Film

Sacha Baron Cohens großer Auftritt als "Diktator"

| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: REUTERS

Borat-Erfinder Sacha Baron Cohen gibt jetzt im Film den "Diktator": Dreist wie immer und fast so gut wie sein kasachisches Alter Ego.

Er ist zurück, und es drängt sich eigentlich nur eine Frage auf: Warum um allen guten Geschmack in der Welt lassen wir uns eigentlich so gerne von ihm veralbern? Der Komiker Sacha Baron Cohen hat sicherlich viele Stärken. Subtil zu sein gehört jedoch nicht dazu. In der Werkzeugkiste des komischen Metiers ist Cohen der Vorschlaghammer. Seine Kunstfiguren Ali G, Brüno und allen voran Borat haben ihren Kultstatus dadurch erreicht, dass sie meist dreist, oft jenseits der Grenzen des guten Geschmacks und immer ohne Rücksicht auf irgendwelche Befindlichkeiten „voll auf die Zwölf“ gehen. Und weil Cohen – und wir offenbar auch – noch nicht genug vom Siegeszug seiner krawalligen Kunstfiguren haben, schickt der Brite jetzt sein nächstes Alter Ego ins Rennen: den Diktator.

Gut organisiert ist halb gewonnen

Zugegeben, solch einen Auftritt hatten früher nur Muammar al-Gaddafi, Saddam Hussein oder Elizabeth Taylor. Mit großem Gefolge, bezahlten Unterstützern, kurz berockten Leibwächterinnen und ausgewählten Pressefragen hat der Komiker Cohen in New York Hof gehalten. Als „Der Diktator“, die Titelfigur seines neuen Films (Deutschlandstart: 17. Mai), empfing er im edlen „Waldorf-Astoria“ mehr als 100 Journalisten. Und der Diktator, ein arabischer Potentat mit Ölreichtum und Judenhass, teilte ordentlich aus. Gaddafi für Fortgeschrittene.

„Willkommen, Mitglieder der zionistischen Presse“, begrüßte der 40-Jährige die Journalisten. Bei denen beklagte er sich, dass sie einer bedrohten Art nachstellen würden. „Diktatoren! Diese Führer leiden unter täglicher Schikanierung und Diskriminierung, und das nur wegen Unterdrückung, Plünderung und ein klein bisschen Völkermord“, sagte „General-Admiral Aladeen“. Dabei hätten in seiner Heimat die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer, nämlich „gar keine!“.

Auf diesem Niveau bewegt sich der verbale Humor des Potentaten, eben in bester Borat-Tradition. Zum ausgemachten Spaß wird das Ganze erst dann, wenn Cohen voll in seiner Rolle aufgeht: In der mit Orden und Auszeichnungen überhäuften Uniform steht er da und fuchtelt mit einer goldenen Großkaliberpistole in der Luft herum. Und wenn man die Augen schließt und ausblendet, dass es Cohen ist, der dort seine Show abzieht, dann könnte einem vor lauter gespielter Wutanfälle und aufgesetzt gebrochenem Englisch gar angst und bange werden. Vielleicht ist es also nicht nur Ekel und Fremdschämen gepaart mit Hochachtung vor so viel Chuzpe, die uns Cohen immer wieder ertragen und genießen lassen. Vielleicht ist es auch der Respekt vor der Konsequenz, mit der er sein Ding durchzieht.

„Wir Diktatoren sind arm dran“, jammerte Cohens neues Ich also. „So viele meiner Freunde sind tot: Saddam, Kim Jong-il, Gaddafi. Und mein Freund (Irans Präsident) Mahmud Ahmadinedschad kann sich nicht einmal eine Krawatte leisten.“ Der habe neulich sogar sein Lieblings-T-Shirt zweckentfremden müssen, „sein ,Ich hasse New York‘-T-Shirt“.

Und wenn man mal einen fast täuschend echten Diktator da hat, dann wollen wir ja auch etwas über den Menschen hinter den Massenerschießungen erfahren. Und so erzählt der Fantasiepotentat, Ahmadinedschad und er hätten den gleichen Filmgeschmack. „Wir lieben Fantasy. Zum Beispiel ,Herr der Ringe‘ oder ,Schindlers Liste‘.“ Wem da schon das Lachen im Hals stecken bleibt, der erfährt wenigstens zur Erklärung, dass beide auch im gleichen Holocaust-Leugnungsseminar gewesen seien.

Nun aber zu den beinahe echten Problemen. Sein Land, das fiktive Wadiya, werde ungerecht behandelt, quengelt der Diktator. „Bei uns nennt ihr es Völkermord, bei euch das Rechtssystem des Staates Texas.“ Immerhin, der Dikator ist informiert. Das war und ist eine der großen Stärken von Cohens Erfolgsfiguren. Er gibt zu aktuellen Problemen seinen sündhaft süß-sauren Senf dazu. Und deshalb lässt er wissen: Bei den US-Präsidentschaftskandidaten habe er eine klare Präferenz. Der als erzkonservativ geltende Rick Santorum sei ihm der Liebste gewesen, „trotz seiner liberalen Ansichten“. Nach dessen Ausscheiden sei er für Mitt Romney. „Er ist ein bisschen wie ich: Obwohl er reich ist, zahlt er kaum Steuern. Und ständig Leute zu feuern ist doch fast so wie ständig auf Leute zu feuern.“

Ein Hoch auf den Sicherheitsrat

Lobende Worte hatte der Diktator auch für die Vereinten Nationen und Russlands und Chinas Blockadehaltung zu Syrien im Sicherheitsrat. „Tausende Tote, und ihr macht 13 Monate nichts! Gar nichts! Leute, ihr seid toll! Aber denkt daran: Wie wenig man auch für die Menschenrechte tut: Man kann immer noch weniger tun!“

Sicher, die Gags kommen nicht aus dem Stegreif. Auf der sogenannten Pressekonferenz beantwortete Cohen nur Fragen, die zuvor von seinem Team an Journalisten verteilt worden waren. Dafür pries er als arabischer Potentat jeweils die Vorzüge der Länder. „Holland? Schön flach, kann man gut einmarschieren!“ Einer Journalistin aus Südafrika sagte er, ihr Land habe „eine gute Geschichte“, und einer Russin gratulierte er zu Präsident Wladimir Putin, „auch ein sehr professioneller Diktator“. Und einem deutschen Journalisten sagte der „General-Admiral“, er möge das Land: „Deutschland war immer sehr inspirierend.“ Ach, wie haben wir das vermisst.

( BMO )

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos