Ellen Barnes ist froh, dass sie mit dem Leben davon gekommen ist. Und das, obwohl sie im klaren Wasser der Naama Bay von Scharm al-Scheich nur ein bisschen schnorcheln und Schnappschüsse von Korallen machen wollte.

Doch plötzlich wurde dieser friedliche, sonnige Urlaubstag in Ägypten zum schlimmsten Tag in ihrem Leben, erzählt die junge Frau. Keine hundert Meter entfernt sah sie eine ältere Dame, die wild im Wasser umherschlug und um Hilfe rief, dreimal. „Dann färbte sich das Wasser rot.“

Ellen Barnes wurde Zeugin, als eine 71-Jährige aus Baden-Württemberg vergangene Woche von einem Weißspitzen-Hochseehai angegriffen und tödlich verletzt wurde. Der Raubfisch biss der Frau den rechten Arm und ein Bein ab.

Barnes Lebensgefährte Gary stand währenddessen mit dem vier Monate alten Sohn Eden auf dem Arm am Strand – und musste tatenlos zusehen. Die Erinnerung daran treibt ihm die Tränen in die Augen. „Es war eine Szene wie aus einem Horrorfilm“, sagte Gary dem Fernsehsender „Sky“.

Innerhalb kürzester Zeit ist es an der Küste des Roten Meeres in der beliebten Touristengegend von Scharm al-Scheich zu mehreren Zwischenfällen mit Haien gekommen, neben der getöteten Deutschen wurden auch drei Russen und ein Ukrainer schwer verletzt. Die Regierung sperrte daraufhin die Strände. Tauchen ist nur noch im offenen Meer für ausgebildete Taucher unter Führung erlaubt. Schnorcheln und Baden in Küstennähe indes wurde verboten.

Hunderte Touristen, hauptsächlich aus Deutschland, England und Osteuropa, seien aus Angst vor den Angriffen abgereist, berichten ägyptische Tourismusunternehmen. Reiseveranstalter in Deutschland und Großbritannien verzeichnen besorgte Anfragen von Urlaubern.

Doch warum es vor Scharm al-Scheich zu den verheerenden Begegnungen mit Haien kam – das ist bislang noch offen. Theorien freilich gibt es genug. Abdullah Hijawi, Umweltexperte aus der Region, sagte: „Der Klimawandel hat einen großen Einfluss auf das Verhalten von Haien und großen Fischen im Roten Meer, er bringt sie dazu, ihre angestammten Gebiete zu verlassen.“

Auch Überfischung könnte dazu beitragen, dass Haie näher an die Küste kommen, weil sie im Meer nicht genug Futter finden. Gerhard Wegner, Präsident der Initiative Sharkproject International, spricht hingegen von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Mehrmals im Jahr drücke die Strömung im Roten Meer Plankton an die Küste – und damit auch Fische und ihre Jäger, große Hochseehaie. Zudem seien die Tiere wahrscheinlich indirekt angefüttert worden, weil Kadaver oder Abfälle von Schiffen ins Meer geworfen wurden. Der Berliner Meeresbiologe Matthias Bergbauer warnt vor voreiligen Schlüssen: „Eine saubere Unfallanalyse kann mehrere Tage dauern – wenn sie überhaupt möglich ist.“

US-Experten werden eingeflogen

In Scharm al-Scheich gehen Experten davon aus, dass es sich bei dem Hai, der die deutsche Urlauberin tötete, um einen Weißspitzenhai handelt, der gewöhnlich in der Hochsee lebt. Wie die bis zu 3,5 Meter großen Tiere in Küstennähe gekommen sind und warum sie die Menschen angegriffen haben, sollen nun amerikanische Hai-Experten untersuchen, die die ägyptische Regierung einfliegen lässt.

Die Umweltstiftung WWF indes nennt drei Theorien, warum Haie Menschen angreifen. Entweder verwechseln die Raubfische Surfer auf Brettern mit Robben oder Seehunden. Oder ein Schwimmer provoziert einen Hai unbewusst, weil er ihm zu nah kommt. Oder der Hai verteidigt sein Revier. Keine dieser Theorien scheint für die vorliegenden Fälle jedoch zu passen.

Biologe Bergbauer, der sich seit langem mit gefährlichen Meerestieren befasst, zieht deshalb eine weitere Möglichkeit in Betracht. „Haie wissen oft nicht genau, was sie eigentlich vor sich haben. Wir können es zur Not mit den Händen ertasten. Das kann der Hai nicht. Er nimmt es deshalb ins Maul, um herauszufinden, ob er es fressen kann oder nicht. Das ist der Probebiss“, erklärt Bergbauer. Bei einem Weißspitzen-Hochseehai kann ein solcher Biss aufgrund der Größe des Gebisses für Menschen lebensgefährlich sein. Zumal die Art dafür bekannt ist, Menschen anzugreifen.

Doch egal, zu welchem Ergebnis die Haiexperten vor Ort kommen: Für die Tourismusindustrie am Roten Meer sind die Vorfälle schon jetzt verheerend: Denn Strandurlaube machen gut zwei Drittel der 9,3 Milliarden Euro Einnahmen aus der ägyptischen Tourismusbranche aus, rechnet Tourismusminister Sohair Garanah vor.

"Die Touristen haben Angst"

Ralf Schmidt wird erst in knapp zwei Wochen wissen, wie sich die gesperrten Küstenstreifen auf sein Geschäft auswirken. Doch schon jetzt rechnet er mit „gewaltigen Einbußen“. Schmidt, der aus der Nähe von Darmstadt stammt, arbeitet seit 35 Jahren in Ägypten, betreibt dort sieben Tauchschulen. Die Stimmung gerade sei auf dem absoluten Tiefpunkt. „Die Touristen sind sehr verängstigt.“ Um überhaupt noch Tauchkurse anbieten zu können, muss er seine Kunden ins 100 Kilometer entfernte Dhahab fahren lassen, wo das Wasser freigegeben ist.

Er erinnert sich noch an einen Unfall mit einem Hai im vergangenen Jahr: Ein Franzose war dabei ums Leben gekommen. Damals sei gezielt gefüttert worden. „Der Hai wurde regelrecht in Rage gebracht, indem man ihm immer wieder Futter vorhielt, es ihm aber nie zuwarf“, sagt Schmidt. „Die Leute sind einfach kolossal ignorant.“ Überall gebe es Schilder, auf denen „Füttern verboten“ stehe. „Da ist einfach mehr Information und Kontrolle nötig – auch von Seiten der Reiseveranstalter.“

Die ägyptischen Behörden haben unterdessen begonnen, einzelne Strände in Buchten wieder freizugeben. Die Hauptsaison für Bade- und Tauchurlaub am Roten Meer steht kurz bevor.