Loveparade-Katastrophe

Sauerland erklärt zu spät sein langes Schweigen

Sie kamen, um zu tanzen, doch dann passierte bei der Loveparade in Duisburg die Katastrophe: In der Massenpanik starben am 24. Juli des letzten Jahres 21 Menschen. Erst jetzt bat Duisburgs Oberbürgermeister um Entschuldigung – zu spät.

Draußen vor dem Rathaus in Duisburg wird es wieder laut. Dutzende Menschen stehen dort, ein Mann mit signalgrüner Weste ruft etwas ins Megafon. Es sieht nach Ärger aus, so wie schon vor einigen Monaten, als Kritiker und Anhänger von Oberbürgermeister Adolf Sauerland aufeinanderprallten und im Rat ein Abwahlantrag gegen das Stadtoberhaupt scheiterte. Doch an diesem Montag protestieren keine Bürger, sondern Gewerkschafter: „Feste Beschäftigung statt Billiglohn“. Politischer Alltag.

Zumindest öffentlich war es ruhiger geworden in Duisburg, je länger die Loveparade-Katastrophe zurücklag, bei der vor fast genau einem Jahr 21 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Sauerland hat mittlerweile mit Hinterbliebenen gesprochen, doch noch immer gibt es viel Unmut. Seit Wochen sammeln Aktivisten Unterschriften für einen neuen Abwahlantrag. 30.000 Duisburger sollen schon unterschrieben haben, 55.000 wären bis zum Oktober nötig, um ein neues Abwahlverfahren zu starten.

Sauerland entschuldigt sich

Die Nervosität wächst in der Stadt, je näher der erste Jahrestag der Tragödie rückt und je öfter über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg berichtet wird. Auch die „Rheinische Post“ hat nun den geheimen, rund 400 Seiten starken Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft über die Tragödie. Es wird hervorgehoben, dass die Stadt die Genehmigung für die Loveparade rechtswidrig erteilt habe. Das betrifft Sauerlands Zuständigkeitsbereich als Verwaltungschef. So erfährt die Ratssitzung, die kurz nach der Ver.di-Demonstration beginnt, eine besondere mediale Aufmerksamkeit.

Es ist die letzte Sitzung vor dem Jahrestag der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli. Außerdem hat der Oberbürgermeister eine Erklärung angekündigt. Sauerland kommt um kurz vor 15 Uhr in den stickigen Ratssaal, schenkt sich Wasser an seinem erhöhten Platz ein, von dem er die Sitzung leiten wird. Dann sagt er: „Vor Eintritt in die Tagesordnung möchte ich Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben.“

Sauerland tut etwas, was viele von ihm schon seit Langem verlangt haben: Er bittet um Entschuldigung. „Nach einem Jahr schmerzt die Erinnerung sehr. Die Wunden sind längst nicht verheilt. Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich moralische Verantwortung für dieses Ereignis. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen“, sagt der Christdemokrat in seiner Erklärung.

Sauerland bedankt sich noch bei denen, die die Hinterbliebenen und Überlebenden begleitet haben, bei Polizei und Sicherheitskräften und auch bei jenen, „die sich für einen würdigen Umgang mit der Erinnerung engagieren, und allen, die das Geschehene verstehen wollen und Gerechtigkeit suchen“. Eine Gedenkminute lang wird es beinahe still im Saal, nur ein Fotoapparat klickt.

Er erklärt sein Schweigen

Dann tritt Sauerland noch einmal ans Rednerpult. Er will noch etwas zu den aktuellen Presseberichten sagen, in denen über die Verantwortung von Stadtmitarbeitern an der Katastrophe geschrieben wurde: „Nach wie vor gilt die Unschuldsvermutung für alle Beschuldigten. Ich stelle mich an dieser Stelle ausdrücklich vor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung.“

Bereits in der vergangenen Woche hörte man persönliche Worte von ihm, die etliche Duisburger vermisst hatten. In Aufnahmen des Westdeutschen Rundfunks erklärte er sein Schweigen, weil er befürchtet hatte, dies könnte als juristisches Schuldeingeständnis verstanden werden. „Dies hat dann dazu geführt, dass man sprachlos wird“, sagte Sauerland.

Er erwähnte auch Fritz Pleitgen, den Geschäftsführer der „Kulturhauptstadt Ruhr.2010“, der damals eine moralische Mitverantwortung für die Tragödie übernommen hatte. „Das, was dann Fritz Pleitgen als Erster getan hat, hätte von mir kommen müssen“, sagte der Oberbürgermeister und fügte dann noch hinzu: „Die Übernahme moralischer Verantwortung, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen. Das ist so. Im Nachgang weiß ich es, und es tut mir unendlich leid, dass ich es nicht sofort getan habe, sondern dass so viel Zeit vergangen ist.“

Hinterbliebene erwarten einen Rücktritt

Es bleibt die Frage, ob solch eine Geste nicht zu spät kommt. Sauerlands Problem bleibt, dass die Kritiker seine fehlende Entschuldigung mit fehlender Anteilnahme und fehlendem Bedauern gleichsetzen. Und wenn er Betroffenheit über die Loveparade-Katastrophe ausdrückte, dann wurde es ihm als Selbstbezogenheit ausgelegt. Aus diesem vielschichtigen Konflikt findet Sauerland bisher nicht heraus.

Von einigen Hinterbliebenen und überlebenden Opfern ist bekannt, dass sie nicht weniger als einen Rücktritt erwarten. Sie sehen in ihm einen Schuldigen, auch wenn er persönlich nicht zu den 16 Beschuldigten zählt, gegen die die Staatsanwalt Duisburg seit Monaten ermittelt. Sauerland betont: Wenn gerichtlich festgestellt werde, dass die Stadtverwaltung für die Loveparade-Katastrophe mitverantwortlich sei, dann werde er sich vom Rat abwählen lassen.