Da soll noch einer behaupten, in Deutschland werde nicht genug für die Förderung von jungen Nachwuchsmusikern getan. Nachdem wir vor der Sommerpause gerade erst nach langwieriger Suche in den RTL-Studios einen neuen Superstar gefunden haben, schickt sich ProSieben erneut an, bald schon wieder zu Recht vergessene Musikgeschichte zu schreiben.

„Popstars“ ist zurück, der „DSDS“-Zwilling der anderen großen Privatsender-Familie, bei dem Dieter – Detlef heißt, und der im Vergleich zur glamouröseren RTL-Variante immer ein bisschen nach verschwitzter Turnhalle zu riechen scheint. Dafür kann „Popstars“ immerhin von sich behaupten, die Erstgeborene der Sänger-Castingshows zu sein.

Die aktuelle, inzwischen achte Auflage der Sendung wir nun aber natürlich ganz neue Maßstäbe setzen und wartet – wie alle bisherigen Staffeln auch – mit der „kompetentesten und härtesten Jury ever“ auf (Original-Ton Detlef D! Soost), die unter noch mehr Bewerbern noch viel gnadenloser aussieben muss als jemals zuvor. Abgesehen von dieser ewig gleichen Superlative-Phrasendrescherei haben die Macher die Show seit dem letzten Mal tatsächlich ein bisschen aufgepimpt.

Zunächst einmal wird nicht wie sonst üblich eine Band, sondern nur ein Duo gesucht, das die Charts stürmen soll. Darum auch das Motto „Du & Ich“, das irgendwie uncool nach Kinderreim klingt und zur Sendungs-Philosophie passender „You & Me“ hätte heißen müssen.

Für nur zwei der 5211 Bewerber heißt es am Ende also „Du bist in der Band“. Was den netten Nebeneffekt hat, dass sich der Konkurrenzdruck noch mal ein bisschen erhöht. Darüber hinaus gibt’s ein paar weitere kosmetische Regelkorrekturen. So lösen die vermeintlichen Sangeskünstler eigentlich nur ein Ticket für die nächste Runde, wenn sie alle drei Jury-Mitglieder überzeugt haben.

Doch für wen sich im Recall nur zwei aussprechen, der ist dennoch nicht direkt abgeschrieben sondern muss auf die Wartebank. Wollen sie doch noch den letzten freien Platz für die nächste Show ergattern, müssen dann jeweils am Ende der vier ersten Castingshows aus Stuttgart, Düsseldorf, München und Berlin alle Wackelkandidaten im K.O.-System gegeneinander ansingen. Um die an sich doch eher drögen ersten Castings, bei denen man sich als Zuschauer durch die gesichtslose Masse der größtenteils talentfreien und nicht mal Text sicheren Bewerber quälen muss aufzuwerten und außerdem auf vier mal über zwei Stunden Sendezeit aufblasen zu können, wird durch die persönlichen Duelle so eine künstliche Finale-Stimmung suggeriert.

Wenn es allerdings dann am Ende wie gestern urplötzlich dank eines Jokers von Alex Christensen doch zwei Kandidaten weiter schaffen, fühlt man sich als Zuschauer schon irgendwie veralbert. Aber Elli und Nelli wollte man wohl zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht auseinander reißen, die singenden Zwillinge passen zu gut zum Motto der Show. Und zu vielversprechend sind die dramaturgischen Möglichkeiten, im weiteren Verlauf einen Keil zwischen die Unzertrennlichen zu treiben und einen publikumswirksamen Herz zerreißenden und gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen ihnen zu inszenieren.

Außerdem wartet „Popstars“ einmal wieder mit einer teilweise neuen Jury auf. Weiter mit dabei als „Master of Destaster“ ist natürlich Urgestein Detlef Soost. Allerdings bedeutend weniger von ihm. Denn der moppelige Teddybär hat zumindest äußerlich an Kontur und Schärfe gewonnen, was natürlich ausgiebig thematisiert werden musste („Wenn ich eine ganze Tafel Schokolade essen muss, ist das eine Strafe für mich.“).

Aber auch wenn er inhaltlich versuchte, mit ein paar harten Sprüchen auf Dieter Bohlen zu machen: Innerlich bleibt er doch ein sanftmütiger Gutmensch und daher weitaus geeigneter als sein DSDS-Pendant, um auf die jungen Kandidaten losgelassen zu werden.

Nach einem Gastspiel in der zweiten Staffel in die Jury zurückgekehrt ist Produzent Alex Christensen, der diesmal den scharfen Hund geben darf. Was seiner optischen Erscheinung entgegenkommt, die einen unfreiwillig an einen Zuhälter auf dem Kiez denken lässt. Gestern spuckte allerdings auch er noch keine großen Töne, er hielt sich bedeckt. Vielleicht sitzt die Blamage vom Eurovision Song Contest doch noch zu tief.

Und neu im Triumvirat tritt als Henne im Korb Songwriterin Michelle Leonard an. Oder besser: als verrücktes Huhn. Ganz so exzentrisch wie seinerzeit Nina Hagen wirkt sie zwar (noch) nicht, doch die dralle Blonde mit der Turmfrisur hat bereits gestern bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht allein dadurch, dass sie gerne mal beim Vorsingen der Kandidaten mitträllert oder unter ekstatischen Zuckungen ihren Platz verlässt, um mit ihnen zu tanzen.

Sie ist insgesamt vom Gros der Bewerber total begeistert und „liky, liky, likes it“ – bezuckert die verschüchterten Möchtegern-Sängern bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit imaginärem „Feen-Staub“ fürs Karma und Selbstvertrauen. Ob man ihre penetrante Art mit Humor nehmen kann oder ob sie schon bald ganz unglaublich anfängt zu nerven, müssen die nächsten Folgen zeigen. Sicher ist: An dieser aufgedrehten Krawall-Nudel kommt bei „Popstars“ diesmal keiner vorbei.