Neugeborene in Ostdeutschland sind statistisch gesehen stärker gefährdet, von ihren Eltern getötet zu werden als westdeutsche Babys. In ostdeutschen Bundesländern sei das Risiko bezogen auf die Bevölkerungsstruktur und die Zahl der bisherigen Kindstötungen fast doppelt so hoch, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, im Interview.

Trotz des jüngsten Falls von Kindstötung in Brandenburg sei die Zahl der Kinder, die von ihren Eltern getötet werden, „stark rückläufig“, sagte der Kriminologe. Sie sei bundesweit von 112 getöteten unter Sechsjährigen im Jahr 1994 auf 54 im Jahr 2010 gesunken. Das sei der bislang niedrigste Stand. 2010 seien in Ostdeutschland 14 Kinder von ihren Eltern getötet worden – 2006 noch 34.

Experte sieht weniger Gewalt in Erziehung

Gründe für den Rückgang seien eine veränderte Erziehungskultur und verbesserte Hilfsangebote. Es gebe weniger Gewalt in der Erziehung, sagte Pfeiffer. Zugleich steige die „liebevolle Zuwendung“. Zudem sei ein Ausbau sozialer Hilfsangebote – sogenannte Frühe Hilfen – zu verzeichnen, die Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt des Kindes unterstützten.

Dass es immer wieder zu Kindstötungen komme, liege auch daran, dass Frauen die eigene Schwangerschaft nicht akzeptieren und verdrängen. Zur Adoption entschließen sich laut Pfeiffer viele nicht, „weil alles geheim bleiben soll“. Nach der Geburt seien die Mütter in einem „psychischen Ausnahmezustand“. Pfeiffer erläuterte das so: „Aus Panik beseitigt man dann dieses Kind, weil es nicht zum eigenen Lebensentwurf passt.“

dapd/tma