Es war der Morgen des 5. August, als die Bergleute der chilenischen Mine Copiapó wie gewohnt zu ihrer Schicht in die Tiefe fuhren. Wenige Stunden später schloss ein Felssturz 33 Männer fast 700 Meter unter der Erdoberfläche ein – 69 Tage.

Niemals zuvor hatten Menschen eine so lange Zeit unter der Erde überlebt. Ihre Rettung am 13. Oktober 2010 verfolgten Millionen Menschen an den Bildschirmen. Das „Wunder von Chile“ bewegte die ganze Welt.

Beinahe aber hätte es statt der geplanten Feiern zum Jahrestag eine Demonstration gegeben. Nur einzelne der 33 Kumpel haben den Weg zurück in den Arbeitsalltag gefunden, die Mine wurde geschlossen, auf ihre Abfindung warten die Männer seit Monaten vergeblich.

Um den Skandal zu vermeiden, schoss Chiles Regierung kurzfristig fast eine Million Euro zu. Seit Mittwoch können die Bergleute ihr Geld abholen, wenige Tausend Euro sollen es sein. Die Auszahlung ist für die allermeisten trotzdem dringend notwendig.

Schien die Rettung aus der Tiefe ein Wunder, dem nur noch Märchen folgen können, holte die Realität die Kumpels von Copiapó sehr schnell ein. 15 von ihnen sind heute arbeitslos, andere schlagen sich als Obstverkäufer oder Lkw-Fahrer durch. Einige hat der Albtraum unter Tage arbeitsunfähig gemacht.

Schulden und keine Arbeit

„Wir haben nicht mal genug Geld, um tot umzufallen“, sagt der 26-jährige Pedro Cortés der Agentur Efe. „Ich leide immer noch unter den psychologischen Folgen, kann nicht schlafen, habe Schulden und keine Arbeit.“ Präsident Sebastián Piñera ließ die Rettung in der Atacamawüste höchst medienwirksam choreografieren, der Staatschef profitierte von folgenden Rekordwerten in den Umfragen.

Es gab unendlich viel Aufmerksamkeit für jedes einzelne Schicksal – und noch mehr Versprechen. Piñera sagte den Kumpels eine lebenslange Rente von 300 Euro monatlich zu, ein Vermögen in Chiles armer Bergarbeitergegend. Daran will sich in seiner Regierung nun niemand mehr erinnern.

Doch selbst ohne Staatsgelder schien die Zukunft der armen Bergleute gesichert. Buchprojekte, Fernsehshows und sogar ein Filmvertrag mit Hollywood sollten Lohn für zweieinhalb Monate in der feuchtwarmen Dunkelheit sein. Die Traumata mochten angesichts dieser Verheißungen schon heilen.

„Los 33“ gründeten sogar eine gemeinsame Aktiengesellschaft, die die Interessen der Männer gerecht vertreten sollte. Doch bisher ist bei ihnen aus diesen Projekten kein einziger Peso angekommen.

Nationale Euphorie wandelte sich in Feindseligkeit

Obendrein wandelte sich die nationale Euphorie, die den 33 während und anfänglich nach ihrer Rettung entgegenschlug, in eine verbreitete Feindseligkeit. Die Kumpels wollten aus ihrem Schicksal nur Profit ziehen, heißt es nun in chilenischen Medien. Grund ist eine Klage der Männer gegen die Minengesellschaft. Sie wollen wegen mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen insgesamt rund sieben Millionen Euro erstreiten.

Auch von der chilenischen Regierung fordern sie wegen schlampiger Aufsicht über die Mine zwölf Millionen Euro Schadenersatz. „Die Leute denken, wir hätten uns dank des Unglücks die Taschen voll gemacht“, klagt der ehemalige Bergmann Cortés. „Aber das Einzige, was mir bezahlt wurde, waren ein paar Reisen.“

Seine Familie, die ebenfalls dringend psychologische Unterstützung brauche, habe niemals welche bekommen, klagt er. Das Erlebte hat sich wie ein Schatten auf das Leben von vielen der 33 gelegt. Ihr gemeinsames Leben sei heute „genauso dunkel, wie die Mine dunkel war“, sagt die Frau von Edison Peña.

Ihr Mann hatte in der Mine täglich gejoggt. Vergangenen November lief er beim New-York-Marathon mit, trat bei David Letterman auf und sang Elvis-Lieder. Kurz darauf besuchte er die Ranch seines Idols, in Graceland, Tennesee. Doch mit dem echten Leben kommen Peña und seine Familie nicht mehr zurecht.

Sieben der 33 seien immer noch krankgeschrieben, sie litten unter anderem an Schlaflosigkeit, sagt der Arzt Alejandro Pino. „Einigen machen die Erinnerungen zu schaffen, und sie leiden darunter“, sagt Luis Urzúa, der Schichtleiter. Eigentlich hat nur einer aus dem Überleben Nutzen gezogen: der vor Energie berstende Mario Sepulveda, den die Welt nach seiner Rettung als Stimmungskanone erlebte.

Sepulveda hat eine Unternehmensberatung gegründet, lässt einen amerikanischen Agenten für sich arbeiten und lehrt Manager, wie man in schwierigen Situationen durchhält.

Jüngst kam zu den Negativschlagzeilen der Bericht hinzu, „Los 33“ hätten sich über die Verteilung des erhofften Profits zerstritten. Auch dem widerspricht Pedro Cortés. „Wir sind keine engen Freunde, aber immer noch Kumpels.“ Angesichts des öffentlichen Unmuts hat die Regierung nur eine kleine Gedenkfeier organisiert.

In der Kirche La Candelaria en Copiapó will man Gott für die Rettung der Bergleute danken. „Es wird eine sehr einfache Feier und alle, die kommen möchten, sind eingeladen“, sagt Ex-Bergbauminister Laurence Golborne. „Los 33“ werden trotzdem nicht alle dabei sein.

mit dapd