"Natürlich ist der Fasching im Puff lustiger als im Altenheim der Caritas. Aber den muss es eben auch geben." Mit diesem Satz kommentierte Thomas Gottschalk gestern Abend die manchmal etwas behäbige Art des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, wenn es um die Innovation bei Sendekonzepten geht.
Fünf Tage nach der Ankündigung, sein Engagement als Moderator von „Wetten, dass..?“ nach der Sommersendung auf Mallorca zu beenden, diskutierte man gemeinsam über die Zukunft des deutschen Fernsehens.
Dabei beklagte Gottschalk nicht nur die angesprochene Behäbigkeit, sondern auch den Quotendruck der Sender als Hemmschuh für die Entwicklung neuer Formate. Auf seine persönlichen Pläne angesprochen, beließ es der Showmaster bei vagen Andeutungen.
Einer Rückkehr ins Rampenlicht von Europas erfolgreichster Unterhaltungssendung erteilte er keine endgültige Absage. „Zunächst einmal besteht für meinen Nachfolger die Möglichkeit, alles auf Null zu stellen“, ließ er verlauten. „Sollte er die Aufgabe nicht bewältigen können, bin ich ja nicht aus der Welt.“
Während die Fernsehzuschauer laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „tns.emnid“ Hape Kerkeling den Vorzug geben würden, wich Gottschalk selbst der Frage, wer „Wetten, dass..?“ künftig übernehmen solle, gekonnt diplomatisch aus.
Zuvor hatte der 60-Jährige noch einmal die Gründe für seinen Rückzug dargelegt. Den Unfall Samuel Kochs während einer Wette im vergangenen Dezember bezeichnete er lediglich als endgültigen Auslöser.
Mit diesem Alptraum habe die Show ein für allemal ihre Unschuld verloren. Allerdings habe er sich schon vorher von Zeit zu Zeit gedanklich mit dem Aufhören befasst. Dass die über allem stehende Jagd nach der Quote und die bisweilen harsche TV-Kritik dabei eine Rolle spielte, konnte und wollte er nicht verhehlen.
Ironisch kommentierte Gottschalk die überaus positiven Pressenstimmen der vergangenen Tage: „Vielen Dank für die Blumen. Hätte ich gewusst, dass mich alle so lieb haben, wäre ein Abschied gar kein Thema gewesen. Im Gegensatz zu Peter Alexander habe ich meine Nachrufe aber immerhin noch lesen können.“
Nach der Aufarbeitung der jüngsten Ereignisse rund um das ZDF-Show-Flaggschiff richtete Maybrit Illner den Blick auf die Zukunft der deutschen Fernsehlandschaft.
Im weiteren Verlauf der Sendung wurde durchgehend plakativ schwarz-weiß gemalt. Grautöne zwischen „Wetten, dass..?“ und dem Dschungelcamp fanden in der Diskussion kaum Platz. Als Gegenentwurf zur gepflegten Samstagabendunterhaltung scheinen nur die Quotenknüller der Privaten in Frage zu kommen.
Dabei war es Ute Biernat wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesen Formaten keineswegs um Prekariatsfernsehen handele. „Laut unseren Analysen schauen sich Zuschauer aus allen Schichten und Altersstufen diese Sendungen an“, berichtete die Geschäftsführerin von Grundy Light Entertainment, die unter anderem „Deutschland sucht den Superstar“ produziert. „Das ist das Familienfernsehen der Gegenwart.“
Schauspieler Mathieu Carrière, jüngst für die, nach eigener Aussage, schönsten dreizehn Tage seines Lebens im "Dschungelcamp" untergekommen, setzte dieser These noch einen drauf. „Ich würde sogar von Bildungsfernsehen sprechen. Das Camp ist das komplexeste Format derzeit, in etwa vergleichbar mit einer Herztransplantation oder der Mondlandung.“
Nur ein kleiner Kakerlakenschmaus für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit. Abstruser wurde es an diesem Abend nicht mehr.
Stattdessen versuchte "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mehrfach, die Suche nach Alternativen anzuregen. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender sieht er dabei in der Pflicht, andere Wege zu gehen.
Aber zu seiner Enttäuschung geschehe dies nicht. „Es ist für mich unbegreiflich, dass ARD und ZDF trotz der riesigen Apparate, die dahinter stehen, in den letzten 20 Jahren nichts Innovatives hervorgebracht haben.“ Er sprach gar von einem Armutszeugnis und mahnte mehr Mut zu Experimenten und vor allem Geduld an.
Doch die Realität sieht anders aus. Bei allen Sendern regiert die Quote. Kurzfristiges Denken ist die Folge. Und der Griff zu Bewährtem, wie etwa Casting-Shows.
Bei diesen wittert Ex-Topmodel Fiona Erdmann die Gefahr, dass gerade junge Menschen Opfer ihrer Unwissenheit und Erwartungshaltung werden. Auf der Suche nach den Warholschen 15 Minuten Ruhm begäben sie sich allzu leichtgläubig in Situationen, die sie nicht mehr kontrollieren können. Die 22-Jährige selbst hat als Kandidatin bei „Germany’s next Topmodel“ entsprechende Erfahrungen gemacht, wo sie durch eine geschickte Inszenierung als Oberzicke der Staffel hingestellt worden war.
Trotzdem schaue sie derartige Sendungen nach wie vor an. Selbst Giovanni di Lorenzo kann sich dieser Faszination nicht ganz verschließen. „Allerdings verliere ich das Interesse, wenn alles nur noch aus zynischer Berechnung heraus geschieht.“ Wenn Kandidaten nur um der Unterhaltung willen vorgeführt werden, etwa. Die Auswirkungen, die solch peinliche Momente auf ihr Privatleben haben, scheinen viele immer noch nicht abschätzen zu können.
In diesem Zusammenhang zeigte sich Thomas Gottschalk als Entertainer der alten Schule. „Lieber mache ich mich selbst zum Hanswurst als einen anderen, der dieser Sache nicht gewachsen ist.“ Für die Zukunft des Fernsehens in Deutschland wünscht er sich eine friedliche Co-Existenz schlichter und anspruchsvoller Formate.
Sender, um die verschiedenen Vorlieben zu bedienen, gäbe es ja zur Genüge. Irgendwo könne dann auch der Bauer seine Frau suchen. „Vor allem aber sollten wieder Sendungen her, die dazwischen liegen. Intelligenter Irrsinn für die Mitte.“ Es muss nicht immer die Mondlandung sein.




