiber in Baku. Er habe gewusst, dass Engelke sich äußern würde, aber nicht, mit welchen Worten. Sie habe das „in einer charmanten, und doch sehr deutlichen Art gemacht.“

Auch das „Wort zum Sonntag“, das in Baku aufgezeichnet und kurz vor dem ESC-Finale ausgestrahlt wurde, widmete sich Samstagabend dem politischen Thema: Sprecherin und Pastorin Nora Steen sagte: „Viele Menschen hier in Aserbaidschan setzen große Hoffnungen auf den Song Contest.“ Mit dem ESC werde auch der Wunsch verbunden, „dass ganz Europa nicht nur heute Abend ganz genau hinsieht, was in diesem Land geschieht“, sagte sie.

Aserbaidschan war in diesem Jahr erst zum fünften Mal beim ESC dabei. Nach dem Sieg im vergangenen Jahr landete das Land in diesem Jahr mit Sabina Babayeva auf dem vierten Platz.

Mit Gewinner Schweden wird es wohl im kommenden Jahr rund um den ESC kaum eine politische Diskussion geben. Doch für die für den ESC zuständige Europäische Rundfunk-Union (EBU), deren Mitglieder Rundfunkanstalten sind, bleibt die Frage, wie sie mit politisch heiklen Ländern umgeht. So war etwa diskutiert worden, was denn beispielsweise geschehen sollte, sollte das autoritäre Weißrussland den Song Contest gewinnen. EBU-Mediendirektorin Annika Nyberg Frankenhaeuser betonte während des ESC, darüber müsse diskutiert werden, wenn eine solche Situation eintrete. In diesem Jahr war Weißrussland im Halbfinale ausgeschieden.