Protest

Berliner "Schlampen" gehen auf die Straße

Frauen in Miniröcken, Hot-Pants und Unterwäsche ziehen durch die Straßen. Dieses Bild wird sich am morgigen Sonnabend ab 15 Uhr allen Berlinern rund um den Wittenbergplatz bieten.

Rund 3000 Menschen werden am Sonnabend leicht bekleidet durch Berlin ziehen. Mit diesem sogenannten „Slutwalk“ wollen sie für ihr „Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Geschlecht und sexuellem Begehren“ kämpfen, wie die Veranstalter im Internet mitteilen. Sie werden unter anderen vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) unterstützt. Der Zug führt vom Wittenbergplatz (Start 15 Uhr)über den Nollendorfplatz zum Potsdamer Platz und dann zum Gendarmenmarkt.

Auslöser der mittlerweile weltweiten Bewegung ist die Aussage des kanadischen Polizisten Michael Sanguinetti . Er hatte Anfang 2011 bei einem Vortrag über persönliche Sicherheit an einer Universität in Toronto erklärt, Frauen sollten sich nicht wie „Schlampen“ anziehen, wenn sie nicht zu Opfern werden wollen.

Beim „Slutwalk“ gehen Frauen, Männer und Transgender deshalb bewusst in heißen Höschen und kurzen Kleidchen auf die Straße. Sie wollen damit demonstrieren, dass eine bestimmte Kleidung, Alkoholkonsum oder lockeres Flirten keine Einladung oder Rechtfertigung für sexuelle Gewalt sind. Möglicherweise die Schuld noch beim Opfer gesucht wird.

Weil aufreizende Kleidung immer noch in vielen Köpfen als Aufforderung zur sexuellen Belästigung oder gar zum Missbrauch gesehen wird, hat sich nach Sanguinettis Aussage die Protestbewegung des „Slutwalk“ formiert. Sein Satz wurde blitzschnell über Facebook, Twitter und in Blogs verbreitet. Er schürte die Wut und das Bewusstsein vieler Frauen, gegen diese aus ihrer Sicht nicht tragfähige Einstellung angehen zu müssen.

Am 3. April 2011 brachte diese Entrüstung erstmalig mehr als 3000 Demonstrantinnen im kanadischen Toronto dazu, gebührenden Respekt für Missbrauchsopfer öffentlich einzufordern. Seither breitet sich die Idee des „Slutwalk“ weltweit aus. Kurz nach dem Startschuss und mehreren Demonstrationen in Kanada und den USA griff die Welle auch auf Europa über. In Newcastle, Cardiff, Glasgow, Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm gingen seither „Sluts“ auf die Straße, um auf die Verharmlosung von Belästigungen und sexuelle Übergriffen aufmerksam zu machen. Jetzt ist der „Slutwalk“ auch in Deutschland angekommen.

Dass das offenbar auch bitter nötig ist, zeigt ein Blick in den deutschen Wortschatz. Wer in einem interaktiven Wörterbuch der Uni Leipzig nach dem Begriff „Schlampe“ sucht, bekommt zuerst eine politisch korrekte Definition als „unordentliche Frau“. Doch wenn angezeigt wird, mit welchen Wörtern sie am häufigsten verwendet wird, eröffnet sich ein neuer Kontext: „Hure“, „beschimpft“, „verbrennt“ und „Du“ sind die gebräuchlichsten Kombinationen zu „Schlampe“ im Deutschen.

Genau das stößt den Organisatorinnen des „Slutwalks“ bitter auf. Sie haben sich deshalb auch bewusst dafür entschieden, das Wort „Schlampe“ in die Namensgebung der Protestwelle zu integrieren, da für sie sexuelle Gewalt bereits im Sprachgebrauch beginnt. Das ist aber nur eine Front der Diskriminierung, an der die Feministinnen kämpfen. Der „Slutwalk“ umfasst noch viel mehr: Er soll nicht nur gegen verbale Herabwürdigung angehen, sondern vor allem sexuelle Selbstbestimmung stärken und auf Verharmlosung von Gewalt hinweisen.

Die Ausrichter des Berliner „Slutwalk“ hoffen auf mehrere Tausend Teilnehmer, die sich gegen die „Sie-hat's-ja-nicht-anders-gewollt“-Einstellung wehren wollen. Weitere Protestzüge sollen deutschlandweit folgen. Nicht nur am Berliner Wittenbergplatz, sondern auch in Städten wie Hamburg, München, Frankfurt, Dortmund und Stuttgart werden die Schlampen kollektiv aufmarschieren.

Vielen Beobachtern bleibt der tiefere Sinn der Aktion jedoch verschlossen. Fragt man auf der Straße, was der Begriff „Slutwalk“ bedeute, bekommt man beispielsweise Antworten wie die des 16-jährigen Mehmet P. aus Neukölln: „Na, `ne Menge heiße Girls, die in sexy Klamotten zusammen rumlaufen. Ist jetzt auch in Berlin? Geh ich mit meinen Leuten hin, Alter.“

Die Veranstalterinnen des Berliner „Slutwalks“ wehren sich jedoch explizit dagegen, ihre Demonstration als Aufruf zu mehr „Sexyness“ zu verstehen.

„Frauen werden nicht frei sein, solange ihre Unterwerfung als sexy gilt“, schreibt die britische Politikwissenschafterin und Autorin Sheila Jeffreys zu der Thematik. Doch generiert ein „Slutwalk“ nicht selbst Bilder, die zur Fleischbeschau einladen? Denn der Massenauflauf der protestierenden Frauen bringt einen sehr einfachen und deshalb vielleicht erfolgreichen Reiz: Wäsche. Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini bringt diese Thematik drastisch auf den Punkt: „Die Werbung, die Medien, der Film, alle bieten sie den Körper der Frau als Ware an, die der Mann kaufen oder mit Gewalt nehmen kann.“

Weil sich die Feministinnen der Tatsache bewusst sind, dass ihre eigentliche Botschaft untergehen könnte, schlagen sie mit einem großangelegten Informationsangebot zurück: Alles über und um den „Slutwalk“ wird auf der Homepage definiert, proklamiert und ständig aktualisiert. Auf Facebook gibt es bereits mehr als 3000 Follower. Auch das Team von „Mädchenmannschaft.net.“ unterstützt die Veranstalterinnen. Die feministischen Bloggerinnen werden selbst am Berliner „Slutwalk“ teilnehmen, denn für sie geht es nicht darum „endlich mal halbnackt durch die Stadt laufen zu dürfen“, sondern um den Fakt „Menschen eben nicht die Schuld an sexuellen Übergriffen zu geben – selbst wenn diese halbnackt durch die Stadt laufen“.

Informationen im Netz: www.slutwalkberlin.de/slutwalkunited