Inzestprozess in Nürnberg

Das Martyrium der Tochter und ein Dorf, das wegsah

Hunderte Male soll ihr Vater sie vergewaltigt, ihre Mutter zugesehen haben. Aus Todesangst schwieg Renate B. Vor Gericht schilderte sie jetzt ihr jahrzehntelanges Leid.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Renate B. will reden. Ganz aufrecht sitzt die hagere Frau mit den raspelkurzen Haaren auf ihrem Stuhl. 34 Jahre lang hat sie geschwiegen, jetzt ist es genug. „Der Angeklagte ist ihr Vater?“, fragt der Richter. „Ja“, antwortet sie. Von der anderen Seite des Raums starrt Adolf B. seine Tochter an.

Sie aber beachtet ihn nicht. Gegen den eigenen Vater müsse sie nicht aussagen, sagt der Richter. Wenn sie es aber tue, dann dürfe sie nichts als die Wahrheit sagen. Renate B. beugt sich zu dem Mikrofon. Man soll sie hören. „Ich will aussagen“, sagt sie, ganz deutlich.

Die Wahrheit dürfte die Vorstellungskraft der meisten Menschen übersteigen. Seit dem 28. November wird dem 69 Jahre alten Rentner Adolf B. vor dem Oberlandesgericht Nürnberg der Prozess gemacht. Er soll Renate B., seine eigene Tochter, zu allen erdenklichen sexuellen Handlungen gezwungen haben. Meist mehrmals in der Woche, 34 Jahre lang. Im Elternbett, auf dem Rücksitz ihres Autos, in ihrem Kinderzimmer.

Drei Söhne soll er so gezeugt haben, zwei davon starben als Kleinkinder. Adolf B. wird Vergewaltigung in 497 Fällen, Körperverletzung und Nötigung vorgeworfen. Was vor 1991 geschah, ist verjährt.

Aber genau damit beginnt dieser Prozesstag. Mit dem ersten Mal, als Adolf B. sich an seiner heute 46-jährigen Tochter vergangen haben soll. Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen, denn was Renate B. dem Gericht zu sagen hat, betrifft, so erklärt ihre Verteidigerin, „intimste Vorgänge“. Was nun hinter den schweren Holztüren passiert, wird nun von Thomas Koch, dem Leiter der Justizpressestelle, an die Medien weitergegeben.

Mit 13 zum ersten Mal ins Schlafzimmer der Eltern geholt

Als sie 13 Jahre alt war, so erklärt Renate B. vor Gericht, da habe der Vater sie ins Schlafzimmer der Eltern geholt. Dort habe er sie gezwungen, mit ihm Sex zu haben. Das Mädchen wehrte sich, da soll er ihr mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen haben. Als er mit ihr fertig war, habe er sie zurück in ihr Kinderzimmer geschickt. Ihre Mutter sei die ganze Zeit dabei gewesen.

Der Tag bei Gericht verläuft starr und angespannt. Adolf B. wird als Erster hereingeschoben, er sitzt im Rollstuhl, hat sich im Gefängnis einen Fuß gebrochen. Sein Gesicht hält er hinter einem Magazin verborgen, um die Fotografen abzuschirmen. Erst als der Richter eintritt, zeigt er sich. Er will dem Gericht Respekt erweisen, schließlich hängt für ihn alles davon ab, ob der Richter ihm glaubt.

Erst als sie 17 war, habe die sexuelle Beziehung zur Tochter begonnen, und einvernehmlich sei sie gewesen, das hatte Adolf B. am ersten Verhandlungstag ausgesagt. Oft habe seine Tochter selbst die Initiative ergriffen. Oder wie er selbst es in seinen kargen Worten und diesem Dialekt ausdrückte. „Der hat es getaugt.“

Wenn der Richter Adolf B. glaubt, dass er sein „Madla“, wer er sie nennt, nicht zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat, so könnte er mit einem Urteil wegen Inzest davonkommen. Drei oder vier Jahre gegen 15 Jahre, die ihm sonst drohen.

