Emden

Mordfall Lena - Kritik an Polizei und Staatsanwalt

Ein 17-Jähriger ist zu Unrecht des Mordes an dem Mädchen verdächtigt worden. Gingen Polizei und Staatsanwalt zu schnell an die Öffentlichkeit?

Foto: DPA

Nach dem Mord an der kleinen Lena in ostfriesischen Emden (Niedersachsen) gehen die Ermittler weiteren Hinweisen nach. Eine Polizeisprecherin wollte am Freitagabend zunächst nicht sagen, ob die Ermittler einen neuen Tatverdächtigen im Visier haben. Sie ließ auch offen, ob am Wochenende mit weiteren Aktionen der Ermittler zu rechnen ist.

Am Freitag war der bisher Tatverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck sagte, der 17 Jahre alte Berufsschüler sei durch neue Fakten als Täter ausgeschlossen worden.

Bürger hatten sowohl vor der Emdener Polizeiwache als auch im Internet Drohungen gegen den Jugendlichen ausgestoßen. Nach der Freilassung des Verdächtigen geht die Polizei auch gegen die Urheber von Lynchaufrufen im Internet vor. Gegen einen 18-Jährigen aus Ostfriesland wurde deswegen ein Verfahren eingeleitet.

Der CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl hat in dem Fall die Sicherheitsbehörden kritisiert. Polizei und Staatsanwaltschaft hätten „ein Interesse an einem raschen Fahndungserfolg“, sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Deshalb seien sie „manchmal etwas voreilig und riskieren zu häufig einen zu schnellen Gang an die Öffentlichkeit.“ Dies sei immer häufiger zu beobachten.

Die Vorfälle in Emden zeigten zudem, „welche Kräfte im Internet frei gesetzt werden können“, sagte Uhl. Das sei nicht immer zu begrüßen. Das Internet könne „das zivilgesellschaftliche Verhalten der Menschen zum Negativen verändern“.

Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, Menschen, die zur Lynchjustiz aufriefen, müssten „unnachgiebig verfolgt werden.“ Er kritisierte „Teilaspekte eine Lynchatmosphäre“ im Internet. „So schön das Internet ist: Dies ist eine seiner dunklen Seiten“, sagte der Politiker.

Auch der Berliner Strafrechtsprofessor Martin Heger kritisierte die Staatsanwaltschaft. Zwar sei es vermutlich korrekt gewesen, den Berufsschüler aufgrund der Indizien und Beweise zu verhaften, sagte er Morgenpost Online. Die Staatsanwaltschaft sei mit den Sachverhalten aber „zu offensiv an die Öffentlichkeit gegangen“. Zur Rehabilitierung des Jungen müsse sie nun ebenso massiv an die Öffentlichkeit gehen. „Die Staatsanwaltschaft hat nun eine Pflicht zur Offenlegung der Entlastungsgründe – auch unter Inkaufnahme der Gefährdung des Untersuchungszwecks“, sagte Heger.