Late Night "Hart aber Fair"

Wenn Eltern zum Armutsrisiko werden

Bei Frank Plasbergs Diskussion zum Thema "Pflege im Alter" stellte sich der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn, der Wut eines Betroffenen.

Die Bundesrepublik altert rapide. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts könnte in einem halben Jahrhundert jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Und der Anteil der über 80-Jährigen soll sich verdoppeln, von heute 7 auf dann 15 Prozent.

Eine Entwicklung, die unsere Gesellschaft vor viele Herausforderungen stellt. Eine der drängenden Fragen: Wer kümmert sich um immer mehr Pflegebedürftige? Sollte man betroffene Angehörige zu Hause pflegen, oder ist es besser, sie in die Obhut von Pflegeheimen zu geben?

Vor letzterem schrecken viele geradezu instinktiv zurück und lassen sich von Ängsten und tatsächlichen Heimskandalen abschrecken. So oder so – ob zu Hause oder im Heim: Gute Pflege ist teuer. „Wenn Eltern plötzlich hilflos sind: Wer kann sich noch gute Pflege leisten?“ fragte Frank Plasberg daher seine Diskutanten bei „Hart aber fair“.

Ein Thema, das naturgemäß emotional aufgeladen ist: Es geht um das Wohl geliebter Angehöriger, der eigenen Eltern, und auch um das eigene Schicksal. Und Gefühle lassen sich in solchen Fragen schwer von Vernunft verdrängen.

Einen dementsprechend schweren Stand hatte Jens Spahn (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der als einziger Politiker in der Talkrunde oft die Rolle des „Spielverderbers“ mit den trockenen Fakten übernehmen musste, wie er es selbst stellenweise bezeichnete.

Tapfer wies Spahn immer wieder auf die Verbesserungen etwa durch die Einführung der Pflegeversicherung hin, führte Zahlenbeispiele zur Rentenversicherung von Pflegenden an und betonte, wie wichtig es sei, privat für das Alter vorzusorgen.

Für häusliche Pflege gebe es sehr wohl finanzielle Unterstützung seitens des Staates, aber man könne nun einmal niemals das, was in Familien geleistet würde, finanziell so honorieren, als handele es sich um ein Angestelltenverhältnis. Doch wie so oft, wenn in Talkshows Politiker auf Betroffene treffen, wurden dem Parlamentarier gehörig die Leviten gelesen.

Der Betroffene war in diesem Fall Stefan Krastel, der seine Mutter seit ihrem Schlaganfall seit Jahren zu Hause pflegt. Seine Mutter in ein Heim zu geben, das kam für Krastel nicht in Frage, denn „ich möchte da nicht bleiben, und dann möchte ich das meiner Mutter auch nicht zumuten.“ Doch für sein Engagement musste er einen hohen Preis bezahlen.

Um das Pflegepensum bewältigen zu können, musste Krastel nach einigen Jahren seinen Job kündigen und das Familienvermögen aufbrauchen; mittlerweile ist er Hartz-IV-Empfänger und sieht kaum Möglichkeiten, dieser Abwärtsspirale zu entkommen: „Hartz-IV ist ja ein System, das dafür erschaffen wurde, die Leute so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ein pflegender Angehöriger ist, solange er pflegt, nicht integrierbar, kriegt aber die volle Härte des Systems ab!“

Von der Politik fühlt sich Krastel im Stich gelassen, die zu wenig Geld für die häusliche Pflege bereitstelle, so dass die Pflege der Eltern ein Armutsrisiko darstelle: „Ich muss mich tatsächlich entscheiden: Geld oder Liebe.“

Doch auch wenn ihn die Gesamtsituation sehr fordere, und sicherlich auch überfordere, betonte Krastel, wolle er die Erfahrungen, die er bei der Pflege seiner Mutter gemacht habe, und das enge Verhältnis mit ihr nicht missen. Den Tränen nah schilderte er, wie schön es beispielsweise gewesen sei, als seine Mutter daheim zum ersten Mal ihren neuen Enkel in den Arm nehmen konnte.

Dass es indes auch positive Beispiele für ein Leben im Pflegeheim gibt, zeigte Plasberg mit der rüstigen Helmi Uebach, die mit ihren 94 Jahren an diesem Abend den Rekord als ältester „Hart aber fair“-Gast aller Zeiten aufstellte.

Zwar habe auch sie sich erst eingewöhnen müssen, was am Anfang sehr schwierig gewesen sei: „Entsetzlich. Sie geben alles auf und kommen in einen Raum – wildfremd. Alles fremde Leute.“ Drei Abende habe sie nur geweint. Doch dann habe sie bald die Gesellschaft und Animation im Pflegeheim zu schätzen gelernt, wohingegen sie zu Hause eher vereinsamt wäre. „Man darf sich nicht zurückziehen. Man muss mit in die Gemeinschaft rein. Und man muss die Leute ansprechen und all die Aktivitäten mitmachen.“

Plasberg resümierte: „Sie haben es überwunden, Sie haben offenbar ja auch ein gutes Heim erwischt.“ Und dass dies nicht immer der Fall ist, schilderte Detlev Beyer-Peters, ein examinierter Krankenpfleger, der 15 Jahre in der Alten- und Krankenpflege arbeitete: „Es ist schon so, dass die Zeit so knapp bemessen ist in der Pflege, dass das schon zu wünschen übrig lässt.“ Der Druck der Pflegetätigkeiten, die häufig im Akkord stattfänden, verlange den Pflegekräften so viel ab, dass die Wenigsten diesen Job bis zum Rentenalter durchhielten.

Die Schauspielerin Mariella Ahrens, die sich als Gründerin des Vereins „Lebensherbst“ für pflegebedürftige Ältere engagiert, beklagte ebenfalls diesen Zustand: „Ich unterhalte mich auch oft mit den Pflegern, die sind tatsächlich sehr bemüht, aber die sind einfach überfordert. Die haben soviel Druck mit dem, was sie alles machen müssen, es ist zu wenig Personal da, die schaffen das nicht.“

Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) plädierte indes dafür, hierbei mehr zu differenzieren: „Wir haben mehr als 10.000 Pflegeheime. Damit haben wir natürlich auch mehr als 10.000 Pflegesituationen. Ich bin ganz bei Ihnen, wenn Sie sagen, das Personal arbeitet unter sehr, sehr schwierigen Bedingungen. Wir bräuchten mehr Personal mit mehr Zeit, um eine bessere Pflege leisten zu können. Das ist das Eine. Das Andere ist: Es kommt natürlich auch darauf an, mit den bestehenden Ressourcen umzugehen.“

„Wieviel ist diese Gesellschaft bereit, an Geld dafür zur Verfügung zu stellen? Das ist keine einfache Debatte“, fasste Spahn zusammen. „Das ist ja das Problem! Keiner will gerne einen Pflegeversicherungsbeitrag zahlen. Aber in dem Moment, wo er pflegebedürftig wird, oder die eigenen Eltern, wäre man wahrscheinlich bereit, wahnsinnig viel mehr Geld zu zahlen als das, was man vielleicht vorher sich immer gedacht hat.“