Luxus-Immobilie

Honeckers Jagdresidenz zum Schnäppchenpreis

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Sven Felix Kellerhoff

Für 3,4 Millionen Euro ging die einst 43 Millionen DDR-Mark teure Ost-Immobilie an einen neuen Besitzer. Eine Hotelgruppe konnte sich durchsetzen.

Mit einem Bietergefecht hatte niemand gerechnet im Amtsgericht Waren in Mecklenburg-Vorpommern. Anders als erwartet gab es nicht nur einen Interessenten bei der Zwangsversteigerung der einstigen Jagdresidenz von SED-Chef Erich Honecker, sondern gleich zwei.

Wie immer bei Versteigerungen trieb das den Preis in die Höhe. Erst bei einer Gesamtsumme von 3,4 Millionen Euro für die beiden getrennt versteigerten Grundstücke konnte sich der jetzige Pächter und zugleich Hauptgläubiger der Liegenschaft, die mittelständige Hotelgruppe van der Valk mit 14 Häusern in Nord- und Westdeutschland, durchsetzen. Der Schätzwert hatte bei gut zwei Millionen Euro gelegen.

Beim Mitbieter handelte es sich dem Vernehmen nach um einen Geschäftsmann aus Duisburg. „Uns interessiert nicht, wer bietet, sofern er nicht den Zuschlag bekommt“, sagte ein Gerichtssprecher der „Welt“. Obwohl Vincent van der Valk ankündigte, „viel Geld in die Renovierung investieren“ zu wollen, kann er sich noch nicht ganz sicher sein. Denn im förmlichen Sinne den Zuschlag bekam sein Unternehmen nach Gerichtsangaben noch nicht.

Zu DDR-Zeiten kostete das Areal rund 43 Millionen Mark

Zumal kurzfristig noch eine klärungsbedürftige Altforderung in Form eines Grundschuldbriefes über 306.000 Euro geltende gemacht wurde – von der Ehefrau des Unternehmers, der das Areal vor 13 Jahre erworben und zum Feriendomizil ausgebaut, aber bankrott gegangen war. Eine Woche Zeit nimmt sich das Amtsgericht Waren nun, um zu entscheiden. Allerdings spricht viel dafür, dass mit van der Valk der derzeitige Betreiber auch Eigentümer wird.

Ohnehin handelt es sich um einen Schnäppchenpreis, denn nach Schätzungen kostete die Anlage mit dem reetgedeckten Hauptgebäude Anfang der 80er-Jahre etwa 43 Millionen DDR-Mark. Einschließlich eines Schwimmbades, der Sauna, der idyllischen Terrasse zum See sowie der Sicherheitsanlagen. Das „ Objekt Drewitz “, wie es bis 1989 intern genannt wurde, hatte Stasi-Chef Erich Mielke Honecker geschenkt, seinem einzigen „Vorgesetzten“ in der DDR-Hierarchie, zu dessen 70. Geburtstag 1982.

Seit Honecker sich 1971 an die Spitze des zweiten deutschen Staates intrigiert hatte, legte er feudalistische Verhaltensweisen an den Tag. Sein bevorzugtes Freizeitvergnügen wurde die Jagd. Die SED hatte schon im ersten DDR-Jagdgesetz von 1953 festgelegt, dass jederzeit „Sonderjagdgebiete“ errichtet werden könnten – ein Anspruch, der vorher typisch war für Fürsten oder NS-Funktionäre wie Hermann Göring.

Erich Honecker war kein echter Jäger

Laut aktuellen Forschungen der Historikerin Meike Haselmann hatte das Jagdgebaren von Honecker und anderen DDR-Spitzenfunktionären wenig bis nichts gemein mit dem eigentlichen Handwerk des Jägers: „Etliche Hirsche wurden an nur einem einzigen Tag gestreckt, wobei die Jagd im Scheinwerferlicht und das Abfangen an Fütterungen zur üblichen Praxis gehörten.“

In den riesigen Staatsjagdgebieten waren zahlreiche Beschäftigte ausschließlich damit befasst, die von der Staatsspitze gewünschten Wildarten aufzuziehen und für den Abschuss bereit zu stellen.

Gerade das „Objekt Drewitz“ wurde zu Honeckers Lieblingsort. Hierher kam er bis 1989 jedes Jahr, oft mehrfach und gemeinsam mit seinen beiden engsten Vertrauten im Politbüro, Stasi-Chef Mielke und dem obersten Wirtschaftsfunktionär Günter Mittag.

Vor dem stattlichen Haupthaus der knapp 14 Hektar großen Residenz stand und steht bis heute ein röhrender Bronzehirsch; auf einem Vorplatz wurde üblicherweise die „Strecke“ des jeweiligen Jagdtages für den Fotografen des Politbüros ausgelegt – im Frühjahr 1989 waren es mindestens neun stattliche Hirsche.

Anfang Dezember 1989 stürmten empörte DDR-Bürger aus der Umgebung das Areal, verwüsteten aber nichts. Seit langem war in der Umgebung gemunkelt worden, in welchem Luxus die Spitzenfunktionäre in dem streng abgeschirmten Areal lebten. Gegenüber dem DDR-Durchschnitt bot das Feriendomizil tatsächlich ungeheuren Komfort.

Der mysteriöse Selbstmord

Gemessen an damaligen westlichen Maßstäben jedoch war die Ausstattung der rund hundert Quadratmeter großen Honecker-Suite allerdings nicht wirklich exorbitant. Heute gilt der Hotelgruppe van der Valk das Resort mit neu errichteten Ferienhäusern und der weitgehend erhaltenen Zimmerflucht der Hauptnutzer als Vier-Sterne-Anlage.

Auf dem Weg in die Jagdresidenz trug sich an Silvester 1982 ein in der DDR-Geschichte einzigartiges Ereignis zu: Ein Lada scherte zwischen die Fahrzeuge Honeckers und seines Begleitschutzes ein. Als die Personenschützer den Fahrer zum Anhalten gezwungen hatten, kam es zu einem Schusswechsel.

Schließlich beging der Täter mit seiner alten Pistole Selbstmord. Da die SED sofort eine Nachrichtensperre verhängte, verbreiteten sich umgehend Gerüchte, Der Ost-Berliner Korrespondent der Illustrierten „Stern“ griff sie auf, berichtete von einem angeblichen „Attentat“ auf Honecker – und wurde dafür ausgewiesen. In Wirklichkeit hatte der Täter 2,5 Promille Alkohol im Blut und wohl keine Ahnung, wer mit der Fahrzeugkolonne unterwegs an den Drewitzer See war.