Trauerfeier in Duisburg

Angehörige gedenken der Loveparade-Opfer

Überlebende und Angehörige gedenken am ersten Jahrestag in einer Trauerfeier in Duisburg der 21 Opfer des Loveparade-Unglücks im strömenden Regen und mit bewegenden Worten.

Der Regen will nicht aufhören. Die meisten Grabkerzen sind schon erloschen, Sonnenblumen liegen mit ertränkten Blättern in Pfützen. Ein junger Mann hockt am rostenden Loveparade-Mahnmal mit den 21 umfallenden Stahlstreben und weint. Eine Freundin filmt ihn mit ihrem Handy. Dann gehen sie durch den Karl-Lehr-Tunnel zur Unglücksstelle. Im Neonröhrenlicht sehen sie aschfahl aus.

In der Mitte des Straßentunnels, an der offenen Asphaltrampe, wurde ein Beet aus weißem Kies errichtet, mit Fotos von jungen Menschen. „Die Sonne versank, bevor es Abend wurde“, steht auf einem der Trauerkränze. Holzkreuze säumen die Stufen der baufälligen Treppe, über die etliche Menschen am 24. Juli vergangenen Jahres in Panik zu fliehen versuchten.

21 Frauen und Männer sind damals bei der Loverparade gestorben, mehr als 500 verletzt worden – an einem strahlenden, sonnigen Tag. Ein Jahr später kommen viele bei strömendem Regen, um zu trauern, bis Sonntagmittag zählt die Stadt 3500 Menschen.

Große öffentliche Aufmerksamkeit

In Gruppen stehen Betreuer beieinander. Sie tragen lilafarbene Jacken mit der Aufschrift „Seelsorger“ und „Einsatznachsorge“. Sie haben einiges zu tun. Ein junges Mädchen wird im Tunnel von Weinkrämpfen geschüttelt und muss sich auf den Bordstein setzen. Eine Seelsorgerin spricht leise mit ihr.

„Die Menschen wollen das Geschehene loswerden“, sagt der Koordinator der örtlichen Seelsorge, Richard Bannert. Der evangelische Diakon hat in 16 Jahren viele Unglücke erlebt, Verletzte und Hinterbliebe getröstet, aber die Loveparade-Katastrophe war ein „außergewöhnliches Ereignis“.

Kaum drei Kilometer weiter kommen die ersten Trauergäste ins Fußballstadion des MSV Duisburg. Eine junge Frau aus Steinfurt steigt mit ihrem Freund die Treppe zu den Zuschauerrängen hinauf. „Ich habe meine Freundin bei der Loveparade verloren. Aber eigentlich möchte ich nichts sagen.“ Sie ist blass, ihre Augen schwimmen in Tränen. „Der Graf“, Sänger der Band „Unheilig“, probt gerade sein Lied „Geboren um zu Leben“ auf der Bühne. Die Angehörigen haben sich seinen Auftritt gewünscht.

Schon am Samstagabend haben sich viele von ihnen zu einer stillen Gedenkfeier versammelt. Der großen öffentlichen Aufmerksamkeit begegnen sie mit gemischten Gefühlen. „Das Leid des ganzen Jahres kommt an einem solchen Tag noch einmal hoch. Aber sie fühlen sich nicht vergessen und merken, dass auch die Gesellschaft Anteil nimmt.

Das ist etwas, was ihnen gut tut und ihnen helfen kann für die weiteren Wochen und Monate. Denn die Trauer hört nicht auf“, sagt Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er betreut die Angehörigen.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland dagegen ist nicht ins Stadion gekommen, weil einige Hinterbliebene es nicht wollten. Sie sehen in ihm einen Verantwortlichen für das Unglück und können nicht verstehen, dass er sich erst nach einem Jahr öffentlich so deutlich entschuldigt hat. „Sein Bekenntnis wird insgesamt zur Versöhnung beitragen, da bin ich optimistisch, aber eben nicht kurzfristig“, sagt Joachim Müller-Lange. Der Schmerz, die Wut und Empörung sei noch immer bei vielen Angehörigen zu spüren, weil damals nicht richtig reagiert worden sei.

5000 Menschen

Die zentrale Trauerfeier in der MSV-Arena hat die Staatskanzlei der Landesregierung organisiert, die evangelische Kirche im Rheinland hat die Gestaltung übernommen. Die Tore auf dem Rasenfeld wurden abgebaut; am Elfmeterpunkt leuchtet ein Herz aus Sonnenblumen, hinter der Aus-Linie wurde eine Bühne aufgebaut.

5000 Menschen sind bis zu Beginn der Trauerfeier am Nachmittag ins Stadion gekommen. Doch auch danach strömen noch Menschen in die Arena. Beifall für Darbietungen soll es in den nächsten zwei Stunden nicht geben, die Angehörigen haben dies gewünscht.

„Tausende tragen heute noch den Schock und die Trauer in ihren Herzen. Es erschüttert eine ganze Stadt. Im tiefsten Innern müssen Menschen allein den Weg finden, mit großem Leid umzugehen. Aber dennoch hilft es, auf diesem Weg nicht allein zu sein“, sagt Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, zu Beginn der Gedenkfeier. „Einige sagen, die Zeit heilt alle Wunde, aber die Narben bleiben und sie brennen.“ Petra Bosse-Huber geht bei der Trauerfeier nicht auf die Schuldfrage ein.

Sie hat dies bereits einen Tag zuvor in der „Rheinischen Post“ getan, wo sie dem Oberbürgermeister eine „völlige Überforderung“ zusprach. Er sei „daran gescheitert, seine öffentliche Rolle auszufüllen“. Ihre zentrale Botschaft lautete darin: „Er wird die politische Verantwortung nicht los. Der Rücktritt würde aber nichts mehr heilen.“

Die Schuldfrage wird dann im Stadion doch noch einmal angesprochen – von der Italienerin Nadia Zanacchi. Sie hat auf der Loveparade ihre Tochter Guilia verloren. Es ist eine bewegende Rede, die vielen Anwesenden Tränen in die Augen treibt. „Es war eine Tragödie, die mit Sicherheit vermeidbar gewesen wäre. An einem derartigen Ort hätte niemals ein Konzert stattfinden dürfen.“

Die junge Ella Seifer hat das Unglück überlebt. Sie erzählt, wie an jenem Tag das Chaos über sie und ihre Freunde hereinbrach, wie sie merkte, „dass etwas fürchterlich schief läuft“. Ihre Stimme bricht ab, sie weint. Dann spricht sie weiter: „Das war der Tag, an dem ich verstanden habe, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“ Danach ist es totenstill. Nur der Regen ist zu hören, wie er auf das Stadiondach prasselt.