Agusan-Sümpfe

Philippiner fühlen sich von Krokodilen terrorisiert

Im größten Feuchtgebiet der Philippinen spitzt sich seit Monaten ein Kampf zwischen Mensch und Krokodil zu. Denn die bedrohten Reptilien werden immer angriffslustiger.

Ein totes Mädchen, ein verschwundener Angler – in den Agusan-Sümpfen, dem größten Feuchtgebiet der Philippinen, geht die Angst vor Krokodilen um. Früher wurden die Reptilien verehrt, jetzt fühlen sich die Bewohner von den Tieren terrorisiert. Im September ging einem Jagdtrupp nach dreiwöchiger Suche das vermutlich größte Krokodil der Welt ins Netz. Nun ist eine Diskussion um sein Schicksal entbrannt.

"Es gab einmal eine Zeit, als Krokodile auf unsere Boote zuschwammen, aber flüchteten, sobald wir Lärm machten", sagt Rudy Ayala. "Jetzt sind sie gefährlich geworden, sie fressen unsere Tiere und greifen Menschen an", sagt er. "Die größeren müssen weg."

Ayala ist Oberhaupt eines Dorfes mit ein paar hundert Einwohnern, die auf hölzernen Hausbooten am Lake Mihaba leben. Er gehört dem Volk der Manobo an, das seit Generationen seine Heimat in den 1500 Hektar großen Sümpfen im Süden der Philippinen hat. Ihren Lebensunterhalt verdienen sich die Menschen in Ayalas Dorf mit Fischen und der Jagd auf Schnecken und anderes Seegetier. Gewöhnlich bewegen sie sich in kleinen Einbäumen fort.

Die Legenden früherer Generationen, wonach Krokodile die Geister der Ahnen verkörpern, sind endgültig Geschichte.

Auf dem Schulweg den Kopf abgebissen

Seit eines der Reptilien vor zwei Jahren der zwölfjährigen Rowena Romano auf dem Schulweg den Kopf abgebissen hat, ist die Verehrung in Angst, Hysterie und Wut umgeschlagen. Ayala zufolge war die Leiche des Mädchens übel zugerichtet und wies gezackte Bisswunden auf. Ein Teil ihres Kanus war von kräftigen Kiefern abgerissen.

Im Juni verschwand ein Mann aus einem anderen Dorf am Rande der Sümpfe. Vermutlich fiel er beim Angeln ebenfalls einem Krokodil zum Opfer. Auch Wasserbüffel und anderes Vieh wurden attackiert.

Wenn es nach Leonisa Daga-as geht, so sollten alle Krokodile in den Sümpfen eingefangen werden. Ihr Mann entkam zwei Mal nur knapp den Angriffen der Riesenreptilien, berichtet die 42-Jährige. Die Tiere folgten seinem Kanu und zermalmten es, bis es fast kenterte. Wie Leonisa Daga-as denken viele Dorfbewohner.

Im September reagierte die Verwaltung von Bunawan und schickte Krokodiljäger in die Sümpfe. Nach dramatischen Wochen fingen die Männer ein 6,4 Meter langes und eine Tonne schweres Krokodil . Es wurde Lolong genannt, nach einem der Jäger, der am Abend vor dem Fang an einem Herzinfarkt starb. Lolong ist vermutlich das größte Krokodil, das in Gefangenschaft lebt.

Die Riesenreptilien werden bis zu 100 Jahre alt

Es gehört zur Gattung der Salzwasserkrokodile, den größten Reptilien der Welt, die bis zu 100 Jahre alt werden. Wegen ihres in der Modeindustrie begehrten Leders werden sie auf den Philippinen gejagt und gelten deshalb als gefährdet.

Forscher Rollie Sumiller möchte, dass die Krokodile in den weitgehend unberührten Agusan-Sümpfen bleiben. Sie seien das ideale Schutzgebiet für die bedrohten Reptilien, sagt der Experte vom Tierschutzzentrum in Palawan, der geholfen hatte Lolong einzufangen.

Er gibt den Menschen selbst Schuld an der Häufung der Krokodil-Angriffe. Sie bedrohten zunehmend den Lebensraum der Tiere, sagte er: "Die Krokodile verteidigen nur ihr Revier, Eindringlinge greifen sie nun einmal an."

Seit seiner Gefangennahme fristet Lolong sein Dasein in Bulawan in einem Pferch von der Größe eines Swimmingpools. Bei den Bewohnern ist das Tier eine Attraktion, Bürgermeister Edwin Cox Elorde aber möchte Lolong in einem Naturpark unterbringen. Tierschützer fordern dagegen seine Freilassung. Sie sind alarmiert, weil Lolong seit seiner Gefangennahme keine Nahrung mehr zu sich genommen habe.