Bündnis "Geschlossene Beine"

Kolumbien im Sex-Streik gegen Schlammpisten

In einem kleinen Dorf in Kolumbien ist nichts mehr wie es mal war: Die Bewohnerinnen verweigern ihren Männern jeglichen Sex. Ihr Ziel: Die Herren sollen sich endlich um die Renovierung der Straßen kümmern.

Foto: picture-alliance / Ton Koene / picture-alliance / Ton Koene/picture alliance

Die Frauen in dem kolumbianischen Dorf mit dem endlos langen Namen „Santa Maria del Puerto de Toledo de las Barbacoas“ machen ernst: Am 22. Juni begann der „Ausstand der geschlossenen Beine“. Seitdem ist in dem verschlafenen Nest mit seinen 35.000 Einwohnern nichts, wie es einmal war. Mit ihrem Ausstand wollen die Frauen die Behörden dazu bewegen, endlich die Straße in den Nachbarort zu asphaltieren. Die gleicht nach Regenfällen einer Schlammpiste, und bis zum nächsten Dorf sind es 57 Kilometer. „An schlechten Tagen brauchen wir für die Strecke bis zu 20 Stunden“, berichtet Ruby Lolay Cabezas, eine der streikenden Frauen. Zur Provinzhauptstadt Pasto ist es noch einmal eine knappe Tagesreise. So bleibt man unter sich.

Seit nun 39 Tagen wiederholt sich jeden Tag das gleiche Schauspiel. Die Frauen von Barbacoas und verkünden lauthals ihre Parolen: „Kein Sex mehr, wir wollen eine Landstraße.“ Die Einwohnerinnen haben genug von den beschwerlichen Reisen, vor allem aber wollen sie endlich den Zustand der Isolation beenden. Das Leben in Barbacoas ist kein Zuckerschlecken. In der Gegend liefern sich paramilitärische Verbände und die linksgerichtete Guerilla immer wieder Gefechte. Es gibt keinen Supermarkt und keinen Austausch mit anderen Gemeinden, denn Barbacoas liegt weit abgelegen.

Für Manuel Olimpo Quinonez, Ehemann von Ruby Lolay Cabezas, war der Streik anfangs schwer zu begreifen. Der Lehrer vermutete hinter der Verweigerung zunächst Beziehungsprobleme im eigenen Haus: „Ich konnte nicht verstehen, was der schlechte Zustand der Straße mit dem Sex zu tun hat. Das ist doch alles nur ein Vorwand, um keine Beziehung mehr mit mir zu haben“, dachte er sich in den ersten Tagen. Mittlerweile unterstützt er den Protest der rund 300 Frauen. Andere Männer sind dagegen wütend, versuchten mit einem Hungerstreik die Frauen zur Aufgabe zu zwingen; inzwischen brachen sie ihn ab, aber der Konflikt bleibt.

Der auf den ersten Blick bizarre Protest hat einen traurigen Hintergrund. Eine Frau aus der Stadt starb vor wenigen Wochen an inneren Blutungen, weil es ein Krankenwagen nicht rechtzeitig in die abgelegene Ortschaft schaffte. Es war nicht der erste Fall dieser Art. An diesem Tag begannen die ersten Frauen darüber nachzudenken, wie Barbacoas endlich an die Infrastruktur angeschlossen werden könnte. Schließlich entschieden sie sich für den Sex-Streik. Morgens um neun treffen sich die ersten Frauen. Sie tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wie lange noch“. Der Text spielt bewusst doppeldeutig auf die Wartezeit an – für die Straße und den Sex.

Abends geht der Protest im Kolosseum weiter. Dann treffen sich die Demonstrantinnen, um zu besprechen, was bislang erreicht wurde. Stolz tragen sie zusammen, wie die kolumbianischen Medien über den Sex-Streik berichten. Die Öffentlichkeit ist ihre größte Waffe. Es ist nicht so, als ob die Männer sich des Themas zuvor nicht angenommen hätten. Seit drei Jahren schreiben sie Petitionen an die zuständigen Politiker. Doch getan hat sich nichts. Deswegen entschieden sich die Frauen von Barbacoas zu der ungewöhnlichen Maßnahme.

Die Regierung in der scheinbar endlos weit entfernten Hauptstadt Bogota hat mittlerweile Kontakt zu den rebellischen Frauen aufgenommen. Endlich. Im November 2009 hatten die Behörden versprochen, die Straße zu bauen. Seitdem hat sich kein Handschlag gerührt. Das Transportministerium will nun prüfen, wie das Problem schnellstmöglich gelöst werden kann.

In Barbacoas geht derweil das Leben weiter – ohne Sex: Eine der streikenden Frauen, Liliana Mendez, berichtete der Tageszeitung „El Tiempo“, die das Dorf in dieser Woche besuchte: „In der Nacht versuchen sie uns zu verführen, aber wir zeigen ihnen nur die kalte Schulter.“ In Barbacoas wollen sie hart bleiben. Ana de Jesus Herrera bekräftigt: „Wir werden so lange weiter streiken, bis wir die ersten Bauarbeiter in der Stadt sehen, die damit beginnen, die Straße endlich herzurichten.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.