ARD-Zweiteiler

Die bessere Version des "Baader Meinhof"-Films

Rund 15 Minuten länger ist die TV-Version des "Der Baader Meinhof Komplex" als Zweiteiler in der ARD, der Sonntag und Montag gezeigt wird. Nicht nur vermeintliche Anschlussfehler des Kinofilms ergeben nun einen Sinn. Auf einige Szenen schaut man durch die jüngsten Entwicklungen völlig anders.

"Alles Wesentliche ist in der Kinoversion drin“, hat Regisseur Uli Edel vor dem Kinostart seines „Baader Meinhof Komplexes“ gesagt. „Wir machen keine Miniserie draus. Das werden höchstens 20 Minuten mehr.“ Die Fernsehmacher werden das nicht gern gehört haben.

Feiern sie die TV-Premiere doch nun als klassischen „amphibischen Film“. Also analog zu jenen Gefährten, die zu Wasser wie zu Land zu fahren sind, als Film, der im Kino wie im Fernsehen unterschiedlich einsetzbar ist. Größer auf der Leinwand, aber länger auf dem Bildschirm.

Fast exakt 13 Monate nach dem Kinostart strahlt nun das Fernsehen den „Baader Meinhof Komplex“ als „großen Zweiteiler“ aus. Den ersten Teil sogar auf dem prominentesten Sendeplatz, den das Öffentlich-Rechtliche zu vergeben hat: am Sonntagabend, der sonst dem „Tatort“ vorbehalten ist.

Nachdem der Ohnesorg-Schütze Karl-Heinz Kurras inzwischen als Stasi-IM entlarvt wurde, sieht man zumindest diesen Teil des Filmes neu. Was aber ist wirklich anders als auf der Leinwand? Der Kinofilm handelte in 143 Minuten das ganze tausendseitige Werk von Stefan Aust über die Dekade der ersten RAF-Generation ab, von der Demonstration gegen den Schah 1967 bis zum Deutschen Herbst 1977 und den Selbstmorden der Stammheim-Gefangenen.

Zweimal 85, also insgesamt 170 Minuten lang dauert die Fernsehversion, von der ein doppelter Abspann und gut sieben Minuten „Was bisher geschah“ im zweiten Teil abzuzwacken sind. Bleibt insgesamt kaum mehr als eine Viertelstunde mehr Material.

Das sind oft Kleinigkeiten. Man sieht im palästinensischen Camp einen Terroristen mehr am Schießstand üben; später wird einer mehr verhaftet. Man sieht Josef Bachmann noch eine Currywurst an der Berliner Gedächtniskirche vertilgen, bevor er auf Rudi Dutschke schießt. Ein Anschlussfehler macht plötzlich Sinn: Bei der Baader-Befreiung war ein Fenster offen, das ein Polizist vorher eigens geschlossen hat. Nun sieht man, wie Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Baader (Moritz Bleibtreu) so lange rauchen, bis der Polizist es freiwillig wieder öffnet.

Im Fernsehen sind auch ein paar Reaktionen der älteren Generation zu sehen. Als Dutschke blutend am Boden liegt, beugt sich ein Rentner hämisch über ihn und sagt: „Sieh mal an, wenn’s ans Sterben geht, ruft auch der nach Vater und Mutter.“

Auch die Rebellion von Peter Boock im Jugendheim Glücksstadt, im Film nur als Rückblende angedeutet, wird hier etwas länger gezeigt. Sonst aber gilt: Kein Action-Moment, kein Knalleffekt, den Edel und sein Produzent Bernd Eichinger nicht schon in der Kinoversion verwendet hätten.

Kritik am Film wird verständlich

Dass fast alle Kinokritiken damals zu dem Schluss kamen, dass der Film erst in der zweiten Hälfte zu sich finde, wenn die „Baader- Meinhof-Bande“ schon eingesperrt ist und die zweite Generation nachrückt, wird nun erklärbar: Für die Kinofassung wurde vor allem in der ersten Hälfte gekürzt.

Das betrifft immerhin drei längere Sequenzen, von denen gleich die erste eine Schlüsselszene ist, die das Handeln von Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) motiviert. Sie war bei der Anti-Schah-Demonstration in Berlin mit dabei, und als sie und andere erfahren, dass ein Polizist Benno Ohnesorg erschossen hat, ruft sie erregt: „Diese Faschisten wollen uns alle umbringen. Das ist die Generation von Auschwitz. Mit denen kann man nicht argumentieren. Die haben Waffen, und wir nicht. Wir müssen uns bewaffnen.“ Unbegreiflich, dass man das nicht ins Kino brachte.

Später wird auch gezeigt, wie Ulrike Meinhof, nachdem sie in den Untergrund gegangen ist, sich in der U-Bahn mit ihrem Lebensgefährten Peter Homann (Jan Josef Liefers) trifft – und er sie fragt, was aus den Kindern werden soll. Sie überredet ihn stattdessen, mitzumachen. Plötzlich erklärt sich, warum auch er sich im Terroristen-Camp ausbilden lässt. Später wird er dennoch mit Stefan Aust (Volker Bruch) die Kinder retten – weshalb Baader nachts vor Austs Türe steht. Zumindest die Nebenfigur Homann erhält so mehr Raum – und die von Aust (der ja auch als Drehbuchautor agierte).

Das Motiv der Täter?

Ein großer Vorwurf der Kritik am Kinofilm war, dass er sich an den Gewalttaten der RAF entlang hangelte, sich aber für die Motivation ihrer Mitglieder nicht sonderlich interessierte. Wer hoffte, dies würde in der längeren Fernsehversion nachgeholt, sieht sich nun enttäuscht. Auch hier erfährt man nicht einmal, wie Ensslin und Baader sich eigentlich kennen gelernt haben.

Bleibt die Frage, ob man eine nur unwesentlich längere Version überhaupt als große Fernsehpremiere feiern kann. Die leidenschaftliche Diskussion um den amphibischen Film, die ja auch bei anderen Großproduktionen wie „Buddenbrooks“ und „Die Päpstin“ immer wieder geführt wird– Regisseur Volker Schlöndorff wurde deshalb bekanntlich von letzterem Projekt entbunden –, erweist sich so als Scheindebatte.

Ende der Siebzigerjahre gab es bei Produktionen wie „Das Boot“ oder „Der Zauberberg“ noch TV-Versionen, die fast doppelt so lange waren und einen ganz anderen Erzählatem entwickeln konnten. Bei nur 15 Minuten mehr Material muss allerdings die Frage erlaubt sein, warum man die nicht auch gleich im Kino zeigte. Überlänge hatte „Der Baader Meinhof Komplex“ ja sowieso.

Der Baader-Meinhof-Komplex, Sonntag und Montag, 20.15 Uhr, ARD.

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