Saudi-Arabien

Neunjährige klagt erfolgreich auf Scheidung

Einem neunjährigen Mädchen in Saudi-Arabien ist die Scheidung von seinem 50 Jahre alten Ehemann gewährt worden. Ihr Vater hatte sie vor einem Jahr zu der Heirat gezwungen und dafür umgerechnet etwa 10.000 Euro erhalten. Mit Hilfe ihrer Mutter setzte das Mädchen schließlich die Scheidung durch.

Foto: Stephanie Sinclair

Das Mädchen hat von dem Unglück, das ihr bevor stand, nichts gewusst. Niemand hat ihr gesagt, dass ihr Vater sie vor einem Jahr mit einem gut 40 Jahre älteren Mann verheiratet hat. Dass ihr „Ehemann“ die Scheidungsklage abgelehnt hat, die ihre Mutter für sie eingereicht hat. Dass ein Richter ihm zwei Mal Recht gegeben hat. Und deshalb weiß sie wohl auch nichts, von dem Glück, das ihr jetzt widerfahren ist.

Ein neuer Richter hat die „Ehe“ zwischen der heute Neunjährigen aus der saudi-arabischen Stadt Oneisa und einem 50 Jahre alten Gläubiger ihres Vaters aus der Nachbarstadt Buraida diese Woche geschieden. In Saudi-Arabien gibt es kein Mindestalter für Heiratswillige, offiziell ist zwar die Einwilligung der Brautleute nötig, dem Vater des Mädchens aus Oneisa reichte jedoch das Versprechen des „Bräutigams“, ihm Schulden in in Höhe von 30.000 Rial (derzeit umgerechnet etwa 6000 Euro) zu erlassen und die „Braut“ bis zur Pubertät nicht anzurühren.

Dass dem Mädchen aus Oneisa nun die Frage erspart bleibt, ob sich der Mann an seine Versprechen gehalten hätte, dass sie weiter zur Schule gehen darf und die Chance auf eine Kindheit hat, verdankt sie vor allem ihrer Mutter. Die hatte ihren Mann verlassen, noch bevor er seine damals achtjährige Tochter in die Ehe verkaufte. Sie erfuhr davon erst in einem Prozess, mit dem der Mann sie zur Rückkehr zwingen wollte. Daraufhin nahm sie das Mädchen zu sich in das Haus ihrer Eltern und zog für sie vor Gericht.

Der 50-Jährige aus Buraida weigerte sich, auf seine junge (und dritte) „Ehefrau“ zu verzichten, auch als die Mutter des Mädchens anbot, die 30.000 Rial zurückzuzahlen. Er berief sich vor Gericht auf den Propheten Mohammed, der ja ein Vorbild für alle Muslime sei und auch ein kleines Mädchen zur Frau genommen habe. Der Anwalt der Mutter hielt dagegen und sagte, der Prophet habe seine Braut Aischa zunächst nur auf dem Papier geheiratet und die Ehe mit ihr erst vollzogen, als sie in der Pubertät gewesen sei.

Dass er Kinderehen abgelehnt habe, lasse sich auch dadurch belegen, dass er seinen Gefährten Abu Bakr und Omar die Hand seiner Tochter Fatima verweigert habe, weil diese damals noch zu jung für die Ehe gewesen sei. Stattdessen habe er sie später mit Ali Ibn Abi Talib verheiratet, der nur fünf Jahre älter war als sie.

Der Prozess um das Mädchen aus Oneisa löste im streng islamischen Königreich Saudi-Arabien eine ähnliche Debatte über das Verheiraten von Minderjährigen aus, wie sie Jemen erlebte, als die neunjährige Nojoud Ali vor Gericht um ihre Scheidung kämpfte.

Nachdem ein Richter zwei Mal dem „verlassenen Ehemann“ Recht gegeben hatte, schrieb die saudische Zeitungskolumnistin Amal al-Zahid laut der britischen „Times“: „Der Handel mit Kinderbräuten ist eine höchst reaktionäre Sitte, die uns in Zeiten von Konkubinen und Sklavenmädchen zurückwirft – er sollte verboten werden.“

Das Land würde sich sonst „abnorme Verhaltensweisen und Probleme einhandeln, von denen nur Allah weiß“. Als der Fall auch außerhalb von Saudi-Arabien für Schlagzeilen sorgte, schaltete sich laut „Guardian“ im Revisionsverfahren der Gouverneur der Provinz Quassim ein. Prinz Faisal Bin Bandar habe den Mann aus Buraida dazu gebracht, einer außergerichtlichen Einigung zuzustimmen, berichtet die britische Zeitung, das habe die Scheidung schließlich möglich gemacht.

Menschenrechtsaktivisten in Saudi-Arabien begrüßten die Einigung, warnten aber davor, sie als Sieg der Kinderrechte zu interpretieren. „Ich gratuliere dem Mädchen aus Oneisa“, sagte Hatoon al Fasi, Professorin für Frauengeschichte an der King Saudi Universität „The National“, einer englischsprachigen Zeitung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Sie ist jetzt frei, aber nicht alle Kinder sind das.“ Nicht ein Gesetz habe den „Ehemann“ dazu gebracht, von ihr abzulassen, sondern gesellschaftlicher Druck und zahlreiche einflussreiche Vermittler.

Ohne neue Gesetze werde es weiter Kinderehen geben, Mädchen würden weiter mit dem Segen der Gerichte an ältere Männer verkauft. „Das Justizministerium überlegt, ein Mindestalter für Heiratswillige einzuführen, das bei 15 Jahren liegt“, sagte die saudische Historikerin außerdem. „Aber es müsste auch die Regeln für Vormundschaft ändern und vor allem viel schneller handeln.“

Dem würde wohl auch die Mutter der geschiedenen Viertklässlerin beipflichten: Sie kämpft nämliche gerade um einen zweiten Prozess, um ihrem Ex-Mann die Vormundschaft für die Tochter zu entziehen. Neuer Vormund des Kindes soll ein Onkel väterlicherseits werden. Frauen können in Saudi-Arabien nicht die Rolle des Vormundes übernehmen.

Die Debatte um das Mädchen aus Oneisa ist Teil einer gesamtsaudischen Auseinandersetzung zwischen Befürwortern sanfter Reformen und den Vertretern des religiösen Establishments. Während der Justizminister öffentlich forderte, den Vätern die „willkürliche“ Kontrolle über die Heirat ihrer Töchter zu entziehen, sagte Großmufti Scheich Abdul Aziz al-Shaikh, die höchste religiöse Autorität im Land, es verstoße nicht gegen die Scharia, Mädchen unter 15 zu verheiraten.

Die Scheidung des Mädchens aus Oneisa war aber nicht der einzige Erfolg, den die Reformer zuletzt für sich verbuchen konnten: Im Februar erhob König Abdullah erstmals eine Frau in den Ministerrang, in dem er Norah al-Fayez zur stellvertretenden Ministerin für Frauenerziehung machte.

Und Ende März sorgt schon einmal eine junge Saudi-Araberin für Schlagzeilen, weil sie sich mit Hilfe eines Gericht gegen die Männer in ihrer Familie durchsetzte: Sie wollte allerdings keine Scheidung, sondern eine Hochzeit. Mit einem Mann, den ihr Vater ablehnte. Der Richter zeigte Verständnis, allerdings erst, nachdem er sich überzeugt hatte, dass der Bräutigam "aus gutem Hause" stammte.