Missbrauch im Westerwald

Detlef S. – Perfider Peiniger und geliebter Vater

Für die Kinder von Detlef S. sind geliebter Vater und größter Peiniger dieselbe Person. Hoffen auf eine Erklärung für das Unerklärliche im Westerwald-Prozess.

Foto: dpa

Vielleicht ist es ein Mittel, um den Angeklagten noch kaltblütiger, um seine Taten noch absurder, noch verabscheuungswürdiger erscheinen zu lassen – aber „unbeteiligt“, wie viele Prozessbeobachter ihn beschreiben, wirkte Detlef S. in diesen Tagen eigentlich nicht. Wenn er morgens auf der Anklagebank im Saal 128 des Koblenzer Landgerichts Platz nahm, schien es eher, als erfasse er die Situation gar nicht, als sei er sich nicht bewusst, dass es hier um ihn geht und um das, was sich über Jahrzehnte in seinem Haus abgespielt hat. Oder als könne er immer noch nicht begreifen, dass nun wirklich öffentlich wird, was er so lange zu verbergen gesucht hatte, was so lange auch verborgen geblieben war. Nervös wirkte S. stattdessen, panisch, verstört, auf der Hut.

Der Anwalt von Detlef S. kann nur den Kopf schütteln

Am ersten Prozesstag war es am offensichtlichsten: Da kam ein kleiner Mann in einem schreiend roten, viel zu großen Jackett in den Gerichtssaal, es gelangt ihm kaum, über die Brüstung zu sehen. Irgendwie versuchte er, die Kameras, die Fotografen, die Zuschauer zu ignorieren, und als ihm dies nicht gelingen wollte, zog er sich in sich zurück, versteckte sich hinter seinem massigen Anwalt Thomas Düber. Es gibt Fotos von S., die vor gar nicht so langer Zeit entstanden sind, auf denen er zehn bis 15 Jahre jünger aussieht, wie 48 Jahre eben, auch wenn das mit daran liegen mag, dass er sich in der Untersuchungshaft nicht mehr die Haare färbt.

Viele Zuschauer fragten sich an diesem Tag, wie man jemanden wie Detlef S. überhaupt verteidigen könne, „so ein Schwein“, so ein „krankes pädophiles Stück Scheiße“, wie seine Tochter Jasmin ihn in ihrem Brief genannt hat.

Und auch wenn der Anwalt Düber weiß, dass man nicht mit seinem Mandanten sympathisieren oder gar von seiner Unschuld überzeugt sein muss – es gibt wohl leichtere Fälle und leichtere Mandanten als Detlef S. So war bei aller Professionalität Dübers auch bei ihm ein Unwohlsein zu erkennen, eine Distanz zwischen Anwalt und Mandant, die man selten in einem Gerichtssaal beobachten kann. Das obligatorische Händeschütteln zur Begrüßung etwa fiel reichlich kurz aus, wie bei Boxern vielleicht, die sich vor Beginn eines Kampfes noch einmal auf die Handschuhe hauen, weil es die Höflichkeit verlangt. Und in den Pausen, von denen es in den ersten Prozesstagen viele gab, sah man Düber oft den Kopf schütteln.

Als Detlef S. etwa noch nicht zugeben wollte, der Vater von sieben Kindern zu sein, die seine Stieftochter im Laufe der Jahre geboren hatte und auch nach einem Gespräch mit seinem Anwalt zunächst keine Einsicht zeigen wollte. „Wir machen keine weiteren Angaben“, sagte Düber dann in Richtung des Vorsitzenden Richters Winfried Hedge, tief über seine Akten gebeugt, als habe er schwer an seinem Mandat zu tragen, um nach einer weiteren Unterbrechung, die Vorwürfe einzuräumen. „Manche Menschen sind nicht steuerbar“, sagte Düber in einer Pause zu Prozessbeobachtern, die sich ob der Strategie der Verteidigung wunderten.

Er hat seine Kinder grün, blau und blutig geschlagen

Doch was soll man auch zur Verteidigung von Detlef S. vorbringen? Es gibt – bisher – nichts, das die Bösartigkeit, die Grausamkeit, das Unmenschliche seiner Tat mildern könnte, im Gegenteil: Es wurde im Laufe der ersten drei Prozesstage immer nur furchtbarer. Die Anklageschrift, die Staatsanwalt Thorsten Kahl vortrug, war schon kaum auszuhalten. Mindestens 350-facher Missbrauch seiner leiblichen Tochter Jasmin, seiner Stieftochter Natascha und seines Stiefsohnes Björn wurden Detlef S. zur Last gelegt. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat Detlef S. seine Kinder nicht nur selbst missbraucht, er hat sie außerdem von anderen Männern missbrauchen lassen und dafür Geld kassiert. Er hat seine Kinder mit einem Gürtel, mit einer selbst gemachten Peitsche, mit dem Teppichklopfer und der bloßen Faust grün, blau und blutig geschlagen. Detlef S. baute offenbar auf ein System der Angst und des Terrors, das verhinderte, dass seine Taten früher öffentlich wurden.

