Neulich geriet meine Welt erfreulicherweise kurz aus dem Takt. Mein Singleherz blühte auf, und mein innerer Schweinehund tanzte Polka. Weniger blümerant ausgedrückt: Meine Laune verbesserte sich schlagartig und das alles nur wegen dreier Jungs, die ich nie wieder sehen würde.

Und das kam so: Es war Mittwochnachmittag, ich verfluchte den Winter, den grau melierten Berliner Himmel und eilte mit verschnupfter Nase durch die Stadt. Es ging um Schadensbegrenzung. Denn meine Gedanken kreisten um ein vertracktes Problem der Menschheit, den so genannten Teufelskreis: Welthass macht Falten, erkannte ich, und Falten machen Welthass. Der morgendliche Blick in den Spiegel hatte ausgereicht, mich zum Grübeln über das dermatologische Dilemma zu bewegen. Leider ist zum Schutz der Epidermis auch von jedwedem Grübeln abzuraten... Ach, Scheiß drauf, ich hatte soeben die erste Augencreme meines Lebens erworben. Es war Zeit für Selbstmitleid, Cookies-&-Cream-Eis von Häagen Dazs und Hollywood in meiner Hütte.

Neben meiner Stammvideothek befindet sich eine fragwürdige Dönerbude. Vor ihr standen drei Kerle in Freibadlaune und begutachteten das vorbeieilende weibliche Material. Während ich mich ihnen näherte, buddelte sich meine Laune ein Loch, um noch tiefer zu sinken. Es war eine Situation, in der ich nur verlieren konnte. Gleich würden sie meinen Hintern kommentieren und sich dabei in die dürren Rippchen boxen, sie würden etwas Plumpes und Versautes sagen und hässlich kichern. Oder aber: Sie würden schweigen, was hieß, dass ich statt teurer Augencreme besser eine Ganzkörperverhüllung in Erwägung ziehen sollte, da meine Reize selbst anspruchslosen Proleten schleierhaft zu bleiben schienen.

Von der "Schnecke" zur "wilden Frucht"

Es ist wahr, dass Frauen nicht gerne dumm angebaggert werden. Noch unerträglicher finden sie eigentlich nur: Gar nicht angebaggert, sprich – nicht beachtet zu werden. Fatalistisch senkte ich den Kopf und versuchte hastig, vorbeizukommen. „Hey!“, rief einer von ihnen. Aha, du fällst noch unter die Kategorie „Frau“ triumphierte meine Zuversicht, Achtung, jetzt kommt’s, warnte meine Vernunft. „Hey, du wilde Frucht.“, sagte er. „Wilde Frucht“? Ich kannte Titulierungen wie „Perle“, „Schnecke“, „Süße“, „heiße Braut“ und „Baby“. Aber wilde Frucht war so ziemlich das Beste, was ich je gehört hatte – vorgetragen von einem Siebzehnjährigen in rutschenden Hosen. Ich musste sehr grinsen, eilte mit dem Lächeln nach Hause, warf die Creme in die Ecke, drehte die Musik laut, stellte das Eis ins Gefrierfach, entkorkte den Weißwein und verbrachte meinen Abend mit Anmach-Erinnerungen.

Zwei Flirtversuche haben sich besonders in mein Gedächtnis gebrannt. Der eine stellt eine Lektion in Schlagfertigkeit dar, der andere eine Lektion in Demut. Doch nacheinander. Es geschah in einer durchzechten Nacht im Beisein meiner Freundin Emma. Ich lümmelte auf dem Sofa einer Hinterhof-Bar und hatte den formidablen Schlafzimmerblick nur deshalb drauf, weil er alles ausdrückte, was ich wollte: schlafen. Emma war auf der Tanzfläche verloren gegangen, ich rührte träge in meinem Drink. Mädchen kreischten, Hüften rieben sich aneinander und jemand tippe mir an die Schulter. Er sah gar nicht mal schlecht aus. Was er wusste. Er fuhr sich durch die Bettfrisur und sagte sehr entschieden und erstaunlich nüchtern: „Hey!“. Sein Lächeln war der Sonnenaufgang. Ach was soll’s, dachte ich, mein Bett hat keine heißen Tätowierungen. Ich nickte aufmunternd zurück und ignorierte großzügig, dass er mir nicht einmal ins Gesicht sah. Niemand ist perfekt. Doch auch niemand wagt gewöhnlich Folgendes: „Darf ich mich deinen Brüsten vorstellen?“ sagte er ohne mit seinen hübschen Wimpern zu zucken.

