Auffanglager

Verletzte bei Zusammenstößen auf Lampedusa

Bei Zusammenstößen zwischen Flüchtlingen und Einwohnern auf der italiensichen Insel Lampedusa sind am Mittwoch dutzende Menschen verletzt worden. Die Polizei ging mit Schlagstöcken gegen die Flüchtlinge vor. Lampedusas Bürgermeister sieht seine Insel "im Krieg".

Foto: dpa / dpa/DPA

Einen Tag nach der Revolte von Flüchtlingen und dem Brand im Auffanglager ist die Lage auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa eskaliert. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Flüchtlinge unweit des Hafens gegen ihre Abschiebung protestierten. Bereitschaftspolizisten gingen mit Schlagstöcken gegen die Migranten vor.

Am Mittwoch war der Streit zwischen Flüchtlingen und Einwohnern eskaliert: Als hunderte Tunesier mit dem Ruf „Freiheit, Freiheit“ für ihren Transfer aufs Festland demonstrierten, bewarfen die Einwohner sie mit Steinen, wie italienische Medien berichteten. Mehr als ein dutzend Menschen wurden verletzt, als die Polizei mit Schlagstöcken gegen die Flüchtlinge vorging. Die Flüchtlinge wiederum drohten, Benzinkanister zur Explosion zu bringen.

Die Lage auf der kleinen Insel hatte sich verschärft, nachdem in den vergangenen Tagen mehr als tausend Flüchtlinge aus Tunesien eingetroffen waren. Die Proteste begannen, als am Dienstagnachmittag eine Gruppe von Flüchtlingen in ihrem Aufnahmelager einen Brand legte, durch den drei Gebäude des Lagers zerstört wurden. Die Flüchtlinge fordern ihren Transfer aufs italienische Festland. Gemäß einem Abkommen mit der tunesischen Regierung müssen sie jedoch nach Tunesien zurückgebracht werden.

Dutzende Bewohner belagerten das Büro von Bürgermeister Bernardino De Rubeis, dem sie zu große Nachsicht mit den Flüchtlingen vorwerfen. De Rubeis zeigte Journalisten einen Baseballschläger und sagte, er sei bereit, sich zu verteidigen. „Wir haben ein Kriegsszenario, der Staat muss umgehend Helikopter und Schiffe schicken, um die Tunesier wegzubringen“, sagte der Bürgermeister. Auch der sizilianische Gouverneur Raffaele Lombardo sprach sich für die sofortige Evakuierung der Aufnahmelager aus.

Lampedusas Bürgermeister Bernardino De Rubeis warf der Regierung vor, die Insel mit dem Chaos allein zu lassen. Er nannte die Flüchtlinge Gesetzesbrecher und erklärte, Lampedusa werde niemanden mehr aufnehmen. Er forderte den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano auf, nach Lampedusa zu kommen und Solidarität mit den Einwohnern der Insel zu zeigen, die wiederholt durch die Ankunft so vieler verzweifelter Flüchtlinge auf eine harte Probe gestellt worden seien.

Das italienische Innenministerium verurteilte die Ausschreitungen und erklärte, an seiner Politik festzuhalten. „Diese Episoden inakzeptabler Gewalt ändern nichts an unserem Rückführungsplan.“ Dieser werde mit unverändertem Tempo fortgesetzt. Im Rahmen eines Abkommens zwischen Italien und Tunesien wird das Gros der tunesischen Flüchtlinge abgeschoben. Die Einwohner von Lampedusa beklagen, dass sie in der EU die Last der Flüchtlingswelle ganz allein tragen müssten.

Die nahe Sizilien gelegene Insel Lampedusa ist der südlichste Ort Italiens, weshalb dort immer wieder Bootsflüchtlinge aus Afrika eintreffen, die in die EU gelangen wollen. Allein in diesem Jahr schafften mehr als 48.000 Menschen die Fahrt nach Süditalien. Schätzungen zufolge starben rund 2000 weitere Menschen bei der Überfahrt. Auch am Mittwoch trafen auf einem Boot knapp 150 weitere Flüchtlinge aus der Türkei in der süditalienischen Region Kalabrien ein, wie lokale Medien berichteten.

Das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) warnte bereits vergangene Woche vor einer Eskalation der Lage im Auffanglager. Die Flüchtlinge würden immer länger in dem Lager festgehalten, ohne dass geklärt werde, ob sie politisches Asyl erhielten oder nicht. Die Migranten fügten sich selbst Verletzungen zu und zetteln Proteste an. Etliche große Gruppen hätten das Lager bereits auf eigene Faust verlassen. Das UNHCR forderte die italienische Regierung auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die Flüchtlinge längerfristig unterzubringen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf derweil der EU-Grenzschutzagentur Frontex schwere Versäumnisse bei der Behandlung illegaler Einwanderer zu Beginn ihres Einsatzes in Griechenland vor. Die 200 Frontex-Beamten, die seit November 2010 an der Grenze zur Türkei eingesetzt werden, hätten die aufgegriffenen Einwanderer an die griechischen Behörden überstellt, obwohl diese sie in überfüllten Auffanglagern unter „unmenschlichen und erniedrigenden“ Bedingungen untergebracht hätten.

Die EU-Kommission wies die Vorwürfe zurück. Die Frontex-Grenzschützer könnten nicht für die Situation in den Unterbringungslagern verantwortlich gemacht werden, sagte ein Sprecher von Innenkommissarin Cecilia Malmström. Die rund 150 Kilometer lange Landgrenze zwischen Griechenland und der Türkei ist für Flüchtlinge aus Ländern wie Afghanistan, Irak und Somalia zum Haupteingangstor in die Europäische Union geworden.

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