Strandvolk

Warum die Italiener immer ans Meer müssen

Ein Land geht baden. Wer im Sommer nicht ans Meer fährt, gilt in Italien als Sonderling oder armes Schwein. Egal, ob es ihnen Freude bringt oder nicht, am Wochenende zieht es alle ans Meer. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Denn die Italiener sind ein Volk am Strand.

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb / dpa

Der Zug hat Verspätung, was es nicht angenehmer macht, hier zu warten. Es ist Samstagmorgen, Haltestelle San Pietro, über der Kuppel des Petersdoms flimmert der blassblau-heiße Himmel, auf dem Bahnsteig kleben die Wartenden auf weichem Teer. Die Bänke sind besetzt von Männern, Frauen, Kindern, Taschen, Bällen, Handtüchern. Es geht ans Meer. Es ist Samstag. Es ist Pflicht.

Wer am Wochenende nicht ans Meer fährt, gilt in Rom als Sonderling oder armes Schwein. Der italienische Schriftsteller Luigi Malerba beschrieb diese Alternativlosigkeit einmal mit den Worten:


"Alle am Meer, sagte die Zeitung. Ich ging ans Meer, ich langweilte mich, ich wusste, dass ich mich langweilte und ging doch weiter ans Meer … Ich machte, dass ich wegkam, bevor der Verkehr zum Stocken kam, aber er stockte immer schon, wenn ich am Bahnhof von Trastevere war. Meine Nachbarn in ihren Autos schienen mir alle zufrieden, und ich fühle mich in der Mitte zufriedener Leute wohl, weil ich sicher bin, dass sie nichts gegen mich haben. Alle am Meer, sagte die Zeitung.“


Die Italiener müssen ans Meer, sie können nicht anders, schließlich umfängt das Meer buchstäblich das ganze Land und seine Geschichte sowieso. Übers Meer kam Aeneas aus den Trümmern von Troja, um Alba Longa zu gründen, die Mutterstadt Roms, übers Meer kamen die Karthager, die Sarazenen und die Amerikaner, und aufs Meer hinaus fuhren Genuesen und Venezianer, wurden groß und reich. Das italienische Kulturinstitut Società Dante Alighieri fragte kürzlich im Internet, welche Wörter die Italiener mit in den Urlaub nehmen würden, haushoch gewannen „sole, cuore e mare“ – die Sonne, das Herz, das Meer.

Der Zug ist da, mit einem Zischen drücken sich die Zugtüren nach links und rechts, keiner geht raus, alle steigen ein. 35 Minuten braucht man, Häuser wischen vorbei, Schwimmbäder von Ferienanlagen, schließlich das erste blaue Schild „Santa Marinella“.

Santa Marinella ist der vornehme Badeort der Römer, das bekanntere Ostia ist eher der Weggeh- und Proletarierstrand. In Santa Marinella ist das Wasser recht sauber, und wegen der guten Luft schickt das römische Kinderkrankenhaus „Bambino Gesù“ seine Patienten hierher. Im Winter ist der Ort tot, im Sommer sind die Straßen und Promenaden ein einziger Stau. Denn Zehntausende Römer ziehen von Juli bis September hierher, weil sie im netten Santa Marinella eine Zweitwohnung haben. Das geht dann so: Mama und die Bambini sind durchgehend hier, Papa pendelt. Alle machen das so, man kennt sich. Die Deutschen versuchen, im Urlaub aus dem Alltag zu fliehen, die Italiener ziehen von einem Nest ins andere um.

Auf der Treppe hinunter zum Strand lässt ein Kind ein Cornetto Erdbeer fallen, sofort ist es von Sand umschlungen. Dann steht Alessio da, er vermietet die Sonnenschirme und -liegen und ist gebaut, als könne er drei Schirme mitsamt Betonständer mühelos jonglieren. Seine Preise variieren von Reihe zu Reihe, zwei Liegen und ein Schirm in der „prima fila“ kosten 28 Euro am Tag, schließlich wird es die fünfte Reihe, 24 Euro. Viele Reihen sind die ganze Saison über ausgebucht. Für heute schreibt Alessio meinen Namen mit Bleistift auf ein Holzbrett, in das Feld von Reihe fünf. Tausende Namen standen hier schon, am ersten Urlaubstag trug sie Alessio ein, am letzten Urlaubstag radierte er sie aus.

Manuele ist zum Beispiel ein Glücklicher aus der „prima fila“. Manuele, 19 Jahre, enges T-Shirt, stämmig gebaut, offenbar gezupfte Augenbrauen. Seine Familie hat ein Haus hier und eine Saisonkarte für die „prima fila“. Ihn treibt es nicht in die Ferne. „Ich brauche nichts planen, ich muss keine Hotels organisieren, ich muss keine Freunde fragen, ich fahre einfach, und alles ist da“, sagt er. Leute wie Manuele sind die Retter für Alessio, denn in diesem Jahr verkürzen die Italiener ihren Urlaub wegen „la crisi“, der Wirtschaftskrise. Im August machen die Läden in Santa Marinella die Hälfte ihres Jahresumsatzes – bisher. Nun wartet man bang, was dieser Monat bringen wird. Bei der Immobilienagentur Romelli ist das Fenster vollgeklebt mit panisch wirkenden neonroten Karten, auf denen unvermietete Ferienwohnungen angeboten werden. „Vier Zimmer, Schwimmbad, direkt am Meer, 2000 Euro pro Woche“. Man bräuchte Stunden, um alle Anzeigen zu lesen.


Als Besucher am Strand merkt man nichts von Krise, Eindrücke aus Reihe fünf: Ein Mann tippt im Laptop und telefoniert, seine Frau döst in der Sonne. Zwei Kinder lassen sich von ihrer Mama mit Sonnencreme einreiben. Andere gehen zum Essen, zum Baden, kommen vom Essen, kommen vom Baden. So ist es morgens, mittags, abends.

Die Sonne sinkt schon, durch die Kirche San Giacomo weht ein sanfter Wind, denn ihre Tore stehen auf. Don Salvatore Rizzo feiert die Abendmesse. Den „Städtern“ wie er sagt, möchte er was bieten, eucharistische Anbetung am Donnerstagabend, Beichtgelegenheiten, Extragottesdienste. „Der Urlaub ist eine Zeit, in der man leer wird, da kann man sich neu mit Gott anfüllen.“ Er stellt sich auf einen arbeitsreichen August ein. Im Zug zurück. Jeder ist ein bisschen röter oder brauner als am Morgen, jeder ein bisschen müder. Es war ein schöner Samstag am Meer. Es wird ein schöner Sonntag am Meer.

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