Kolumne "Ab 18"

Die Pornos unserer Jugend – das Maß der Dinge

Es ist ja nicht alles schlechter als früher. Das Erotikangebot im TV-Spätprogramm beispielsweise ist viel befriedigender als zur Zeit seiner Jugend, meint unser Kolumnist. Er hat sich im Nachtprogramm umgeschaut und begibt sich auf eine sentimentale Zeitreise von hart nach zart.

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Endlich bin ich wieder der Herr über die Fernbedienung. Weil meine neue Tochter nicht so viel vom Schlafen hält, haben meine Frau, meine Schwiegermutter und ich unsere Nacht in Schichten eingeteilt. Heute schiebe ich Dienst von 23 Uhr bis 3 Uhr. Meine Frau, meine Schwiegermutter und glücklicherweise auch mein Baby schlafen vor. Ich lege mich pathetisch auf die Couch vor dem Fernseher. Ein einzigartiger Moment, erhaben wie das Betreten eines Porsche-Centers. Schon um Mitternacht bin ich wieder in der alten Form vor meiner Ehe: Ich spiele auf der Fernbedienung wie Mozart auf dem Pianoforte. Plötzlich, bei 140 Bildern pro Minute: hüpfende Brüste. Hüpfende Brüste?

Marsch, marsch zurück auf Kabel 1. Tatsächlich: hüpfende Brüste. Sogar mit einer Frau dran. Sie reitet falsch herum auf einem leicht verfetteten Bodybuilder mit der Hautfarbe eines Goldbroilers. Im Fachjargon heißt diese Stellung „reverse cowboy“ und das bunte Kopftuch des Mannes, das er neben den Lederstiefeln nicht ausgezogen hat, „Bandana“. Zum Piraten fehlt dem Berittenen allerdings die Augenklappe und vielleicht ein Holzbein (ein in der Geschichte der Pornografie deutlich unterschätztes Spielzeug).

Ich bin ein wenig spät dran. Die Protagonistin täuscht gerade ihren Orgasmus vor, dann nimmt der Film seinen filigranen Handlungsfaden wieder auf. Der Inhalt des Werks ist schnell erklärt: zwei Blondinen (gespielt von Stormy Daniels und Jessica Drake, beide preisgekrönte Erotikdarstellerinnen, die beim Label Wicked Pictures unter Vertrag stehen) wissen, wo Diebesgut versteckt ist. Weil sie aber Blondinen sind, brauchen sie bei der Suche Hilfe von Männern und haben mit fast jedem, den Sie treffen, aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen, Sex.

Zwei Blondinen und viel Sex

Der Film „Highway Ladies“, das wird nach zehn etwas schleppenden Minuten ohne Sexszenen klar, glänzt nicht durch seine Dialoge. Nicht umsonst heißen die Sprechteile auf den Erotikdrehs „Comedy“. Als die Sexszene dramatisch vorbereitet wird, kommt tatsächlich wieder Humor in die Sache: Blondine 1 liegt mit Blondine 2 im Motelbett. Sie haben sich irgendwie strafbar gemacht. Blondine 1: „Oh Gott, ich habe Angst ins Gefängnis zu kommen!“ Blondine 2: „Wenn ich schon ins Gefängnis komme, dann will ich vorher wenigstens das hier machen...“. Blondine 2 zieht sich das Oberteil aus und küsst Blondine 1 auf den Mund, um anschließend ein interaktives Intimhygiene-Ritual mit ihrer Silikonbusenfreundin zu zelebrieren.

Das ganze fühlt sich an wie ein Porno, aber man sieht nichts. Es ist immer ein Kopf, ein Bein oder ein Cowboyhut dazwischen. Bestimmt gibt es neben dieser Softcore-Version eine Hardcore Variante für das Hotelfernsehen. Auch im Erotikbusiness wird auf Kosteneffizienz geachtet. Ich frage mich, ob sie die Szenen zweimal drehen. Einmal mit Kopf zwischen Kamera und Schritt und einmal ohne oder ob sie mit zwei Kameras aus verschiedenen Perspektiven schießen.


Ich denke kurz an meine Schwiegermutter im Nebenzimmer und studiere mit diebischer Freude die bilaterale Auslotung des gleichschenkligen Dreiecks weiter. Das Ganze erinnert mich ein wenig an meine Jugend mit RTL. Das Privatfernsehen war noch in den Kinderschuhen, ich trug „Adidas Samba“ (damals waren sie noch nicht cool) und wohnte bei meinen Eltern.

Drei Jungs und kaum Sex

Ich habe nachgeguckt: Es war der 28. Mai 1993, als der erste Teil des „Eis am Stiel“-Zyklus zum ersten Mal ungekürzt auf RTL lief. Fünfzehn Jahre nach dem furiosen Start in Deutschland eilte der erfolgreichsten europäischen Sexkomödie ein unglaublicher Ruf voraus. Das Erfolgsrezept: Sex ohne Reue. Kein Jugendlicher brauchte sich fürs Zuschauen schämen. Denn nach der gleichen merkwürdigen Logik, durch die der Playboy mit Interviews zum Herrenmagazin wird, machte die Prise Teenie-Humor „Eis am Stiel“ zur gesellschaftlich akzeptierten Witzvorlage. Allein die ersten fünf Teile der Low-Budget-Produktion spielten sensationelle 70 Millionen Mark ein. Der Film schoss auf die Nummer Zwei der deutschen Kinocharts (Nummer Eins: „Staying Alive“ mit John Travolta) und hielt sich in einem sonst schleppenden Sommergeschäft monatelang in 60 deutschen Kinos gleichzeitig. Bei der Berlinale wird der Film bejubelt (Friedrich Luft, der damalige Nestor der Kinokritik, in „Die Morgenpost Online“: „Siehe da: Auf dem Festival ein, wenn man so sagen darf, bumsfideler Schulbubenreport aus (ausgerechnet!) Israel.“) Schließlich wird der Streifen bei den Golden Globes als „Bester ausländischer Film“ nominiert.