Natürlich fragt sich jeder, wie es dazu kommen konnte, dass dieses System über Jahre funktionierte, dass Jugendamt, Polizei und Lehrer nichts mitbekamen von den Verhältnissen in dem heruntergekommen Haus in Fluterschen. Zumal im Laufe der Jahre dreimal gegen Detlef S. ermittelt wurde, und immer wieder Gerüchte über sein Treiben im Dorf kursierten. Der Landrat des Kreises Altenkirchen, zu dem Fluterschen gehört, gab in dieser Woche eine Presseerklärung ab, die für Aufregung sorgte, stellte er sich doch hinter sein Jugendamt und vor allem hinter den Leiter der Behörde, dem von den Kindern vorgeworfen worden war, ein alter Kumpel von Detlef S. zu sein, der Hinweise und lapidar abgetan hätte.

Tatsächlich kennen sich S. und der zuständige Behördenleiter schon lange. 1978, als 16-Jähriger, kam Detlef S. unter die Obhut des Mannes, weil seine Eltern gestorben waren und er und seine noch minderjährigen Geschwister versorgt werden mussten. Die Betreuung endete mit der Volljährigkeit von Detlef S.

Der Landrat lieferte auch eine Erklärung dafür ab, warum Detlef S. so lange unbehelligt blieb. Es mag unbefriedigend sein, wie alles in diesem Fall, aber eine gewisse Logik kann man der Argumentation nicht absprechen: Wie gut das System der Abschottung durch Detlef S. funktionierte, sagte der Landrat, zeige „der Umstand, dass auch die ja selbst betroffene Stieftochter Natascha S. vom offenbar jahrelangen Missbrauch ihrer Schwester Jasmin erst im August 2010 erfuhr. Diese Abschottung war auch nach außen derart massiv, dass sie von keiner der mit der Familie befassten Behörde aufgebrochen werden konnte: Nicht von der Staatsanwaltschaft, nicht von der Polizei – und auch nicht vom Jugendamt.“ Ob das wirklich so war, oder ob der Behörde ein Vorwurf zu machen ist, soll ein ehemaliger Familienrichter aus Wiesbaden untersuchen.

Zu den erschütternsten Phänomenen bei Kindern gehört die Affenliebe, mit der sie sich an ihre Eltern klammern, selbst wenn die, die sie eigentlich behüten sollten, sie schlecht behandeln. Die Aussagen von Natascha S. und ihrer Halbschwester Jasmin, bei denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, gaben Einblick in diesen Abgrund der Perversität, sie waren es letztlich auch, die Detlef S. dazu brachten, den Missbrauch zumindest an Jasmin zuzugeben. Die Erleichterung im Saal war greifbar, als sein Anwalt die Vorwürfe nach Jasmins Auftritt im Zeugenstand einräumte. „Ich kann mir vorstellen, dass ihn die Aussage oder der Beginn der Aussage Jasmins zu diesem Teilgeständnis bewogen hat. Es war eine ja ergreifende Darstellung“, sagte Rechtsanwalt Düber.

"Er ist doch auch mein Papa"

Nach ihrer Aussage, bei der die heute 18-Jährige fast zusammengebrochen wäre, bat sie, sich von ihrem „Papa“ verabschieden zu können. In einem Nebenraum des Gerichtssaals soll Jasmin ihren Vater an diesem Tag noch einmal umarmt haben. Der Zeitschrift „Bunte“, die in dieser Woche ein Interview mit den Töchtern brachte und eine Fotostrecke der beiden Schwestern, auf der sie freundlich und ordentlich geschminkt in die Kameras lächeln, sagte Jasmin: „Ich weiß, dass er das nicht hätte mit uns machen dürfen. Aber er ist doch auch mein Papa. Aber wenn ich daran denke, was er mit mir gemacht hat, hasse ich ihn.“

Man wünscht sich beinahe, dass noch irgendetwas passiert, dass das Ganze abmildert. Etwa, dass ein medizinisches Gutachten, welches nun von Detlef S. erstellt werden soll, irgendeine krankhafte Störung, einen Fehler bei ihm aufdeckt, mit dem man sich diesen Wahnsinn erklären kann. S. hatte sich überraschend auch dazu bereit erklärt, nachdem er es vor dem Prozess abgelehnt hatte, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen. Es würde helfen, sich die Taten von Fluterschen irgendwie erklären zu können. Wenn auch nicht seinen bedauernswerten Opfern.