Ein russischer Arzt hat in einer Live-Fragestunde des russischen Fernsehens aufgedeckt, wie Ministerpräsident Wladimir Putin bei einem Besuch in seinem Krankenhaus bessere Zustände vorgegaukelt wurden, als sie im Alltag tatsächlich Realität sind. Er sagte dabei auch, dass er nun um seinen Job und Gesundheit bange, denn es könnte durchaus sein, dass ihm jemand in einer dunklen Gasse auflauere oder er gezwungen werde, „freiwillig“ aus seinem Arbeitsvertrag bei dem Krankenhaus in Iwanowo auszuscheiden.

Putin, der in derartigen Sendungen seit Jahren Beschwerden von Bürgern über Korruption und Betrug entgegennimmt, ordnete umgehend eine Untersuchung über die mögliche Veruntreuung von umgerechnet 3,2 Millionen Euro an, die das Krankenhaus erhalten hatte. Der Kardiologe Iwan Chrenow hatte zuvor gerade das Bild von einem potemkinschen Krankenhaus gezeichnet: Die teure medizinische Ausrüstung: nur ausgeliehen. Die Gehaltszettel der Mitarbeiter: gefälscht. Die Patienten: eigentlich Krankenhausangestellte. Doch nun habe er Angst, sagte der Kardiologe Iwan Chrenow am Freitag.

Das Publikum applaudierte, was Putin zur Frage veranlasste: „Wem jubelt ihr eigentlich zu: Der Kunst der (Krankenhaus-) Manager oder dem Mut des Arztes?“ Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Funktionsträger in Iwanowo hätten Chrenow als verrückt bezeichnet und der örtliche Staatsanwalt habe ihn zur Befragung vorgeladen.

Doch Chrenows Probleme schienen sich nach einem persönlichen Anruf Putins aufzulösen. Der Nachrichtenagentur RIA sagte der Kardiologe, Putin habe ihm gesagt: „Wir lassen Sie nicht mit ihren Problemen allein, wir werden Ihnen helfen, wir kennen die gesamte Situation, machen Sie sich keine Sorge.“

Putin präsentiert sich gerne als ein Politiker, an den sich jeder Bürger mit seinem Hilfeersuchen persönlich wenden kann. Kritiker haben die Fragestunden im Fernsehen als Show bezeichnet, in der vorab instruierte Anrufer harmlose Fragen stellen.

Chrenow sagte, er habe Putin nach dessen Besuch in dem Krankenhaus im November einen Brief geschrieben. Mitarbeiter des Ministerpräsidenten hätten ihn gebeten, seine Vorwürfe in einem Anruf während der Fernsehsendung zu wiederholen, zitierte Interfax den Arzt.

dapd