Renate B. schildert Grausamkeiten aus drei Jahrzehnten

Doch Renate B. will nicht mehr das „Madla“ sein. So gut sie sich erinnern kann, versucht sie bei ihrer Zeugenaussage dem Gericht jede Einzelheit dieser Grausamkeiten aus über drei Jahrzehnten zu schildern. Drei Stunden lang wird sie angehört, sie zeige kaum Emotionen, sagt Koch.

„Meine Mandantin hat gelernt, ihre Gefühle zu verbergen“, wird ihre Anwältin nachher erklären. Nur einmal, als es um den Tod ihres behinderten Sohnes geht, da habe sie angefangen zu weinen.

Seit diesem ersten Mal, 1977 oder 1978, hörten die Übergriffe nicht auf, der letzte, laut Anklage, war im März 2011. Zwei Tage später hat sie ihren Vater angezeigt. In den ersten Jahren, als sie noch ein Kind war, da wehrte sich Renate B. Sie rannte weg von zuhause, suchte Schutz bei Freundinnen.

Doch der Vater holte sie zurück, notfalls mit der Polizei. Er schlug sie und bedrohte sie. Er werde sie finden und sie umbringen, so erzählt es Renate B.. Ihre Brüder hätten davon gewusst, aber nichts getan. Einmal habe sie sich ihrer Mutter anvertraut, aber die habe geschwiegen.

Als Renate B. 18 Jahre alt wurde, den Führerschein machte und ein eigenes Auto bekam, da habe der Vater begonnen, sich neue Tatorte zu suchen, so die Anklage. Er fuhr sie in den Wald und zwang sie dort zum Geschlechts- und Analverkehr.

Fast das ganze Leben lang unter der totalen Kontrolle des Vaters

Adolf B. hat den Sex mit der Tochter bereits am 28. November zugegeben. Soweit es ihm möglich war. Viel hat er nicht verstanden von dem, was ihm vorgeworfen wird. Wenn der Richter fragte, ob es zum Samenerguss gekommen ist, musste er passen. „Ob’s ganga is“, übersetzte ihm der Anwalt.

Vor dem Gericht entfaltet sich in diesem Prozess die Geschichte einer Frau, die fast ihr ganzes Leben lang unter der totalen Kontrolle ihres Vaters lebte. Renate B. muss sehr isoliert gewesen sein. Als junge Erwachsene hatte sie ein paar Kontakte zu anderen Männern.

In die Zeit fällt auch ihre Beziehung zu ihrem Onkel, von dem sie sagt, sie hätten sich geliebt. Einer ihrer vier Söhne stammt von ihm. Doch mit den Jahren nahm die Dominanz des Vaters zu. Wie stark sein Einfluss auf die Tochter war, zeigt vielleicht eine Momentaufnahme: Im August 2010 unterhielt Renate B. sich mit einem früheren Bekannten an einem Imbissstand, der Vater sah es.

Als die beiden wieder zuhause waren, da schlug er die Tochter und bedrohte sie mit einem Messer. Sie solle nicht mit anderen reden. Sie hielt sich daran. Wem hätte sie sich anvertrauen können, wird sie später sagen, es gab ja niemanden. Ihr Vater habe sie keinen Schritt alleine gehen lassen.

Bis zum März. Da sah Renate B. ihre Chance. Sie war selber straffällig geworden und hatte nun zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden, der sich um sie kümmerte und der nicht zur Familie gehörte: Eine Bewährungshelferin. Ihr vertraute sie sich an.

Das, was Renate B. an diesem Tag im Gerichtssaal aussagt, von einem Vater, der sein Kind vergewaltigte, und einer Mutter, die stumm dabeistand und Brüdern, die nicht halfen, das ist die eine Geschichte dieses Prozesses.

