"News of the World"

Murdochs Skandalblatt verabschiedet sich "stolz"

Wegen eines Abhörskandals erscheint die "News of the World" nach 168 Jahren zum letzten Mal. Die Polizei ermittelt trotzdem in der Reaktion.

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Nach einer dramatischen Woche erscheint am heutigen Sonntag die letzte Ausgabe der traditionsreichen britischen Boulevardzeitung "News of the World". Der zum Imperium von Rupert Murdoch gehörende Verlag News International hatte am Donnerstag bekanntgegeben, dass das Blatt nach 168 Jahren eingestellt wird. Zuvor waren neue Details in dem Skandal um abgehörte Handys ans Tageslicht gekommen, der die Zeitung seit Jahren beschäftigt.

In einer Nachricht an die Leser heißt es in der letzten Ausgabe, man verabschiede sich nach 168 Jahren "sehr stolz" von seinen Lesern.

Journalisten der Zeitung sollen die Telefone von bis zu 4000 Menschen angezapft haben. Neben Prominenten und Politikern sollen auch Opfer von Straftaten betroffen sein. Außerdem sollen Bestechungsgelder an die Polizei geflossen sein. Im Laufe der Woche hatten immer mehr Firmen ihre Anzeigen für die anstehende Ausgabe des Sonntagsblattes zurückzogen.

Die rund 200 Mitarbeiter des Unternehmens sollen noch drei Monate lang ihr Gehalt erhalten und zum Teil andere Stellen im Unternehmen angeboten bekommen.

Die Opposition befürchtet in dem Abhörskandal die Zerstörung von Beweisen und Dokumenten und fordert deshalb eine schnelle Untersuchung. Premierminister David Cameron müsse sicherstellen, dass noch an diesem Wochenende konkret Mitglieder für einen richterlichen Untersuchungsausschuss bestimmt würden, hieß es in einem am Samstag veröffentlichten Brief der sozialdemokratischen Labour-Partei an den Regierungssitz Downing Street 10.

Zuvor hatten mehrere Medien berichtet, die Polizei gehe dem Verdacht nach, bei dem Boulevardblatt könnten Millionen von internen E-Mails gelöscht worden sein, um die Polizeiermittlungen einzuschränken. Ein Sprecher des hinter "News of the World" stehenden Verlags News International, der zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehört, bezeichnete die Berichte als "Quatsch".

Camerons Büro teilte mit, man handle "so schnell wie möglich und wie es juristische erlaubt ist" und sei bereits auf der Suche nach einem Richter für einen Untersuchungsausschuss. Vermutlich werde es am kommenden Mittwoch Gespräche zwischen Cameron und Labour-Chef Ed Miliband geben.

Cameron war unter Druck geraten, nachdem sein früherer Berater Andy Coulson festgenommen worden war. Coulson kam am späten Freitagabend auf Kaution frei und muss im Oktober erneut bei der Polizei erscheinen.

Cameron hatte angekündigt, nach der derzeit laufenden polizeilichen Untersuchung solle eine unabhängige Kommission dem Skandal auf den Grund gehen. Der Premier kündigte zudem einen Ausschuss an, der die enge Verbindung zwischen Politik und Presse im Vereinigten Königreich beleuchten und die dahinter stehende Ethik sowie die Praktiken untersuchen soll.

Der Präsident der Liberaldemokraten, Tim Farron, sagte, die Festnahme von Coulson werfe ein schlechtes Licht auf Cameron. Die "LibDems" bilden derzeit die Koalitionsregierung mit den konservativen Tories von Cameron. Sowohl die Tories als auch Labour hätten über die Jahre immer wieder versucht, sich Murdoch anzubiedern und seine Unterstützung zu bekommen.

Für den 80-Jährigen Medienmogul Murdoch steht in Großbritannien die millionenschwere Übernahme des britischen Senders BSkyB, für die er seit langem kämpft, auf dem Spiel.