Grand Prix

Waldfee Loreen triumphiert beim Eurovision Song Contest

Schweden hat den ESC gewonnen. Die Sängerin Loreen setzte sich mit dem mystischen Popsong "Euphoria" gegen die russischen Großmütter durch.

Zum Fußball gehen die Leute, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht, lautet eine stehende Weisheit. Den Eurovision Song Contest (ESC) schaut man, weil es am Ende meist ganz anders ausgeht als gedacht – oder eben nicht. Darin liegt ein gerüttelt Maß des Vergnügens. Und der gemäßigte ESC-Freund will nicht bloß die Sieger sehen, sondern auch die oft peinlichen Darbietungen und schrägen Ideen.

Beim 57. ESC im Kristallpalast von Baku, Aserbaidschan, ist das etwa die albanische Sängerin Rona Nishliu. Sie trägt eine Art Dreadlock-Blumenkohl auf dem Kopf, aus dem eine, nun ja, Wurst herauszukommen scheint, die sich um den Hals legt. Ihr Lied ist überdies die tränenreichste Ballade des Abends – immerhin auch die stimmgewaltigste. Die irischen Zwillinge Jedward hüpfen nach 2011 erneut in albernen Space-Anzügen über die Bühne, ihr Lied ist aber ziemlich mäßig. Auch der britische Sänger Engelbert ist dabei, Jahrgang 1936, seine große Zeit hatte er in den 60er und 70er Jahren, es schnulzt gewaltig und blass.

Geturnt wird auch viel, es geht schließlich um Schauwerte. Die zypriotischen Mädchen-Band um Ivi Adamou sieht aus, als nähme sie in Unterhemdchen an der Turnstunde teil. Frankreich entsendet mehrere Kunstturner mit nacktem Oberkörper, sehr muskulös und adrett. Auch beim Lied aus Norwegen machen Jungs Flick-Flack.

Dann die ganz großen Gefühle, die mit Hilfe von Windmaschinen und pompösen Kleidern zelebriert werden. Beispielhaft im spanischen Beitrag, wenn zu einem gewaltigen Crescendo die Stimme sich erhebt, das Walle-Kleid der Sängerin Pastora Soler durchsichtig wird und zu flattern beginnt.

Party mit den Udmurten

Was Texte betrifft, hier einige Zitate: „La, La, La, La, La-lla, La“ (Zypern), „Hey, Hey, Hey, Hey, Hey“ (Rumänien), „Oh, Oh, Oh, Oh-Oh-Oh, Oh“ (Griechenland), „Hey, Hey, Hey-Hey-Hey-Hey“ (Malta). Die beste selbsterfüllende Prophezeiung entsendet Gastgeber Aserbaidschan. Das Lied heißt „When The Music Dies“, das hat allerdings nicht viele Länder nicht davon abgehalten, dem Beitrag Punkte zu geben.

Immer gut sieht dabei das Bühnenbild von Florian Wieder aus, der dafür auch schon im vergangenen Jahr in Düsseldorf zuständig war. Überhaupt hat Deutschland, mal abgesehen vom Kandidaten Roman Lob, einiges zu dieser Veranstaltung dazugetan: Geplant hat die Kristallhalle das Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg & Partner, gebaut hat sie die Alpine AG Deutschland, den ESC produziert Studio Hamburg.

Und obwohl alles perfekt läuft mit Feuersäulen, Goldregen, Stroboskopen und tiefem Dunkel, greifen viele der rund 120 Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten in Europa bei einigen Stücken sicher intuitiv zur Fernbedienung, um den schnellen Vorlauf einzuschalten, etwa bei dem türkischen Beitrag von Can Bonomo und „Love me back“. Verkleidet als Seemänner führt die Gruppe den Zuschauer direkt ins Reich des Schmerzes. Wo war der Vorlauf?

Aber es gibt auch Herausragendes: Zum ersten Mal toben die 20000 Zuschauer in der Kristallhalle bei Buranowski Babuschki aus Russland. Die sechs Omas aus dem Wolgadorf Buranowo in der Provinz Udmurtien sind die Shooting Stars des ESC. Die Großmütter, die älteste ist 86, in ihren Trachten rocken die Bühne, indem sie um einen rauchenden Ofen herumlaufen. Das Lied ist zum Mitklatschen im Wohnzimmer genauso geeignet wie als Partykracher in der Mallorca-Disco. Herrlicher Quatsch, völlig egal, ob die Großmütterchen überhaupt den Ton treffen.

Lob kommt unter die Top Zehn

Der englischsprachige Text wurde übrigens in einer Küche in Frankfurt/Main erdacht. Beim Kartoffelschälen fiel der Autorin Mary Applegate die Zeilen ein: „Party for everybody. Dance! Come on and dance! Come on and dance! Come on and … Boom! Boom!“ Die russische Delegation jedenfalls feierte schon vor dem Auftritt ausgelassen in ihrem Bereich.

Nina Zilli aus Italien singt auch „Boom Boom Boom“, es geht um den Herzschlag. „L'Amore E' Femmina“ (Out of Love) gehört dennoch zu den wenigen, den man bedenkenlos in eine Playlist einbauen kann. Alle Bekannten werden aufhorchen und fragen: Oh, was ist das denn? Zilli vermag die Diva problemlos zu spielen und stöckelte in Baku auf High Heels und mit Sonnenbrille durch die Hallen, als werde gleich ein Maria-Callas-Wettbewerb abgehalten. Der Song erinnert an Amy Winehouse und an Lady Gaga, die Sängerin tritt auch ähnlich auf wie die beiden Pop-Größen. Allerdings reicht es dann doch nicht für ganz vorn.

Loreen aus Schweden mit „Euphoria“ galt ohnehin als Favorit, sowohl bei den Fans, als auch bei den britischen Buchmachern. Bei Online-Wettbüros setzten bis zu zwei Drittel der Tipper auf einen schwedischen Sieg. Die 28 Jahre alte Sängerin hat marokkanische Wurzeln, sie bewegt sich während des Vortrages im Halbdunkel und gibt die mystisch-wilde Waldfee. Und zum Schluss schneit es Kunstschnee. Das überzeugt zum Schluss.

Deutschlands Kandidat Roman Lob tut da richtig gut, denn der größte Vorteil von „Standing Still“ ist wohl seine Normalität. Im Reigen der 26 Lieder wirkt das Lied nicht überdreht, verrückt. Lob ist ein guter Pop- und Soulsänger, das Lied atmet echte Luft, es taugt fürs Radio, für Playlisten, nicht eben für die Disco. Es ist eingängig, und die leicht veränderte Produktion für den Vortrag in Baku hat gut getan. Lob wollte gerne unter den ersten Zehn landen, es hat gereicht, Platz 8.

So sehen Sieger aus Loreen aus Schweden räumt mit „Euphoria“ beim Eurovision Song Contest ab dpa/Jörg Carstensen