Bei so viel Kult wetzte ich an diesem historischen Freitag während des gesamten heute-Journals die Ledercouch mit meinem Hintern ab. Als meine Eltern dann um 22.30 Uhr endlich ins Bett gegangen waren, zappte ich auf RTL. Nicht ohne zu checken, dass zur gleichen Zeit „Redwing – Flucht vor den Droiden“ im ZDF lief. Ich las mir die Inhaltsangabe dieses Qualitätsknallers im Öffentlichen-Rechtlichen durch, falls sich mein Vater von Schlafstörungen geplagt noch einmal neben mich setzen sollte.

Dann kam – wie so häufig in der Pubertät - die Realität. Auch die Handlung von „Eis am Stiel“ oder „Eskimo Limon“, so der israelische Originaltitel, ist schnell erzählt: Drei Jugendliche im Israel der 50er (gestylt wie ein gefühltes Amerika, nur dass die Coke-Plakate mit hebräische Buchstaben beschrieben wurden) sind ständig auf der Suche nach Sex. Mit unterschiedlichem Erfolg: Der schöne, unsympathische Momo (Jonathan Segall) sticht immer. Der schüchterne, sympathische Benny (Yftach Kazur) kommt immerhin, wenn auch nur bis kurz davor. Und der lustige, dicke Johnny (Zachi Noy) steht im Zweifelsfall nackt in Wartepostion auf dem Balkon und wird dann vom zurückkehrenden Ehemann verprügelt. Ansonsten vermisst er – wie sich das für den lustigen Dicken gehört – die männlichen Geschlechtsteile der ganzen Klasse (das Ergebnis soll nicht vorenthalten werden: der Streber hat den längsten).

Mein ganzes Leben ein Porno

Nach einem anekdotenhaften Einstieg (Tolle kämmen und baggern im Eiscafe) nimmt die Story Fahrt auf, als sich Benny in die Schönste auf dem Schulhof verliebt, aber sein Kumpel Momo sie schwängert und sie anschließend fallen lässt. Der sensible Benny schmeißt sich daraufhin an sie ran, besorgt eine Ausrede, eine Bleibe und Geld für die Abtreibung. Nach dem erfolgreichen Eingriff kommen sie sich, wie man so schön sagt, näher, und endlich gibt es Sex, wie man ihn sich für seine Tochter beim ersten Mal wünscht. Der wird ärgerlicherweise nicht gezeigt. Das Ende ist tragisch wie das Leben eines Teenagers: Bei der ersten Party kommt das Mädchen wieder mit dem Blödmann zusammen und das Goldarmbändchen mit eingravierten Namen ist völlig umsonst gekauft. Benny entschwindet als James Dean-Karikatur mit hochgeschlagenem Hemdkragen zum Song „Lonley“ (ja, die Originalversion des nervigen Klingelton-Hits) in die Nacht.

Aber das wollte ich natürlich alles nicht sehen. Ich war auf Sex aus. Nächtlichen Sex im Schmuddel-TV, während meine Eltern oben im Schlafzimmer friedlich schliefen, damit sie am Montag wieder auf grundehrliche Weise Geld verdienen konnten. Aber was „Eis am Stiel“ lieferte, war mehr als enttäuschend: Erster Sex mit einer abgetakelten Prostituierte, die mit ihrer mütterlichen Unfreundlichkeit die ohnehin nur homöopathische Dosis Erotik neutralisierte. Eine herbstliche Matrone nackt im Lotterbett - vor dem Schlafzimmer schnattern wie die Pinguine auf dem Juxfelsen die Hauptdarsteller in Unterhosen und warten brav bis sie an der Reihe sind. Auf dem Höhepunkt des Films zieht dann endlich die Schönste aus Klasse blank. Allerdings tut sie das ausgerechnet auf dem Behandlungsstuhl des mürrischen Gynäkologen, der ihr Kind abtreiben wird. In meinen Erinnerungen blieb unter dem Strich vor allem der nackte Hintern des lustigen Dicken und seine elefantöse Feinripp-Unterhose hängen. So weit, so schlecht. Bald schaltete ich auf „Redwing – Flucht vor den Droiden“ um.

Plötzlich jammert meine Tochter ein wenig und meine Schwiegermutter erscheint in der Tür. „Kann ich helfen?“ Ich wechsle blitzschnell auf ZDF. „Nein, nein, geht schon“, sage ich ein bisschen zu hastig. Tatsächlich beruhigt sich meine Tochter von selber. Nur ein Alptraum.

Im ZDF läuft ein Krimi. Den schaue ich mir meinem Alter entsprechend an. Schließlich ist mein ganzes Leben ein Porno. Allerdings ohne Sex. Aber die Längen zwischen der Action, die kenne ich gut. Leider habe ich keinen Jungen. Ich könnte beruhigt sein. Er hätte eine bessere Zukunft vor sich als ich. Zumindest, was das Erotikprogramm im TV angeht.

Die Kolumne "Ab 18" erscheint jeden Donnerstag exklusiv auf Morgenpost Online. Mehr lesen Sie hier .