Ich habe einen Traum. Und da ich eine unerschütterliche Optimistin bin, glaube ich fest daran, dass seine Erfüllung nicht nur im Dunkeln möglich ist. Meine Idealvorstellung von einer Beziehung erklärt sich am Besten mit einem wuselnden Szenario: Der Mann und ich sind auf einer Party. Er sieht zum Anbeißen aus, ich strahle von innen und außen.
Wir sitzen mit zehn Freunden und Bekannten an einem großen Holztisch, die Fenster sind offen, es ist Sommer, die Musik stimmt. Das Motto des Abends ist eine Lebenshaltung: Savoir Vivre gepaart mit „Wir haben noch lange nicht genug“. Es gibt gutes Essen, guten Wein, wir schmausen, lachen, zwischen den Gängen wird getanzt. Es werden Pläne geschmiedet, die Welt rauf und runter diskutiert und neu geordnet. Wir sind uns nicht immer einig, aber wir sind neugierig, die hitzigen Debatten betreffen die Sache: Wie, wo und vor allem wovon wollen wir leben?
Es wird durcheinander geredet, doch man hört sich zu – der gegenseitige Respekt ist Grundvorrausetzung. Mitten im schönsten Quasselschwung sehe ich den Mann an, er sitzt an der anderen Seite der Tafel. Mich überkommt sofort der Wunsch, demjenigen, der mich zu ihm geführt hat, war es Gott, waren es die Spatzen, das Wetter, oder am Ende gar ich selbst? - zu danken und eine Runde Champagner zu spendieren. Doch es ist nicht nötig, da alles im Überfluss vorhanden ist.
Er ist in diesem Augenblick gerade schwer damit beschäftigt, der Welt seine Meinung ins Ohr zu sagen. Die Welt ist in diesem Moment eine elfenhafte Brünette. Für einen kurzen Moment bin ich versucht, zu ihm zu schlendern, ihm vor ihren Rehaugen einen filmreifen Zungenkuss zu schenken, um die Verhältnisse klarzustellen. Ich lasse es bleiben. Stattdessen wende ich mich wieder meinem Nebenmann zu, dem glutäugigen Lockenkopf, der seit einer halben Stunde leidenschaftlich mit meinem Dekolleté palavert.
Seine Freundin ist weniger begeistert, ihr Blick will morden, ihre Körperhaltung sagt: Der Abend ist gelaufen. Ich habe große Lust, sie beiseite zu nehmen, mit ihr einen schwesterlichen Wodka zu kippen und zu sagen, erstens: Ich fasse deinen Kerl garantiert nicht an. Zweitens: Es ist glücklicherweise wahr, dass man niemanden in einen Käfig sperren kann. Das Problem ist: Sie würde es garantiert falsch verstehen und mich bloß für arrogant und unverschämt halten. Denn: Lektionen lernt man nur durch Erfahrung, nicht durch gut gemeinte Ratschläge.
Ich muss grinsen: Im weltmeisterlich Flirten liegen der Mann und ich bei einem stattlichen Unentschieden. Die rehäugige Schönheit starrt mit einer derartigen Faszination auf die Grübchen des Mannes, dass ich denke: „Süße, ich kann dich mehr als gut verstehen, leider...“ In dieser Sekunde schaut er zu mir. Vier Wimpernschläge lang verschwindet alles außerhalb unseres Bannkreises, wir teilen ein Geheimnis, das spannender ist, als der Da-Vinci-Code. Keiner außer uns kann es knacken: Wir sind es. Und die anderen sind es nicht. Wir zwinkern, die Welt dreht sich wieder, der Lärm und die trunkene Nacht umfangen uns. Unsere Konzentration streut sich erneut, doch das Funkeln und die Lust bleiben, beide können warten. Mit dem Mann fühle ich mich frei und lebendig. Bei ihm fühle ich mich geborgen, warm, sicher. Und zugleich sehr weiblich, sehr sexy.
Es ist herrlich paradox: Er wühlt mich auf und zugleich beruhigt er mich. Wir begrenzen uns nicht, weil unsere Lebenslust keine Schranken kennt. Mit ihm kann ich wachsen, darum habe ich kein Bedürfnis wieder durch die Bars zu streunen wie ein heimatloser Wildfang. Ich vertraue ihm, weil ich weiß, dass wir zehn Sterne Deluxe sind. Und wer den Luxus von Himmelbetten kennt, sehnt sich nicht mehr nach Stundenhotels.
Das Ende des Abends
Zurück zum Moment: Der Lockenkopf fordert mich zum Tanzen auf. Zwischen zwei Luftsprüngen denke ich an das Ende der Nacht. Der Mann und ich im verblassenden Mondlicht. Mehr Rock’n’Roll geht gar nicht. Verletzen können sich die anderen, wir sind zu sehr mit Glücklichsein, mit Arbeit, mit Denken, Fühlen, Sehen, Sprechen, Schmecken und Tasten beschäftigt, als dass wir für solchen Blödsinn Zeit hätten. Mit dem Mann kann ich in Bewegung sein, ohne zu flüchten, mit ihm kann ich innehalten ohne stillzustehen. Ich meine es nicht selbstherrlich, wenn ich sage: Wir sind zwei Sonnen, darum müssen wir nicht ständig umeinander kreisen. Doch wenn wir uns berühren, brennt es, da können Sie sich sicher sein.
Das Schönste an allem: Weder er noch ich haben es nötig, den Anderen auszusaugen, wir haben kein Interesse daran, uns zu beurteilen oder zu verändern – wir lieben uns nicht, weil wir uns brauchen. Wir sind unterschiedliche Persönlichkeiten, wir ergänzen uns, wir reizen und reiben uns, wir ärgern uns und bringen uns zum Lachen. Wenn ich ihn ansehe, muss ich nicht nach oben blicken und erst Recht nicht nach unten: Weil wir auf Augenhöhe sind, schaue ich ihm immer direkt in die Augen. Dazu kommt das vielleicht Wichtigste: Wir schauen beide in dieselbe Richtung. Ich mag es, mit welch warmen Blick der Mann auf das Leben sieht, ich bewundere seine Ideen, mir gefallen seine Träume, ich teile seine Werte. Ist ja herrlich, denken Sie jetzt und genau das ist es auch. Und zwar ist es spät geworden, das Fest ist vorbei. Ich küsse den Lockenkopf zum Abschied auf die Wange, der Mann schenkt der Brünetten zum Abschied ein Augenzwinkern. An der Tür treffen sich unsere Hände, wir waren unter Menschen, jetzt haben wir Besseres vor. Egal wie sehr ich vom Weg abkomme, ich weiß immer mit wem ich nach Hause gehen will. Ich weiß immer, wo mein Kopf zur Ruhe kommt.
Die Sonne geht auf. Wir spazieren nach Hause, erzählen uns gegenseitig unsere Versionen der Nacht. Wir können über unsere Eifersucht lachen, sie macht uns keine Angst. So ist es. So soll es bleiben. Ich habe einen Traum. Und derzeit denke ich gar nicht daran, aufzuwachen.




