Vergewaltungsvorwürfe

Triumph für Strauss-Kahn - Hausarrest aufgehoben

Weil die Staatsanwaltschaft die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers bezweifelt, kommt der frühere Chef des Weltwährungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, auf freien Fuß.

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Wegen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Zeugin hat ein New Yorker Gericht den früheren IWF-Chef am Freitag aus dem Hausarrest entlassen. Eine von Strauss-Kahn hinterlegte Kaution soll zurückgezahlt werden. Seinen Reisepass wurde einbehalten.

Video: Reuters
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Es ist ein breites Lächeln, ein zufriedenes Lächeln, das Dominique Strauss-Kahn auf dem Gesicht trägt, als er am Freitagmittag das Gerichtsgebäude in New York verlässt. Betreten hatte er den Supreme Court als Gefangener, er verlässt ihn als freier Mann. Sein rechter Arm ruht entspannt auf der Schulter seiner Frau Anne Sinclair, die in den vergangenen Wochen trotz aller Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung zu ihm gehalten hatte.

Für den 62-jährigen Franzosen war der Termin ein Triumph, denn der Richter hat seinem Antrag zugestimmt, den scharfen Hausarrest aufzuheben. Wochenlang hatte Strauss-Kahn in einer luxuriösen Wohnung in einem dreistöckigen Haus in der Franklin Street in Manhattans Stadtteil TriBeCa festgesessen, überwacht von bewaffneten Sicherheitskräften, Kameras und einer elektronischen Fußfessel – wie ein Schwerverbrecher, der er nach Meinung der Weltöffentlichkeit auch war. Ganz frei ist Strauss-Kahn allerdings noch nicht. Sein Gefängnis sind jetzt die Vereinigten Staaten, das Land darf er nicht verlassen.

Der Grund für die spektakuläre Wende: Die Staatsanwaltschaft hat erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Kronzeugin. Eben jenes Zimmermädchen, über das Strauss-Kahn am 14.Mai in seiner Hotelsuite nackt hergefallen sein soll, das er durch die Räume gejagt, bedrängt und schließlich zum Oralsex gezwungen haben soll, hat gelogen. Und zwar mehrfach. Sowohl, was den Fall angeht, als auch früher bei ihrem Asylantrag.

Falsche Darstellung

Wie die Ermittler den Anwälten von Strauss-Kahn in einem Brief mitteilten, hatte die 32-Jährige aus Guinea ursprünglich ausgesagt, sie sei nach dem Überfall in den Flur des Hotels „Sofitel“ in Manhattan geflüchtet. Dort habe sie gewartet, bis Strauss-Kahn die Suite 2806 verlassen habe und dann ihre Vorgesetzten verständigt. Doch diese Darstellung ist nach ihrer neuen Aussage offenbar falsch. Vielmehr habe sie nach dem angeblichen Angriff ein Nachbarzimmer gesäubert und sei dann in die Suite zurückgekehrt, um auch diese zu reinigen. Erst dann habe sie den Vorfall ihren Chefs gemeldet.

Hinzu kommen weitere Vorwürfe. Laut „New York Times“ hat sie auch bei ihrem Asylantrag gelogen. Gegenüber der Staatsanwaltschaft hatte sie erklärt, sie sei in Guinea Opfer von Vergewaltigung und sexueller Verstümmelung geworden; auf dem Asylantrag selbst findet sich kein Wort davon. Dann ist da noch der Kontakt zu einem Drogenhändler, der zurzeit im Gefängnis sitzt und mit dem sie einen Tag nach der Festnahme Strauss-Kahns am Telefon über die finanziellen Vorteile einer Klage spekuliert haben soll. Der Mann war mit 400 Pfund Marihuana festgenommen worden. Und er gehört zu einer Gruppe, die während der vergangenen beiden Jahre insgesamt 100000 Dollar auf das Konto der Frau überwiesen haben soll. Die Einzahlungen wurden in vier verschiedenen US-Staaten getätigt, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Die Frau soll angegeben haben, die Zahlungen kämen von ihrem Verlobten und seinen Freunden, mehr wisse sie nicht. Der Lüge überführt worden sei sie angeblich, als sie angab, nur ein Telefon zu besitzen und auch nur eine Telefonrechnung zu bezahlen. Es stellte sich aber heraus, dass sie jeden Monat Hunderte Dollar an fünf verschiedene Anbieter zahlte.

Was steckt also hinter den Verwicklungen? Zufall? Kalkül? Haben diejenigen recht, die behaupten, das Ganze sei eine von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy eingefädelte Intrige? Denn Strauss-Kahn galt als aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat der Sozialisten, lag in allen Umfragen für die Wahl 2012 weit vorne. Oder stimmt es, was viele Kritiker behauptet hatten? Dass mächtige Männer auch häufig eine unheilvolle Einstellung zu Sex haben? Zumal französische Medienberichte ausreichend Anekdoten lieferten, dass Dominique Strauss-Kahn ein notorischer Schürzenjäger sei, der hemmungslos jede Frau anzufassen und zu verführen versuche, die mit ihm allein oder ihm sonst zu Diensten sei.

Egal wie das Verfahren ausgeht, Strauss-Kahns Ruf dürfte in jedem Fall beschädigt, wenn nicht ruiniert sein. Denn über die Authentizität der Samenspuren, die an der Kleidung der Frau festgestellt und über einen DNA-Vergleich Strauss-Kahn zugeordnet wurden, gibt es dem Vernehmen nach keinen Zweifel. Sex soll demnach stattgefunden haben – nur ob er einvernehmlich war oder nicht, darüber streiten die Parteien vor Gericht.

Die Ankläger waren sich sicher

Es ist bemerkenswert, dass es nicht Ermittler der Verteidigung, sondern der Staatsanwaltschaft waren, die das Zimmermädchen, eine 2002 in die USA eingewanderte Asylantin, mehrfach der Lüge überführten. Denn die Ankläger waren sich zunächst ihrer Sache sehr sicher. Der Anwalt des angeblichen Opfers, Kenneth Thompson, bemühte sich am Freitag um Schadensbegrenzung. „Ja, sie hat Fehler gemacht“, sagte er. „Aber deshalb ist sie immer noch das Opfer einer Vergewaltigung“. Er wies mehrfach darauf hin, dass sich seine Mandantin freiwillig gemeldet und zu Widersprüchen in ihren Aussagen bekannt habe.

Offiziell droht Strauss-Kahn auch weiterhin eine Gefängnisstrafe von 25 und mehr Jahren. Doch der TV-Sender CNN ließ bereits mehrere Rechtsexperten zu Wort kommen. Sie bezweifeln, dass es jetzt noch zu einem Prozess kommt. Seine Anwälte hätten jetzt die Oberhand. Es heißt auch, die Staatsanwälte seien bereit, auf die schwerwiegenden Anklagepunkte zu verzichten, wenn Strauss-Kahn sich eines (nicht näher bezeichneten) minderen Vergehens schuldig bekenne. Die Verteidiger Strauss-Kahns würden einen solchen Deal bislang jedoch ablehnen. Der Prozess sollte am 18. Juli beginnen. Jetzt ist Strauss-Kahn, dem am Donnerstag viele noch nicht einmal die Unschuldsvermutung zugestehen wollten, der seinen ersten Hausarrest nach einem Proteststurm der Anwohner verlassen musste, frei – auf Ehrenwort.