Krailling-Prozess

Der bestialische Habgier-Mord an zwei kleinen Kindern

Der Doppelmord an Chiara und Sharon aus Krailling erschütterte ganz Deutschland. Nun muss der Täter – selbst Vater von vier Kindern – vor Gericht.

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Die Schwestern müssen vor ihrer Ermordung ein Martyrium durchlebt haben: Der eigene Onkel soll Chiara und Sharon in ihrer Wohnung in Krailling bei München mit einem Seil gewürgt, mit einer Hantelstange geschlagen und mit einem Küchenmesser erstochen haben.

Den Ermittlungen zufolge kämpften die Kinder um ihr Leben, versuchten zu fliehen – und bekamen mit, als der Onkel das jeweils andere Mädchen malträtierte.

Jetzt kommt der 51-Jährige vor das Landgericht München II. Schulden sollen der Grund für die Bluttat gewesen sein: Die Anklage nimmt an, dass er auch die Mutter – die Schwester seiner Frau – umbringen, die Tat als sogenannten erweiterten Suizid der Mutter tarnen und so an das Erbe kommen wollte, um die Finanznot der eigenen Familie zu lösen.

Der Postbote aus Peißenberg, selbst Vater von vier Kindern, soll sich in der Nacht zum 24. März 2011 in die unverschlossene Wohnung geschlichen haben – mit seinem grausigen Plan. „Wir gehen davon aus, dass er erwartet hat, die Mutter im Laufe des Abends noch anzutreffen“, sagte Oberstaatsanwältin Andrea Titz.

Mutter war nicht daheim

Doch die Frau half in der etwa 50 Meter entfernten Musikkneipe ihres Lebensgefährten, kehrte erst am frühen Morgen heim – und fand sie die Leichen ihrer Kinder.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft beging der Mann die Tat heimtückisch und aus Habgier. Nach dem Bau eines Hauses soll wegen nicht bezahlter Schulden die Zwangsversteigerung gedroht haben.

Den Ermittlungen zufolge bat der Postbote seine Schwägerin, Mutter von Chiara und Sharon, Anteile an einer gemeinsamen Wohnung auszuzahlen. Als dies nicht passierte und sich die Lage zuspitzte, soll er den Mordplan gefasst haben – seine Frau wäre Erbin gewesen.

Zunächst gab der Mord Rätsel auf : Die Tür war nicht verschlossen, als die Mutter zur Arbeit ging. Konnte das zufällig ein Fremder bemerkt haben?

Hatte er gar im Internet Kontakt zu den Mädchen geknüpft? Oder war es ein Racheakt? Der Onkel, der bis dahin nicht straffällig geworden war, wurde im Zuge der Ermittlungen als Zeuge vernommen und gab sogar freiwillig eine Speichelprobe ab – ein Treffer: Seine DNA fand sich vielfach in der Wohnung – unter anderem an den Leichen der Kinder sowie an der Hantelstange, dem Messer und dem Seil.

Kinder versuchten zu entkommen

Die Kinder leisteten bei der grausamen Bluttat offenbar verzweifelt Widerstand , versuchten zu fliehen. Während der Onkel auf Sharon losging, soll die schon verletzte Chiara versucht haben, von innen die Tür zum Kinderzimmer zuzudrücken. Die Mutter wollte er angeblich in einer gefüllten Badewanne mit einem Elektrogerät umbringen – doch als sie nicht nach Hause kam, soll er von seinem Plänen abgerückt sein.

Am 1. April holte die Polizei den Postboten bei seiner Familie ab; seine Kinder spielten mit Freunden im Haus. Zuerst bestritt der Mann die Tat. Er sagte, die DNA-Spuren in der Wohnung der Schwägerin stammten von einem Nasenbluten bei einem Besuch zwei Wochen vor der Tat. Später schwieg er – zumindest gegenüber den Ermittlern.

Die Staatsanwaltschaft hat aber mindestens einen Mithäftling als Zeugen benannt, der aus Gesprächen mit dem Angeklagten berichtet hatte. Die Ankläger haben insgesamt 63 Zeugen und neun Sachverständige benannt - ob sie alle geladen werden, entscheidet das Gericht.

Der Vorsitzende Richter am Landgericht München II, Ralph Alt, wird den Prozess führen. Alt hatte 2011 den Nazi-Wachmann John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden zu fünf Jahren Haft verurteilt – ein Indizienprozess, wie es auch der Fall Krailling werden könnte.

Mutter hat sich völlig zurückgezogen

Bisher sind 13 Prozesstage bis zum 27. März angesetzt. Eine wichtige Zeugin dürfte die Ehefrau des Angeklagten sein, die sich inzwischen von ihm scheiden ließ. Im Sommer sagte sie dem Magazin „Stern“, sie glaube an seine Schuld.

„Für mich gibt es keinen Zweifel, dass er es war“, sagte sie in dem Interview. „Das wären zu viele Zufälle.“ Anfangs hatte die Frau ausgesagt, ihr Mann sei in der Tatnacht bei ihr gewesen – was sie später revidierte.

Ihre Schwester, die Mutter der ermordeten Mädchen, hat sich nach der Tat mit ihrem Lebensgefährten vollkommen zurückgezogen. Bekannte betreiben vorerst die beliebte Musikkneipe „Schabernack“ weiter.

Im Gästebuch war das Verbrechen immer wieder Thema. „Ich denke sehr oft an Euch und an Eure Kinder“, schrieb etwa eine Frau. „Vielleicht heilt die Zeit doch ein bisschen die Wunden, ich weiß es nicht?!? Wünsche Euch ganz viel Kraft und Zuversicht!“