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Medizinstudenten lernen jetzt mit Dr. House

| Lesedauer: 4 Minuten
Stefanie Walter

Jede Woche schauen dienstags rund sechs Millionen Menschen zu, wenn Hugh Laurie als Dr. Gregory House mit seinem Ärzteteam die schwierigsten Krankheiten behandelt. Jetzt sind es nochmal fünfzig mehr. Denn ein Professor bringt seinen Studenten mit der Fernsehserie wichtige Dinge bei.

Dan küsst Melinda. Doch plötzlich: „Was ist das?“ Dicke, rote Quaddeln schießen aus ihrer Haut. Ihre Muskeln verkrampfen, Melinda ringt nach Luft, fällt, reißt eine Schublade auf, sucht mit letzter Kraft ihre rettende Spritze, verliert das Bewusstsein. Tot?

Jürgen Schäfer klickt auf Stopp. „Was haben wir gesehen, was ist passiert?“ Vor ihm sitzen knapp fünfzig Medizinstudenten, die freiwillig in die Marburger Universitätsklinik gekommen sind. Sie sehen „Dr. House“, laut RTL die erfolgreichste US-Serie im deutschen Fernsehen.


Unter dem Motto „Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ zeigt Schäfer, Professor an der Klinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Kardiologie, im zu Ende gehenden Wintersemester seinen Studenten Ausschnitte aus der Serie. „Als ich diese Folge zum ersten Mal sah, dachte ich, das sei Quatsch. Aber der Fall ist gut recherchiert“, lobt er die im Seminar gezeigte Dr.-House-Folge. In Deutschland sei Melindas Krankheit, die Dr. House erst im Laufe der Folge herausfindet, zwar äußerst selten. „Wenn aber jemand von Ihnen nach Nordamerika oder Australien geht und die richtige Diagnose stellt, kann er eine Chefarzt-Stelle bekommen“, erklärt Schäfer schmunzelnd seinen Studenten.

Auf die Idee kam er, weil sich Studenten häufig mittwochs in der Mensa darüber unterhielten, ob die Fälle des Dr. House überhaupt realistisch seien. „Es bringt viel, wenn man das hier im Seminar nacharbeitet“, meint Philipp Adams, der im neunten Semester Medizin studiert. Er hat nur ein „House“-Seminar verpasst.

Der unterhaltsame Unterricht bleibt bei den Studenten hängen, weiß Schäfer. „Sie vergessen es nicht mehr, anders als bei einer Fußnote in einem dicken Lehrbuch.“ Gemeinsam mit Dr. House haben die Studenten schon Themen wie Lungenkrebs und Embolie, Skorbut, Tollwut oder das Metabolische Syndrom beackert.

Schäfer will die angehenden Ärzte zum Mitdenken anregen. Sie sollen lernen, ihre Diagnose kritisch zu hinterfragen. Fernseharzt House, ein Spezialist für Infektionskrankheiten und Chefdiagnostiker in einer fiktiven amerikanischen Klinik, tut das ständig. Die Folgen sind wie ein Krimi aufgebaut: Patienten kämpfen gegen den Tod, die Zeit drängt, House fügt Symptome und Untersuchungsergebnisse wie Puzzleteile zusammen. „So kann Medizin sein“, meint Schäfer, der eine Stiftungsprofessur für Präventive Kardiologie innehat. „Zu uns in die Uniklinik kommen auch häufig unklare Fälle von weit her.“

Trotzdem sorgt er sich, dass sich die Studenten den Fernseharzt zum Vorbild nehmen könnten. „Fachlich genial, menschlich untragbar“, lautet sein Urteil zu House. Jeder Unterrichtsstunde stellt er deshalb einen „Warnhinweis“ voran: „Die durchgeknallte Persönlichkeit des Dr. House entspricht in keinster Weise dem Arztbild und dem Leitbild der Philipps-Universität Marburg.“

Denn House ist zwar ein kompetenter Mediziner, dessen schwarzer Humor eine große Fangemeinde hat. Er ist aber auch zynisch bis menschenverachtend, rassistisch und frauenfeindlich. „House polarisiert“, sagt RTL-Sprecher Claus Richter, der für die preisgekrönte Serie zuständig ist. „Er ist eine zerrissene Person, die selbst Probleme hat.“

Die Suche nach der „armen Seele“ in Dr. House scheint die Zuschauer zu fesseln. Allerdings können wohl nur die wenigsten etwas mit den medizinischen Fachbegriffen anfangen, die fortwährend auf sie herabprasseln. „Nicht-Mediziner lachen über andere Sachen als Mediziner“, erzählt Philipp Adams. Er sieht die Serie manchmal zusammen mit Freunden im Fernsehen.

Schäfer bespricht mit den Studenten an diesem Samstag die Möglichkeiten, die House im Fall der plötzlich ohnmächtigen Melinda vorschlägt: Allergie gegen Penicillin, Insektenstiche, Lebensmittel, Sperma? Alles falsch. Melinda litt an einer Zeckenlähmung, ausgelöst vom Gift einer Zeckenart.

„Was hätten wir in Marburg anders gemacht?“ Der Professor rät den Studenten zu einer genauen und kompletten körperlichen Untersuchung ihrer Patienten. Sie sollen frühzeitig an Krankheiten durch Zeckenbisse wie Borreliose und FSME denken. Doch vor allem: „Wir wären freundlicher im Umgang.“

( Epd/gr )

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