Neue TV-Formate

Im Namen der Quote vorgeführt und gedemütigt

Infantile Dicke für die fette Quote: Sat.1 führte in der Kuppelshow "Schwer verliebt" Menschen dermaßen erniedrigend vor, dass sich nun die Politik einschaltet.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ein bisschen Herzklopfen hatte sie schon, als sich dieser Typ namens Dirk zu ihr aufs Bett legte. Es gab Schokoküsse und Sekt, und das Kamerateam lauerte darauf, dass etwas passierte.

Doch das mit Spannung erwartete Kribbeln, es stellte sich nicht ein - weder bei der Frau, die mit 27 Jahren noch bei ihren Eltern wohnt und Barbiepuppen sammelt, noch bei dem Mann, der stark sächselte und über den man später erfuhr, dass er behindert sein soll.

Sat. 1 hatte die beiden als Kandidaten für eine neue Doku-Soap gecastet: „Schwer verliebt“. Die Sendung kopiert das Erfolgsrezept von Kuppelshows wie „Schwiegertochter gesucht“ (RTL) „Bauer sucht Frau“ (RTL). Sie verkuppelt Singles, die wenig Selbstvertrauen aber viele Pfunde am Leib besitzen.

Es sind Menschen wie Sarah und Dirk. Naiv, geistig unreif und unerfahren im Umgang mit Medien. Solche Kandidaten sind ideale Opfer.

Sarah etwa wird in der Show als grenzdebiles Moppel-Ich dargestellt, das seine sexuellen Bedürfnisse auf Ken projiziert, den Dauer-Partner von Barbie.

Vor der Kamera malt Sarah ihre Barbie-Puppen beim Sex. Sie sagt: „Sex zwischen Barbie-Puppen ist ja ganz schön, aber ich würde das auch gerne mal ausprobieren, mit Dirk oder Bernd, wenn die dazu Lust haben.“

Simuliertes Vorspiel in Folge vier

Als wäre das nicht schon peinlich genug, muss sie in der vierten Folge auch noch ein Vorspiel simulieren: Dirk fragt sie, ob er ihr die Schokolade vom Finger lecken dürfe.

Er darf. Vollends ins Absurde kippt die Folge, als Sarah das Szenario mit einem Satz kommentiert, den ihr die Produzenten eingebimst haben: „Die Stimmung zwischen mir und Dirk ist romantisch und total sexy aufgeladen.“ Man glaubt ihr kein Wort. Kein bisschen erotische Atmosphäre kommt beim Zuschauer rüber. Nur das Gefühl des Fremdschämens.

Solche Szenen haben eine Frage aufgeworfen, die immer häufiger auftaucht, seit TV-Sender ihre so genannten Doku-Soaps noch stärker als bisher scripten - also: nach einem Drehbuch produzieren: Weiß Sarah , was sie da tut?

Die Antwort lieferte sie vergangenen Sonntag selber, in der vierten Folge von „Schwer verliebt“. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie sah aus, als kämpfe sie mit den Tränen.

Entwürdigend finden diese Darstellung nicht nur einige Zuschauer. Siebzehn von ihnen haben Beschwerde bei der Landeszentrale für Medien und Kommunikation eingereicht. Auch den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) hat das Format auf den Plan gerufen. „Die Jagd nach Zuschauerquote darf nicht dazu führen, dass Laiendarsteller in entwürdigenden Situationen dargestellt werden“, sagte er.

Schwer verletzt statt schwer verliebt

Schwer verliebt? Schwer verletzt trifft es wohl besser. Nach der ersten Folge wurde Sarah von einer Welle der Häme überrollt. In dem Supermarkt, in dem sie arbeitet, zeigten Kunden mit dem Finger auf sie. „Dicke Kuh“, das war noch einer der freundlicheren Kommentare. Auf Facebook brüsteten sich ehemalige Klassenkameraden damit, sie hätten sie schon früher gemobbt. Aus Angst traute sich die 27-Jährige in ihrem Heimatdorf Fischbach kaum noch vor die Tür.

Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Der „romantischen Regalservicefachkraft“, wie Sat.1 sie etikettiert hat, schwappt eine Welle der Solidarität entgegen. Hunderte Zuschauer haben ihr gemailt oder geschrieben, sie möge durchhalten.

Lehrer in ihrer rheinland-pfälzischen Heimat haben ihren Fall im Unterricht thematisiert, um vor den Risiken und Nebenwirkungen der gescripteten Reality-Shows zu warnen. Sogar eine Facebook-Seite „gegen menschenverachtende TV-Formate“ haben einige gestartet und ihr eine neue Frisur spendiert. „Sarah geht es gut“, heißt es in ihrem Umfeld. Sat.1 habe ihr die Würde geraubt. Jetzt bekomme sie sie peu à peu zurück.

Tatsächlich? Dies hätte eine jener Geschichten werden können, wie sie sich hierzulande fast täglich abspielen, über die aber kein Medium berichten darf.

