Reichtümer am Meeresgrund

Wenn der Goldrausch die Schatzjäger packt

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Michael Bee

In einem Tempel in Indien wurden Edelsteine und Gold im Wert von 15 Milliarden Euro entdeckt. Vielleicht lohnt es sich ja doch, Schatzsucher zu werden?

Hinter der Tür zur letzten Kammer lauert der Fluch des Vishnu. Wer das Gewölbe öffnet, muss mit dem Zorn der mächtigen Hindu-Gottheit rechnen. So zumindest heißt es in der Familie der Maharadschas von Travancore, die in der vergangenen Woche unverhofft mit Reichtum überschüttet wurde.

Einen Schatz im Wert von angeblich rund 15 Milliarden Euro wollen Experten in einem südindischen Tempel entdeckt haben.

Um eine halbe Tonne Goldmünzen soll es sich handeln, hinzu kommen säckeweise Diamanten und eine eineinhalb Meter hohen Statue aus purem Gold. Sechs Kammern wurden bereits geöffnet. Die Öffnung der letzten und siebten Kammer steht noch bevor. Die Summe könnte sich also noch erhöhen, wenn denn Vishnu die Archäologen mit seinem Fluch verschont. Doch schon jetzt ist klar, dass es sich bei dem Schatz von Thiruvananthapuram – so der Name der Stadt, in der der Hindu-Tempel steht – um einen Sensationsfund handelt.

Dabei eignet sich die Geschichte von der Bergung der Reichtümer kaum als Vorlage für einen Abenteuerfilm der Marke „ Indiana Jones “. Nicht etwa ein wackerer Held mit Hut und Peitsche stieß auf den Schatz. Bei einer Tempel-Inventur entdeckten Sicherheitsinspekteure die Katakomben, die rund 150 Jahre unangetastet blieben.

Die sieben Männer folgten den Anweisungen eines Gerichts, weil die Herrscherfamilie von Travancore mit der Instandhaltung des baufälligen Sree-Padmanabhaswamy-Tempels überfordert war.

Schillernder sind hingegen die Spekulationen um die Herkunft des Milliardenfunds: So habe die Dynastie der Maharadschas ihren Wohlstand dem Gott Vishnu gewidmet und über Jahrhunderte hinweg in den Kammern gehortet, heißt es in offiziellen Erklärungen.

Entsprechend empört reagierten Hindu-Vertreter auf Forderungen, die Kostbarkeiten öffentlich auszustellen – oder gar mit dem Erlös den Haushalt zu sanieren. Sollte der Schatz aus dem Tempel entfernt werden, drohte ein Hindu-Verband bereits mit kollektivem Selbstmord. Vielleicht ist die Erklärung für die märchenhaften Reichtümer aber auch weitaus weltlicher. Denn möglicherweise hat die Herrscherfamilie ihr Hab und Gut lediglich vor den britischen Kolonialherren verbergen wollen – und über die Jahre schlichtweg vergessen.

Jäger verlorener geglaubter Schätze dürften sich nun jedenfalls bestätigt fühlen: Am Meeresgrund, in Höhlen, unter Schlamm und Geröll schlummern möglicherweise noch weitere Kostbarkeiten, die ihre Finder reich und berühmt machen könnten. Und dazu muss man sich nicht einmal in die Welt der Mythen und Verschwörungstheorien begeben. Eine Auswahl erfolgreicher Schatzsuchen:

Die Goldmaske des Pharaos

Im Jahre 1905 gilt Howard Carter als gescheiterte Existenz. Er verdingt sich als Touristenführer und Antiquitätenhändler, seine Archäologiekarriere steckt nach Prügeleien und Pöbeleien in einer Sackgasse. Drei Jahre später lernt er Lord Carnarvon kennen, einen britischen Lebemann und steinreichen Erben.

Gemeinsam graben sie ab 1917 im Tal der Könige – auf der Suche nach unentdeckten Pharaonengräbern des Alten Ägyptens. Sechs Jahre sind ihre Bemühungen umsonst. Bis zum 4. November 1922. An jenem Tag kommt es zum berühmtesten Dialog der Archäologiegeschichte.

Während Howard Carter mit einer Lampe in die 3300 Jahre alte Grabkammer leuchtet, fragt der Lord: „Können Sie etwas erkennen?“ Carter antwortet: „Ja, wundervolle Dinge.“ Schnell realisieren die beiden Abenteurer, dass sie gerade den größten Schatz der Geschichte entdeckt haben: Es handelt sich um das Grab des Pharaos Tutanchamun , der 1323 vor Christus starb. Aufgebahrt wurde er in einer majestätisch ausgestatteten Grabkammer. Allein die Goldmaske des Pharaos würde heute auf dem freien Markt wohl mehrere Milliarden Dollar einbringen – wenn sie das Ägyptische Museum von Kairo denn hergeben würde.