"Die Kinder aus dem gelben Haus, die sehen wir ihr Opa aus"

Die andere ist das Dorf Willmersbach, in dem die Familie wohnte. Wo auf der „Kirchweih“, dem sozialen Großereignis der Gegend, seit Jahren Witze gemacht worden sein sollen über den Inzest. „Die Kinder aus dem gelben Haus, die sehen wir ihr Opa aus“, so habe man gespottet.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat es das „Dorf, das alles wusste“ genannt. In einem Bericht werden Dorfbewohner zitiert, die davon erzählten, wie Vater und Tochter mehrmals am Tag gemeinsam in den Wald fuhren. Dass Gewalt im Spiel war, will aber keiner sagen.

Auch sonst hat keiner der Dorfbewohner Interesse, mit Journalisten zu reden. Am ersten Tag, als die Anklage bekannt wurde, soll ein Kameramann von einem der erwachsenen Söhne B.s angegriffen worden sein.

Auch Jürgen Mönius, der Bürgermeister, der selbst im Dorf wohnt, möchte nicht mehr mit den Medien reden. „Ich gebe keine Interviews“, sagt er. Warum nicht? Im September wurde er noch zitiert, dass seit „zehn oder 15 Jahren“ im ganzen Dorf über das Verhältnis zwischen Vater und Tochter gesprochen worden sei.

Das sei, hieß es da, mehr als nur das übliche Gerede gewesen. Ein Jäger, so wird Mönius wiedergegeben, habe die beiden im Auto beobachtet. Es könnte sein, dass Mönius die Frage, welche Verantwortung er trage, nicht hören will.

Eine Frau hat in einer 330-Seelen-Gemeinde vier Mal nacheinander ein Kind geboren, dessen Vater sie nicht nennen kann. Und zwei der Kinder sind schon früh an ihrer schweren Behinderung gestorben, eines mit einem Jahr und eines mit vier. Wenn man nicht an die Vergewaltigung glaubte, so hätte man doch auf die Gefahr von Inzest hinweisen können. Behördenkontakt hatte die Familie B. genug, fast alle leben von Unterstützung.

Sollte Mönius eine Erklärung haben, will er sie auf jeden Fall nicht geben. „Ich bin bedient“, erklärt er knapp. Weitere Nachfragen lässt er nicht zu. „Das Gespräch ist hiermit beendet.“

Dem Vater Schlafmittel ins Essen gemischt

Auch eine andere Geschichte, die heute vor Gericht angesprochen wird, als die Öffentlichkeit wieder zugelassen wird, hätte Nachbarn oder Behörden stutzig machen können. Im Oktober 1994 war Adolf B. angetrunken von einem Frühschoppen heimgekehrt und hatte die Tochter zu sich ins Bett gerufen.

Sie aber hat der Aussage nach nicht gewollt und dem Vater Schlafmittel ins Essen gemischt. Beeinträchtigt durch die Medikamente stürzte der Angeklagte die Treppe herunter und zog sich einen Schädelbasisbruch zu. Der Hilfsarbeiter wurde Frührentner, ein paar Wochen ließ er die Tochter in Frieden, sagt die, aber dann ging es wieder los, jetzt war er ja noch öfter daheim.

Renate B., so sagt eine ärztliche Gutachterin, leide unter Schlafstörungen, seit sie den Vater angezeigt hatte. Es verfolge sie die Angst, er könne aus der Haft kommen. Wenn er ihrer habhaft würde, „dann ist der Teufel los“. Sollte er nicht verurteilt werden, dann will sie eine Kontaktsperre erwirken.

Das Recht, den gemeinsamen Sohn zu sehen, der bei ihr lebe, wolle Renate B. ihrem Vater aber nicht verweigern, erklärt ihre Anwältin. Wenn er nicht gerade Sex wollte, dann sei er durchaus ein fürsorglicher Vater gewesen, für sie selbst aber auch für die gemeinsamen Söhne.

Als Renate B. am Ende ihrer Aussage den Saal verlassen will, da verfolgt der Vater sie mit seinen Augen. Er steht sogar in seinem Rollstuhl auf und dreht sich um, um ihre Aufmerksamkeit ein letztes Mal zu erlangen. Aber er erreicht sie nicht mehr. Die Türen haben sich schon geschlossen.