Naturkatastrophe

So lebt man in Iiate mit den Strahlenwerten

Rund 40 Kilometer von der Atomruine Fukushima,in Iiate, haben die Menschen Angst - die Strahlenbelastund ist hoch. Dennoch sind viele noch nicht geflohen.

Das Leben in Iitate war bisher beschaulich. Die Bauern bereiteten sich auf die nächste Gemüseernte vor. Der Kulturverein der Gemeinde empfahl neue Wanderwege, auf denen man das Frühlingserwachen so richtig genießen sollte. Die Erdbebenkatastrophe vom 11. März hat alles verändert. Nun laufen Menschen mit Geigerzählern in weißen Schutzanzügen durch die leeren Straßen. Das Gemeindebüro wurde zum Krisenzentrum. Dort gibt ein Infoblatt Auskunft über die Strahlenbelastung.

„Natürlich machen sich hier alle Sorgen. Aber die Leute wissen nicht, ob sie gehen oder bleiben sollen“, sagt ein Gemeinde-Mitarbeiter am Telefon. Sein Ort liegt etwa 40 Kilometer von der Atomruine Fukushima entfernt. Vor etwa zehn Tagen ergaben Messungen im Trinkwasser des Dorfes einen deutlich erhöhten Wert für radioaktives Jod. Anfang der Woche war der Jod-Wert, wie auf dem Infoblatt steht, aber wieder unter dem japanischen Grenzwert von 300 Becquerel pro Liter gesunken. Doch die Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien haben bereits Alarm geschlagen: Man solle sich eine Evakuierung des Dorfes „wirklich überlegen“.

Denn die Strahlungswerte seien sehr hoch gewesen. Noch deutlicher waren die Warnungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Strahlenexperte Jan van de Putte sagte: „Die Regierung muss sofort tätig werden und zuerst Kinder und Schwangere aus dem Dorf Iitate evakuieren.“ Am 15. März war laut Greenpeace eine radioaktive Wolke über Iitate gezogen. Seitdem sinken die gemessenen Werte zwar wieder – aber gerade die Langzeitwirkung birgt bei Radioaktivität Gefahren. Etwa ein erhöhtes Krebsrisiko.

Die Umweltschützer maßen in dem Ort eine Strahlung von bis zu 10 Mikrosievert pro Stunde. In Tokio wird nur zögerlich auf die Warnungen reagiert. „Die Strahlungswerte in Iitate liegen nicht über den japanischen Grenzwerten für eine Evakuierung“, teilte die Atomsicherheitsbehörde am Donnerstag mit. Regierungssprecher Yukio Edano schlug vor, die Messungen zu verstärken. Bisher gilt nur ein Gebiet von 20 Kilometern um Fukushima Eins als Evakuierungszone. „Ich bin mit meinem Latein allmählich am Ende“, sagte der Gemeindearbeiter. Niemand wisse, ob es wegen der Strahlung überhaupt noch sicher sei, in Iitate zu bleiben. Außerdem sind Lebensmittel und Kraftstoffe knapp.

Nach japanischen Medienangaben haben etwa die Hälfte der Bewohner Iitate bereits verlassen. Aber gerade ältere Menschen und Bauern zögern. „Ich habe Angst. Ich weiß nicht, ob es okay ist, hierzubleiben. Aber ich kann meine Kühe nicht zurücklassen“, sagte ein 60-jähriger Bauer der Tageszeitung „Mainichi Shimbun“. Seine Kinder und sein Eltern habe er aber bereits fortgeschickt. Auch der Bürgermeister des Ortes, Norio Kanno, hat gerade mehr Fragen als Antworten. „Wie konnte es dazu kommen?“, fragt Kanno mit Blick auf die hohen Strahlenwerte in seiner Gemeinde. „Wir haben von der Regierung in Tokio keine Antworten bekommen“, sagte er der Zeitung „Asahi“.