Stalking

Ein Fremder spielt Tiger, du bist seine Antilope

Als ein Fremder entscheidet, ihr nahe sein zu wollen, ihr schreiben und sie riechen zu wollen, ändert sich Nadjas Leben. Das Gesetz schützt sie vor dem Stalker nicht.

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Sie liebte es, in der Masse unterzugehen. Mehrmals in der Woche tanzte sie in ihren Lieblingsclubs. „Es fühlte sich irgendwann wie eine Familie an, jeder kannte jeden“, sagt Nadja Wiesner*.

Den Mann mit der Glatze, der ihr im Frühjahr 2005 an der Garderobe eines Clubs ein Kompliment macht und dann wieder verschwindet, kennt die damals 20-Jährige nicht. „Ich fand das charmant, weil es so unaufdringlich wirkte“.

Zwei Wochen später, derselbe Club, lehnt der Mann an einer Säule neben der Tanzfläche und beobachtet sie. Sie ist größer als er, sehr schlank, wirkt fast zerbrechlich. Wenn sie lacht wirft sie den Kopf nach hinten und feine Falten umspielen ihre Augen. Für ihr Aussehen bekommt sie oft Komplimente, verdient sich als Model etwas Geld dazu. Gerade hat sie begonnen Mathematik und Informatik zu studieren.

Er dagegen ist bereits Mitte dreißig, seine hängenden Schultern und die Glatze wirken unattraktiv auf Nadja Wiesner.

Sie erzählt ihm von ihrem Freund – es stört ihn nicht

Weil sie ihn nicht grob zurückweisen will, lässt sie sich zu einem Drink überreden. Er stellt sich als der Kinderbuch-Lektor Lars Fromm* vor und lacht unentwegt. „Der fand mich wohl toll“, sagt Nadja. Doch sein „schmieriges Betongrinsen“ fällt ihr unangenehm auf. Sie plaudert ein wenig, spricht schon bald über die glückliche Beziehung zu ihrem Freund. „Ich dachte, damit hätte ich das Feld abgesteckt“.

In den darauffolgenden Wochen begegnet sie ihm immer wieder an der Tanzfläche. „Ich fand das schon auffällig, hielt ihn aber für einen ganz normalen Verehrer“.

Doch schon mit der nächsten Post ändert sich ihre Wahrnehmung von Fromm. In ihrer Studentenwohnung klingelt das Telefon. Ihre Mutter ist dran, erzählt ihr von einem Paket, das zu Hause für sie abgegeben worden sei. Nadja Wiesner erwartet kein Paket, doch ahnt sie von wem es ist. Als sie es schließlich in den Händen hält, hat sie die Gewissheit. Er hat die Adresse ihres Elternhauses herausgefunden. Sie reißt das Paket auf und findet darin eine Plüschdecke mit Tigermuster, eine Werbetasse von einem Kinderbuchverlag und einen Brief.

Er schreibt eine Fabel über ihn und sie

Die ersten Zeilen sind handgeschrieben, der Text darunter mit Computer. Auf dem schweren weißen Papier ist eine Fabel abgedruckt: „Die Antilope sprang höher als alle anderen Antilopen und in ihren Augen sah man etwas Besonderes, das den Tiger auf sie aufmerksam machte“. Obwohl sie die Anspielungen plump findet, fährt Nadja ein kalter Schauer über den Rücken. Sie ließt weiter: „Er beobachtet sie aus dem dunklen Wald heraus, während sie neugierig auf ihn zuschreitet“. Am Ende der Geschichte schließlich legen Tiger und Antilope ihre Felle ab und wollen zusammen sein.

Tatsächlich macht Nadja anschließend einen weiteren Schritt in Richtung des Tigers. „Aus Mitleid habe ich mich Anfangs noch erklärt“, sagt sie. Sie schreibt Fromm, der mittlerweile auch ihre E-Mail Adresse herausgefunden hat, lange Antworten, in denen sie erklärt, dass sie bereits verliebt ist und seine Mühe deshalb vergebens sei.

