Entführungsdrama

Fall Kampusch – "Es ist mittlerweile eine Hexenjagd"

Die Gerüchteküche zum Fall Kampusch brodelt und wird immer hanebüchener. Nun gab das Entführungsopfer ein Interview – und nannte die Spekulationen "empörend".

Foto: dapd / dapd/DAPD

Ziemlich genau 14 Jahre nach der Entführung von Natascha Kampusch und fünfeinhalb nach ihrer Flucht sorgt der Kriminalfall wieder für Schlagzeilen .

Es gab Zweifel am Selbstmord ihres Entführers, erneut Spekulationen über mögliche Mittäter und dann noch einen Polizisten mit FPÖ-Parteibuch, der ohne behördlichen Auftrag versucht haben soll, von einer angeblichen Tochter des Entführungsopfers DNA-Proben zu entnehmen. Nun hat sich Kampusch selbst zu Wort gemeldet.

„Es ist eine enorme psychische Belastung“, sagte die heute 24-Jährige im Österreichischen Rundfunk (ORF) über das neu aufgeflammte Interesse an ihren Fall. „Es verletzt, und es ist schwierig, weil man gegen solche Vorhaltungen ja nicht argumentieren kann, denn das ist ja den Leuten egal.“

Als Gesprächspartner wählte sie mit Christoph Feuerstein wieder jenen ORF-Journalisten, dem sie unmittelbar nach ihrer Flucht vor fünfeinhalb Jahren das erste Interview gewährte. Kampusch werde „neuerlich missbraucht“, hatte Feuerstein bereits am Vorabend in einer Talkshow über den Fall gesagt. „Es ist mittlerweile eine Hexenjagd.“

Schwangerschaftsgerüchte "empörend"

In seiner eigenen Sendung ging er mit Natascha Kampusch die hartnäckigsten Gerüchte durch. Auf seine Frage, ob sie in Gefangenschaft schwanger gewesen sei, sagte Kampusch: „Nein.“ Derartige Gerüchte seien „empörend, da kann man sich nur an den Kopf greifen.“

Dass sie sich unmittelbar nach ihrer Flucht erkundigt habe, wie lange man eine Schwangerschaft nachweisen könne, begründete sie mit großem Interesse an der Biologie und dem menschlichen Körper. Ein oft als Indiz für eine Schwangerschaft erwähntes Buch über Säuglingspflege sei tatsächlich nur ein „Heftchen“ gewesen und Teil einer größeren Menge „Lesestoff“ gewesen, die ihr „der Täter“ vom Dachboden geholt habe.

Eine in ihrem „Verlies“ gefundene und in Plastik verpackte Haarlocke habe sie sich selbst abgeschnitten, bevor Priklopil ihr die Haare abrasierte, damit sie keine Spuren hinterließ, wenn sie oben im Haus arbeitete.

Pornovideos? Pädophilenring? Eine Liebesbeziehung mit Priklopil? Habe es alles nicht gegeben, beharrte Kampusch. „Bei der Vorstellung, dass es Menschen gibt, die solche Fantasien haben, wird mir richtig schlecht“, sagte sie. „Das traumatisiert mich zusätzlich zu dem, was ich schon erlitten habe.“

Immer nur einen Täter gesehen

Komplizen habe es ihres Wissens keine gegeben. Eine Zeugin der Entführung, die einen zweiten Mann beobachtet haben will, müsse sich „im Schockzustand“ geirrt haben. Sie selbst habe jedenfalls immer nur einen Täter gesehen.

Alle mit dem Fall befassten Staatsanwälte sind ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass Wolfgang Priklopil alleine gehandelt hat. Sie haben in den vergangenen Tagen über diverse österreichische Medien versucht, Spekulationen, Zweifeln und Halbwahrheiten Ermittlungsergebnisse entgegenzusetzen, aber die Kritiker der sogenannten Einzeltätertheorie sind nicht verstummt.

Sie scheinen auch in jenem Unterausschuss des Parlaments gut vertreten zu sein, der den Fall Kampusch seit Anfang Dezember überprüft, deshalb gilt es als wahrscheinlich, dass der Ausschuss in seinem Abschlussbericht Ende des Monats weitere Ermittlungen fordern wird.

"Kein Gesellschaftsspiel, das man nach Belieben wiederholen kann"

Dazu könnten sich die Österreicher Hilfe aus den USA und aus Deutschland holen. Es habe bereits Gespräche mit dem FBI und dem BKA in Wiesbaden gegeben, hatte der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Herbert Anderl, am Wochenende dem Radiosender Ö1 bestätigt.

Der zuletzt im Fall Kampusch ermittelnde Staatsanwalt Thomas Mühlbacher reagierte gelassen auf den Vorschlag. Er habe nichts dagegen, sagte er, glaube jedoch nicht, „ dass das FBI was anderes rausbringen wird.“ Er hielt es jedoch für nötig, in Bezug auf den Fall Kampusch eines in Erinnerung zu rufen:

„Das ist kein Gesellschaftsspiel, das man nach Belieben wiederholen kann, wenn einem das Ergebnis nicht passt.“

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