Ich war sprachlos. Schwankte zwischen einem gezischten „Verpiss dich, Wicht“, einem trockenen „Nein“ oder der Verschwendung meines Gin Tonics an sein Gesicht. Wie immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann, bekam ich rote Flecken im Gesicht. Es war fürchterlich. Doch wie so oft tauchte Emma im richtigen Moment auf. „Nein, darfst du natürlich nicht.“, sagt sie. „Dafür sind ihre Brüste einfach noch zu klein.“ Ich wusste nicht, ob ich sie lieben oder hassen sollte. Im Nachhinein erwies sich der Typ als mickrige Enttäuschung, aber das bekam Emma zu spüren und ist eine andere Geschichte. Die zweite Anekdote ist mir heute noch peinlich. Sie beweist, dass tolle, moralisch intakte Männer existieren und Frauen und kostenloser Champagner eine fatale Kombination darstellen, dass Französinnen vielleicht mehr Spaß, Möchtegern-Französinnen jedoch definitiv ein Problem haben. Es ist ein paar Jahre her, ein bekannter Berliner Club feierte seinen Abschiedsabend und Menschen tauschten ihren Anstand gegen Freigetränke. Ich war keine Ausnahme. Leider. Ich weiß noch, dass Philipp grüne Augen hatte, meinen Verstand ausknockte und die Musik so laut war, dass er meinen Namen falsch verstand.

Männer und Französinnen

„Du heißt Janna?“ schrie er mir in mein Ohr. Ich überlegte kurz, befand, dass es Zeit für einen Nationalitätenwechsel war und sagte in schrecklich übertriebenem französischen Akzent „Non, isch aisse Jeanne.“ Schließlich kursiert ja das Klischee, dass Männer verrückt nach Französinnen sind. Das Klischee stimmt.

Ich erspare Ihnen weitere erbärmliche Zitate. In der folgenden Stunde mutierte ich also zu Jeanne aus Paris. Philipp stellte mich begeistert seinen zwei Freunden vor, ich machte auf hilfloses Hascherl in fremder Stadt. Verscheuchte meine Freunde mit Halsabschneider-Geste und fand mich irgendwann mit drei Jungs bei einem morgendlichen Sightseeing-Spaziergang durch den Bezirk wieder, in dem ich seit drei Jahren lebte. Die Jungs waren göttlich, hilfsbereit und ekelhaft anständig. Da ich im Club vorgegeben hatte, meinen Schlüssel verloren zu haben, führten sie mich in Philipps WG und bezogen sein Doppelbett frisch. Tut mir leid, wollte ich gerade sagen, drei sind zwei zuviel, da pumpte Philipp schon eifrig Luftmatratzen für sich und seine Freunde auf. Vor dem Einschlafen hörte ich ihn flüstern: „Meine Freundin kauft mir nie ab, dass nix gelaufen ist. Mit einer FRANZÖSIN!“ Ich konnte es auch kaum fassen.

Am nächsten Morgen wurde es noch schlimmer. Er brachte mir Milchkaffee ans Bett und wollte plötzlich sein Schulfranzösisch auffrischen. Das Problem: Er beherrschte die Sprache weitaus besser als ich. Ich rette mich mit dem Verweis auf die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen. Er bestand darauf, mich nach Hause zu begleiten. Auf der Straße merkte ich, dass wir nur eine Querstraße von meiner Wohnung entfernt waren. Er schlug vor, in meinem Lieblingscafé frühstücken zu gehen. Es war zuviel. Als ich ihn endlich abgeschüttelt hatte, beschloss ich, dass sich etwas Grundlegendes in meinem Leben ändern musste. Noch am selben Tag kaufte ich mir ein Wörterbuch. Nur für den Fall.