Brauereien

Arabisches Bier – Überraschend populär, selten gut

Brauereien in muslimischen Ländern holen auf. Wie genießbar sind die Biere? Eine jordanische Sorte stellt selbst wohlmeinende westliche Konsumenten auf eine harte Probe.

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Es war Krieg. In Beirut schrillten die Sirenen, Bomben verwandelten den Süden der Stadt in ein Trümmerfeld, doch Masen Hadschar saß mit einigen Freunden in seiner Wohnung und braute Bier. Jedenfalls versuchten sie es. „Wir hatten ja keine Ahnung vom Bierbrauen. Unsere ersten Versuche waren ungenießbar“, erinnert sich der begeisterte Biertrinker.

Das war im Sommer 2006. Hadschar, der im Ausland als Investmentbanker gearbeitet und im Alter von noch nicht einmal 30 Jahren schon erfolgreich eine kleine Fluggesellschaft geleitet hatte, war gerade in sein Heimatland zurückgekehrt. Nach dem Krieg eröffneten die Freunde eine Bar, die bald zu einem der beliebtesten Ausgehspots in Beirut wurde.

Und auch das Bier wurde immer besser. Hadschar hat es 961 genannt – nach der libanesischen Ländervorwahl. Mittlerweile gibt es eine helle und eine dunkle Variante, ein Weizenbier und ein obergäriges Ale. „A brave new Brew“, so der Werbeslogan von 961, wird heute in 16 Länder exportiert.

Vor noch nicht allzu langer Zeit gab es im Libanon nur ein Bier: Almaza gehört dem niederländischen Bier-Imperium Heineken, und entsprechend unauffällig schmeckt es dann auch. Masen Hadschar wollte mehr: „Wir wollten ein Bier machen, das wir auch selbst trinken mochten, ein Bier mit Charakter“, sagt er. Seit Mai 2011 ergänzt ein Pilsener namens Lebanese Brew (LB) die Produktpalette.

Bei Alkohol einige arabische Länder strenger als andere

LB sei ein leichtes Bier für den Strand, gerät Hadschar ins Schwärmen. Es passe prima zu typisch libanesischem Essen, zu Salaten mit Olivenöl, Falafel und fettarmem Streichkäse. Und es passe zur libanesischen Jugend, die auf einem Werbevideo ausgelassen tanzt, feiert und Graffiti sprüht.

Ja, in der Bierwerbung steigt sogar ein junges Paar gemeinsam aus dem Bett – kein alltäglicher Anblick in der arabischen Welt. Allerdings ist auch der alkoholische Gerstensaft dort eigentlich verpönt. Mit Alkohol und Glücksspiel wolle der Satan unter den Menschen nämlich Zwietracht sähen und sie am Gebet hindern, warnt der Koran. Der Prophet Mohammed fordert deshalb, diese Versuchungen zu meiden.

Das wird in einigen arabischen Ländern strenger gehandhabt als in anderen: In Saudi-Arabien ist Herstellung, Verkauf, Besitz und Verzehr von Alkohol illegal und kann mit Gefängnis oder Peitschenhieben bestraft werden. Im liberaleren Katar dürfen zumindest nicht muslimische Ausländer Alkohol kaufen.

Und dann gibt es Länder wie Jordanien, Syrien, Ägypten und Marokko ganz ohne Alkoholverbot. Der Verkaufsschlager in den überwiegend muslimischen Ländern ist dennoch alkoholfreies Bier.

Früher, vor der Islamisierung, war das anders: In Syrien haben Archäologen Hinweise darauf gefunden, dass in der Region schon vor 4000 Jahren gebraut wurde. In der ägyptischen Geschichte spielt Bier eine geradezu entscheidende Rolle: Brauanweisungen sind auf alten Wandgemälden in Pyramiden und an Opferstätten zu finden. Vermutlich wurde Bier sogar als Zahlungsmittel benutzt.