Das Service des Kaisers

Auf dem Deck des Schiffswracks stapeln sich Tassen, Teller und Schalen. Etwa 700.000 Teile werden an Bord des chinesischen Schiffs aus den Zeiten Kaisers Wanli vermutet – es ist die größte Ladung an Porzellan aus der Ming-Dynastie, die jemals gefunden wurde.

Das Problem: Sie befindet sich in einer Tiefe von 54 Metern, etwa 150 Kilometer vor der indonesischen Küste. „Ein echter Glücksfall“, sagt Nikolaus Graf von und zu Sandizell. Der Hamburger Unternehmer hat von der indonesischen Regierung die Lizenz zur Bergung erhalten und will noch in diesem Jahr mit der Tauchoperation beginnen.

Und damit den Piraten zuvorkommen, die es auf das kaiserliche Service abgesehen haben. Schließlich taxieren Experten den Wert der Fundstücke nach ersten Teilhebungen auf rund 50 Millionen Euro.

Das sind Renditeaussichten, die den enormen Aufwand von Profischatzsucher Sandizell erklären: Eine künstliche Insel wird über dem Wrack installiert, etwa 60 Mitarbeiter sollen binnen acht Monaten den Porzellanfund an die Oberfläche bringen, ein einziger Bergungstag dürfte 15.000 Euro kosten.

Der Hort von Staffordshire

Manchmal braucht man weder Forschungsexpeditionen noch kulturhistorisches Wissen. Dem arbeitslosen Briten Terry Herbert reicht eine Metallsonde, mit der er den Acker eines befreundeten Bauerns in Staffordshire absuchte. Auf diese Weise stieß Herbert im Juli 2009 auf einen der bedeutendsten Goldschätze der angelsächsischen Geschichte. Zuvor hatte der 55-Jährige 18 Jahre vergeblich nach Gold gesucht.

„Stell dir vor, du bist zu Hause und jemand hört nicht auf, Geld durch deinen Briefschlitz zu stecken – so war das“, kommentierte Herbert seinen Fund, der aus 4000 Einzelstücken besteht.

Dazu gehören aufwendig dekorierte Schwertgriffe und Helmteile aus dem siebten Jahrhundert. Experten gehen davon aus, dass sie aus höchstem Adelshause stammen. Das Birmingham Museum kaufte den Schatz für 4,3 Millionen Euro, den Erlös teilte sich der arbeitslose Sondengänger mit dem Landbesitzer.

Das Geheimnis der „Black Swan“

Einst war Greg Stemm der Tourmanager des Komikers Bob Hope. Mittlerweile ist er Chef des börsennotierten Bergungsunternehmens „ Odyssey Marine Exploration “.

Die Liste seiner abgeschlossenen Missionen ist lang. Dazu zählt auch der Fund der „SS Republic“. Der Raddampfer war 1865 auf dem Weg nach New Orleans vor der Küste Georgias gesunken – mit Münzen im geschätzten Wert von 75 Millionen Dollar. 2003 konnte Stemm das Wrack bergen.

Doch seine Funde machen misstrauisch. Spanische Behörden bezeichneten Stemms Methoden gar als „Piraterie des 21. Jahrhunderts“. Schließlich schippern die kommerziellen Schatzsucher auch in staatlichen Hoheitsgewässern.

So wie im Mai 2007, als die Truppe die Geheimoperation „Black Swan“ startete. Das angebliche Ziel: die Hebung der Fregatte „Nuestra Señora de las Mercedes“, die vor Gibraltar liegen soll. Noch bevor die spanische Küstenwache eingreifen konnte, bargen Stemms Leute einen erheblichen Teil der Fracht und flogen ihn in die USA aus, darunter auch 500.000 Silbermünzen und Hunderte Goldmünzen. Spanien fordert den Schatz zurück, jetzt müssen Richter den Streit entscheiden.

Das Gold des Dreijährigen

Anfängerglück – anders lassen sich die Ausgrabungskünste des drei Jahre alten James Hyatt aus Essex nicht erklären. Erst wenige Augenblicke hatte der Junge die Metallsonde in der Hand, als das Alarmsignal ertönte.

Nur 20 Zentimeter unterhalb der schlammigen Oberfläche kam ein goldener Reliquienschrein zum Vorschein, reich verziert mit Darstellungen der Jungfrau Maria und möglicherweise 2,8 Millionen Euro wert.

Experten datierten den Fund auf das 16. Jahrhundert. James' Vater Jason, selbst langjähriger und erfolgloser Hobbyarchäologe, gab zu Protokoll: „Wir hatten keine Karte. Nur Piraten benutzen Schatzkarten.“ Vielleicht war ja gerade das der Schlüssel zum Glücksfund.