Es ist kurz vor 17 Uhr. Mehr als 20 Journalisten haben sich bereits im Konferenzraum der Polizeidirektion Osnabrück eingefunden. Zwölf Mikrofone sind auf die zwei leeren Plätze gerichtet, auf denen wenig später Friedo de Vries, Polizeivizepräsident der Polizeidirektion Osnabrück, und Andreas Wenk, Pressesprecher der Polizeidirektion Osnabrück, Platz nehmen sollten. Im hinteren Bereich des Raumes warten sechs Kameras darauf, die Pressekonferenz zur Mordkommission „Parkhaus“ in Emden aufzuzeichnen. So berichtet es die „Osnabrücker Zeitung“.
Die Journalisten erwarten wahrscheinlich keine großen Sensationen mehr, der Fall Lena gilt als aufgeklärt, es kann höchstens neue Details zu der grausigen Tat geben. Doch was de Vries dann verkündet, sorgt bundesweit für ungläubiges Entsetzen. Der verhängnisvolle Satz lautet: „Im Verlauf dieser Ermittlungen ist es in diesem Fall für mich zu nicht nachvollziehbaren Verzögerungen gekommen.“
Denn die „nicht nachvollziehbaren Verzögerungen“ von denen er spricht, haben zu dem Tod der elfjährigen Lena geführt. Lena war am 24. März in einem Parkhaus in Emden tot aufgefunden worden. Sie wurde der Polizei zufolge Opfer einer Sexualstraftat. Sie wurde missbraucht und ermordet, damit sie den Täter nicht verraten kann.
Kurz darauf passiert die erste Panne. Die Polizei fasst den Falschen, einen 17-Jährigen, der nach seiner Freilassung aus Emden fliehen muss. Jeder weiß, wie er heißt, im Internet kursierten Aufrufe zur Lynchjustiz. Dann der Erfolg: Haftbefehl gegen einen 18-jährigen Tatverdächtigen der die Tat gesteht. Es sah aus, als sei der Fall geklärt.
Er wollte aktiv gegen seine Neigung vorgehen
Und nun das Geständnis der Polizei: Schon im November 2011 hatte der 18-Jährige laut de Vries sich selbst angezeigt. Er habe kürzlich Fotos von einem nackten Kind gemacht und kinderpornografisches Material gesammelt. Der Mann habe zu Protokoll gegeben, dass er aktiv gegen seine Neigung vorgehen wolle. Er befinde sich in fachlicher Betreuung und wolle mit der Selbstanzeige einen „Schlusspunkt setzen“. Zusätzlich hatte sein Stiefvater eine Festplatte mit kinderpornografischem Material der Polizei übergeben.
Die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund wurde über die Selbstanzeige des Jungen informiert, so de Vries. Am 30.Dezember 2011 habe es von der Staatsanwaltschaft eine Aufforderung zur Wohnungsdurchsuchung gegeben. Diese sei jedoch bis zu dem Sonntag, an dem der Junge festgenommen wurde, nicht durchgeführt worden.
De Vries sagte weiter, dass es immer sein könne, dass es etwas länger dauere, bis ein Durchsuchungsbefehl durchgesetzt wird. Dass es aber in diesem Fall schneller hätte geschehen müssen. De Vries: „Die Polizei in Emden und Aurich und die Staatsanwaltschaft Hannover wussten Bescheid darüber, dass der 18-Jährige ein Kind pornografisch fotografiert und entsprechendes Material auf seinem PC gehabt haben soll.“ Jetzt, so sagte de Vries, sei intern zu klären, wer dafür die Verantwortung trägt, dass die Beamten nicht aktiv geworden seien.
Polizeitaucher werden nach Beweismitteln suchen
Das alte "Spiel“ mit dem Schwarzen Peter hat begonnen. Die Staatsanwaltschaft Hannover beteuerte umgehend, sie habe rasch gehandelt. Die Strafverfolger hätten „schnell und zügig alles Nötige veranlasst“, sagte Staatsanwältin Kathrin Söfker der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Ihre Behörde erhielt demnach am 9. Dezember 2011 Akten aus Aurich. Daraufhin sei am 14. Dezember ein Durchsuchungsbeschluss beantragt und sechs Tage später erlassen worden. Am 21. Dezember sei dieser nach Aurich gesendet worden und soll dort am 30. Dezember eingegangen sein.
Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) beeilte sich damit, Aufklärung zu versprechen. „Nachdem es der Mordkommission in Emden in kurzer Zeit gelungen ist, den mutmaßlichen Täter zu ermitteln, macht es mich jetzt umso betroffener, dass unmittelbar nach diesem Fahndungserfolg Versäumnisse festgestellt wurden“, sagte Schünemann. „Es muss lückenlos aufgeklärt werden, warum es offensichtlich bei der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund nach der Einleitung eines Verfahrens zu einer schleppenden Sachbearbeitung durch einzelne Ermittlungsbeamte gekommen ist.“
Die Panne wird die Polizei nun mindestens so stark beschäftigen, wie die Ermittlungen gegen den 18-Jährigen. Polizeitaucher werden nach Beweismitteln in den städtischen Wallanlagen suchen. Ein psychiatrischer Sachverständiger wird den 18-Jährigen begutachten, in seine Seele blicken. Der Fall mag aufgeklärt sein, doch die Tragödie um das weggeworfene Leben einer Elfjährigen und das zerstörte Leben eines falsch Verdächtigten wird Emden noch sehr lange heimsuchen.