Selten eine angenehme Überraschung, im schlimmsten Fall Bauchweh

Abenteuerlustige Touristen können auch heute noch in fast jedem arabischen Land ein lokales Bier probieren. Leider erlebt man dabei nur selten eine angenehme Überraschung, im schlimmsten Fall kann man ziemliche Bauchschmerzen bekommen. In Ägypten hat man immerhin die Wahl zwischen einem Sakara, einem Meister und einem Stella (nicht zu verwechseln mit Stella Artois).

Riesig sind die geschmacklichen Unterschiede nicht – alle Sorten werden von der Al-Ahram-Brauerei gebraut, die seit 2002 ebenfalls zu Heineken gehört. Vielleicht ist das Meister Max noch am ehesten ein handfestes Bier.

Das Stella wird immerhin schon seit dem 19. Jahrhundert gebraut, von den drei Varianten der Sorte ist nur das Premium-Bier zum Verzehr geeignet. Die wässrige Variante für den lokalen Markt sollte man selbst zum Zähneputzen meiden.

Die meisten arabischen Biersorten warten nicht mit besonders viel geschmacklichem Charakter auf, sondern wollen eher so etwas wie Limonade für Erwachsene sein: kaum alkoholisch, dafür süffig, erfrischend und weitgehend geschmacksneutral. Nach einem glutheißen Sommertag sind die heimischen Getränke gar nicht schlecht geeignet, den Wüstensand aus der Kehle zu spülen.

Das marokkanische Casablanca gewinnt zumindest mal den Preis für das hübscheste Flaschenlabel. Ein altmodischer Schriftzug und einige Palmen im Wind – dem Blubberwasser in der Flasche merkt man leider an, dass es die nicht sonderlich Bier-affinen Franzosen waren, die das Getränk in ihrer damaligen Kolonie einführten.

Geschmacklich irgendwo zwischen Flüssigdünger und Lösungsmittel

Im Vergleich zum jordanischen Petra-Bier aber ist es ein Hochgenuss. Das Petra gibt es als achtprozentiges oder zehnprozentiges Gebräu, und es ist in beiden Varianten vollkommen ungenießbar.

Geschmacklich liegt die Alkoholbombe irgendwo zwischen Flüssigdünger und Lösungsmittel. Selbst der malzige Gestank ist nur schwer zu ertragen. Dann doch lieber ein jordanisches Philadelphia-Bier, dass mittlerweile auch zum Heineken-Konzern gehört.

In Syrien werden die lokalen Sorten gleich in Literflaschen ausgeliefert. Das Barada-Bier ist weithin erhältlich, mit einem Alkoholgehalt von 3,4 Prozent ist es das Gegenteil des jordanischen Giftgebräus, aber leider kaum genießbarer. Wenn es denn unbedingt ein Lokales sein muss, sollte man zu al-Sharq greifen.

Aber vielleicht sind Syrien und Jordanien dann doch Länder, wo man sich die Globalisierung zunutze machen und sich einen ordentlichen europäischen Gerstensaft bestellen sollte.

Das wohl beste Bier in der arabischen Welt wird in Taybeh gebraut, einem 2500-Seelen-Dorf unweit von Ramallah im Westjordanland. Seit 1995 produziert der christliche Palästinenser Nadim Khoury hier Bier nach dem Reinheitsgebot von 1516 – mittlerweile mehr als 6000 Hektoliter jährlich.

Etwa 40 Prozent der Produktion sind für den Export, der größte Teil geht nach Israel. Wenn man ihn fragt, wie er die restlichen 3600 Hektoliter auf dem heimischen Markt loswird, lächelt Khoury: „Offensichtlich nehmen einige Muslime es mit dem Alkoholverbot nicht ganz so genau.“

Denn die verschwindend kleine christliche Minderheit und ein paar Hundert Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen würden diese Menge ja wohl kaum schaffen.