Er antwortet mit der alles niederwalzenden Ignoranz für das zuvor Gesagte, das die Rhetorik eines Stalkers auszeichnet: „Man sieht dir deine Verletztheit förmlich an, doch bei mir bist du sicher“.

Nadja hört auf die Mails zu beantworten. Jetzt begegnet sie Fromm an jedem Wochenende, egal in welchen Club sie geht. Sie bekommt bis zu 30 Anrufe am Tag – kein einziges Mal meldet sich jemand.

„Ich will dich doch nur einmal riechen“

Als Fromm sie eines Abends beim Tanzen über Stunden anstarrt, hält Nadja die Nähe nicht mehr aus, sucht Schutz bei einem Bekannten, der mit ihr in den Club gekommen war. „Ich dachte ich sei sicher bei ihm, der war ein zutätowierter Schrank von einem Kerl“.

Doch noch während sie mit ihrem Freund spricht, kommt Fromm mit starrem Blick quer über die Tanzfläche auf sie zu. Er ignoriert den kräftig gebauten Begleiter, als gehöre dieser zum Inventar und tritt ganz nah vor sie. Während er sie mit zu viel Druck umarmt, flüstert er in ihr Ohr: „Ich will dich doch nur einmal riechen“.

Nadja erstarrt. Ihr Bekannter traut seinen Augen zuerst nicht, zerrt Lars dann schließlich an seinem Hemd aus dem Club heraus.

Der Vorfall verschafft Nadja nur eine kurze Verschnaufpause. Noch in derselben Woche richtet Lars Fromm eine Internetseite ein, auf der er über Nadja schreibt. Er schickt ihr einen Link. „Ich musste jeden Abend nachsehen, was er über mich geschrieben hat, es war wie ein Zwang“.

Sie entdeckt darauf ein altes Foto, das sie bei einer Klassenfahrt zeigt. Sie ist außer sich vor Wut. Das Foto hatte sie selbst noch nie zuvor gesehen. Nadjas Zuvorkommenheit schlägt nun in Aggression um. Sie verfasst einen Hassbrief: „Du armes Würstchen“ / „total peinlich“ / „kommst an meinen Freund nicht heran“, ließt sich dieser quer.

Nur wenigen hatte sie bis dahin von den Vorfällen erzählt. Ihre Freundin Mela und ihre Eltern wissen davon, doch glauben sie noch nicht, dass eine Gefahr von Lars ausgeht. Als Nadja schließlich die Antwort auf ihren Brief erhält und nicht weiß, wie sie diese einordnen soll, besucht sie ihre Eltern.

Es ist ein Samstagmorgen. Sie liegen noch im Bett, als ihre Tochter ihnen den Brief in die Hand drückt. Sie lesen die Zeilen gemeinsam: „Ich lasse nicht zu, dass du Macht über mich hast. Vorher wird etwas passieren“.

„Meiner Mutter schossen beim Lesen die Tränen in die Augen, sie sagte nichts. Ich fühlte mich so verloren“, sagt Nadja.

„Ich wollte um keinen Preis das Opfer sein“

Zu diesem Zeitpunkt schloss sie bereits die Schlafzimmertür ab, bevor sie zu Bett ging. Für ihre Fenster hatte sie sich Vorhänge besorgt. „Ich wollte das von ihm begonnene Spiel nicht verlieren, um keinen Preis ein Opfer sein“, sagt Nadja. Gemeinsam mit ihrer Freundin Mela beschließt sie deshalb zu Handeln. Sie kennen Fromms Namen, finden so seine Adresse heraus. Sie drucken alle E-Mails aus, die Nadja je von ihm erhalten hat. Mit dem gut zehn Zentimeter dicken Papierstapel gehen sie zu seinem Wohnhaus.

Es ist eine gutbürgerliche Gegend in der Fromm wohnt. Mit Mehrfamilienhäusern und grünen Hecken. Er ist noch nicht zu Hause. Drei Stunden warten Nadja und ihre Freundin, dann taucht er an der Straßenecke auf, hat zwei Einkaufstüten in den Händen. „Lösch‘ bitte sofort die Homepage und hör‘ auf mir zu schreiben, ich finde es nicht mehr witzig“, redet Nadja mit ruhiger Stimme auf Lars ein. „Jeder darf eine Internetseite erstellen“ ist seine Antwort.