Wer als Kandidat in einer Kuppelsoap auftritt, verpflichtet sich vertraglich zu „absolutem Stillschweigen.“ Eine Regel, die nicht alle abgeschreckt hat.

Erst vor einem Jahr packte ein Junggeselle aus, der sich in der RTL- Reality-Soap „Schwiegertochter gesucht“ zum Vollhorst gemacht hatte: Mario Hammer.

Mario fand zwar nicht die Frau fürs Leben, ging aber als Lachnummer in die Annalen der TV-Geschichte ein. Zuschauer von „TV Total“ erinnern sich vielleicht noch: Bei 35 Grad im Juli beglückte er seine Herzdame mit einem Mettigel als Begrüßungsgeschenk. Stefan Raab führte den Mettigel-Mann immer wieder vor.

"Es heißt Einschaltquote und nicht Einschlafquote“

Aus der Rolle des schrulligen Eigenbrötlers kam er nicht mehr heraus. Seine Schmerzgrenze habe Sat.1 überschritten, als er seiner Herzdame zu ihrer Oberweite gratulieren sollte, verriet er „Morgenpost Online“.

„Mario, denk doch an die Zuschauer. Die wollen das gerne hören: Titten - und nicht Busen. Es heißt schließlich auch Einschaltquote und nicht Einschlafquote.“

Die Produktionsfirma dementierte damals, dass diese Worte gefallen seien. Auch dass es ein Drehbuch gab, wurde bestritten.

Nach dem Wirbel um Sarah dürftet ihr dieses Dementi jedoch keiner mehr abkaufen. Zu welchen Bedingungen Produktionsfirmen Kandidaten in Dokusoaps casten, das kann jetzt jeder nachlesen.

Sarah hat ihren Knebelvertrag ins Internet gestellt. Darin heißt es zum Beispiel, dass sie für ein Honorar von 700 Euro sämtliche Rechte am eigenen Bild und der weiteren Auswertung des Materials abtrete. Bei Sat.1 heißt es, der Vertrag sei „absolut branchenüblich.“ Der Kölner Medienanwalt Martin Huff sieht das jedoch anders.

Er sagt, besonders hart findet er die Klausel, dass der Kandidat „die Erstausstrahlung nicht durch Beantragung eines einstweiligen Rechtsschutzes verhindern“ dürfe. „Das ist sittenwidrig.“ Schließlich bedeute das, dass sich der Kandidat dem Sender blind ausliefere: Gefilmt heißt gesendet.

Sarah will diesen Vertrag zwischen Tür und Angel unterschrieben haben. Ein Kurierfahrer brachte ihn ihr vorbei. So hat sie es einer Lokalredakteurin der Rhein-Zeitung erzählt, Vera Müller.

Sie hat den Stein für die Kampagne ins Rollen gebracht. Sie sagt, sie sei entsetzt darüber gewesen, wie Sat.1 die einzige Tochter von Hartz IV-Empfängern bloßgestellt habe. Sarah sei einem Headhunter zum Opfer gefallen. Er hatte sie über das soziale Netzwerk Wer-kennt-wen aufgespürt.

Sarah gar nicht so naiv, wie Sat.1 sie darstellt

Ein pummelige Mädchen mit Hauptschulabschluss, aber ohne Berufsausbildung, das noch mit 27 davon träumte, seinen Prinzen zu finden.

Vera Müller sagt, Sarah sei nicht so naiv, wie sie von Sat.1 dargestellt werde. „Sie liest täglich die Zeitung und freut sich darüber, dass sich Kurt Beck in ihrer Angelegenheit eingeschaltet hat.“

Beck ist der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder. Er hätte die Macht, eine politische Diskussion über die Frage loszutreten, ob die Rundfunkgesetze den Produktionsbedingungen der gescripteten Reality-Shows noch genügen.

Doch eine Reform hat der Landesvater wohl nicht im Sinn. Reflexartig forderte er die Medienaufsicht lediglich auf, zu prüfen, „ob die Grenzen des Zulässigen hier überschritten sind.“

Danach sieht es nach einer ersten Prüfung jedoch nicht aus. „Die Kandidaten sind geschäftsfähig“, vermutet Joachim Kind, Sprecher der zuständigen Landeszentrale für Medien und Kommunikation.

Tatsächlich? Man hätte diese Frage gerne der Frau gestellt, die ihren Sohn als Kandidaten angemeldet hatte: Dirks Mutter. Dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ hatte sie bestätigt, dass ihr 30-jähriger Sohn „geistig zurückgeblieben sei“. Doch auch sie beruft sich inzwischen auf ihre Schweigepflicht.

Bei Sat.1 heißt es, man behalte sich rechtliche Schritte gegen Sarah vor. Dabei beschert sie dem Sender genau das, wonach er schon lange hungert: eine fette Quote.