Daraufhin bricht es aus Mela, die ihre Freundin schützen will, heraus: „Lass Nadja in Ruhe, du krankes Schwein!“ Sie wirft ihm die Briefe vor die Füße. Hektisch sammelt er das Papier vom Boden auf und sieht sich dabei immer wieder um. „Er wollte nicht, dass jemand aus der Nachbarschaft die Briefe sieht“, sagt Nadja.

Es fällt Lars daraufhin schwer den Blicken der beiden Frauen stand zu halten, er entschuldigt sich sogar.

Mit den Worten, die Lars in den zahllosen E-Mails an Nadja richtete, erzeugte er starke Bilder in ihrem Kopf. Doch jetzt steht ein verängstigter und stammelnder Mann vor den beiden Frauen. Sein Verhalten zu beobachten, macht ihnen Mut. Noch am selben Abend stellt Lars einen fiktiven Dialog zwischen Nadja und der Polizei auf die Internetseite. Darin zeigt Nadja ihn bei der Polizei an. Ein Polizist lacht sie mit den Worten, „Sie haben nichts in der Hand“, aus.

Es gibt kein Gesetz gegen Stalking

Am nächsten Tag geht Nadja tatsächlich zur Polizei, zeigt Lars an. „So lange er Ihnen nicht zu nah kommt, kann man nicht viel machen “ sagt der Polizist zu Nadja.

Trotzdem verfehlt die Anzeige ihre Wirkung nicht. Fromm meldet sich kaum noch. In einem Brief an Nadjas Eltern, bittet er sie einem Treffen mit einem Mediator zuzustimmen. Sie reagieren nicht mehr darauf.

Wenige Wochen später kommt es zum letzten Aufeinandertreffen von Nadja und Fromm. Gemeinsam mit ihrem Freund organisiert sie mittlerweile selbst Partys. Eines Abends sitzt sie an der Kasse eines Clubs, als Fromm gemeinsam mit sieben Freunden den Club betreten will. Sie erkennt ihn schon im Halbdunkel vor der Glastür. Sie zittert.

Lars, der seine Freunde hinter sich weiß, lächelt ihr selbstgefällig zu. „Du kommst hier ganz bestimmt nicht rein“ sagt sie. „Was du hier abziehst ist doch lächerlich“, erwidert er. Ein Türsteher beobachtet die Situation, sieht aber noch keinen Grund einzugreifen. Er kennt die Geschichte von Nadja und Fromm nicht. Nadja schnappt nach Luft, sieht zu Fromms Freunden herüber, die auf eine Reaktion von ihr warten.

Sie steht kurz davor auf die Toilette zu rennen und den Tränen freien Lauf zu lassen, da platzt es plötzlich aus ihr heraus: „Wissen deine Freunde, dass du mir nachstellst? Wissen sie von den Briefen und den unzähligen Anrufen?

Wissen sie von der Homepage, die du über mich erstellt hast?“. Seine Freunde blicken ihn an, verstehen nicht, was die Frau an der Kasse meint. Fromm findet keine Worte, schaut sich hektisch um, sucht auf den Lippen seiner Freunde nach Worten. Keiner springt ihm zur Seite, als der Türsteher ihn am Arm fasst und vor die Tür bringt. Lars‘ Freunden rät er besser auch zu gehen. Eingeschüchtert von seinem Durchgreifen gehorchen sie.

„Danach ist es aus mir heraus gebrochen, ich habe minutenlang geweint“, sagt Nadja. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört. „Was der wohl macht?“. Sie gibt seinen Namen bei Facebook ein, findet ihn und sieht zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder sein Gesicht. „ Es ist so unglaublich einfach geworden, Leute zu finden “, spricht sie halb abwesend in den Raum.

Daraufhin gibt sie ihren Namen bei Google ein, findet Fotos, ihr eigenes Geburtsdatum und nach wenigen Klicks auch ihre Adresse. „Ach du Scheiße!“.

*Namen von der Redaktion geändert

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