Nach dem Tsunami

In Japan wird der Ausnahmezustand zum Alltag

Provisorische Leichenhallen, auseinandergerissene Familien, zerstörte Häuser: Szenen aus drei Städten dokumentieren das tägliche Leid der Japaner.

Morgenpost Online dokumentiert Alltagsszenen aus drei japanischen Städten. Diese zeigen das Leid der Bevölkerung nach dem Erdbeben und dem Tsunami, aber auch die Solidarität der Menschen untereinander, um die Krise gemeinsam zu meistern.

Ishinomaki: Lehrer hilft Kindern, ihre Familien zu finden

Ein paar Kinder laufen herum, manche helfen ihren Eltern, ihre schlammverschmierten Stiefel im braunen Wasser des Schwimmbads zu putzen. Die Grundschule am Stadtrand von Ishinomaki ist eine von vielen Notunterkünften der vom Tsunami stark zerstörten Stadt nordöstlich von Sendai. Schätzungen zufolge sollen von den etwa 160.000 Einwohnern bis zu 10.000 durch den Tsunami ums Leben gekommen sein. Der Großteil der Bevölkerung ist obdachlos

Auf den Fluren im dritten Stock ist es ruhig. Hier sind in einem Raum 30 Kinder untergebracht, deren Eltern vom Tsunami mitgerissen wurden und die seitdem spurlos verschwunden sind. Sie sitzen still, vertieft in Bücher, manche legen Karten vor sich hin. Verwandte und Lehrer kümmern sich um sie und schirmen sie vor Besuchern ab.

Masami Hoshi ist eigentlich Sportlehrer der Schule, doch seit der Tsunami über seine Schule und die Stadt kam, ist er damit beschäftigt, Lebensmittel für die Überlebenden in der Schule zu organisieren und nach verschwundenen Schülern und ihren Eltern zu fahnden. Bei einer Handvoll war er erfolgreich, aber diese 30 sind immer noch allein.

„Der Tsunami traf genau in dem Moment ein, als die Eltern der Mittelklasse an der Schule ankamen, um ihre Kinder abzuholen. Es gelang uns, sie ins Gebäude zu holen“, sagt Masami Hoshi. „Die jüngeren Kinder hatten die Schule mit ihren Eltern schon etwas früher verlassen. Diejenigen, deren Zuhause weiter hinter der Schule liegt, haben vermutlich überlebt. Aber die, die in diese Richtung fuhren“ – Masami Hoshi zeigt quer über den Spielplatz auf die Hauptstraße, die von Schlamm bedeckt ist, von zerstörten Autos, zerrissenen Stromleitungen und Glasscherben – „Die werden es wohl nicht mehr geschafft haben.“

Obwohl die Schule weniger als zwei Kilometer von der Schutzmauer entfernt liegt, die Ishinomaki vor Flutwellen schützen sollte, überflutete der Tsunami den Spielplatz und den ersten Stock der Schule. „Einige Eltern wurden mit hinaus gerissen auf den Spielplatz, als das Wasser zurückspülte. Wir warfen ihnen Wasserschläuche zu und konnten alle retten“, sagt Masami Hoshi.

In der Schule gibt es keinen Strom mehr, keine Heizung und kein fließendes Wasser. Hoshi hofft, dass endlich Essen geliefert wird. Bis das Schicksal der Eltern und Geschwister der 30 Kinder geklärt ist – wenn es sich überhaupt je klären lässt –, werden wohl noch Wochen vergehen. Julian Ryall

Sendai: Ein Deutscher erlebt das Leid der Millionenstadt

Es ist keine Flucht, es ist eine Reise. Seit Monaten war sie geplant, als Forschungstrip nach Europa. Die Reise hat Sebastian Maslow nach London geführt, dann soll es nach Brüssel gehen und nach Berlin. Und dann nach zwei Wochen, am 29. März, wird der 28-jährige Doktorand der Politikwissenschaft wie selbstverständlich zurückfliegen, in seine zweite Heimat, nach Sendai. Wo er seit fünf Jahren wohnt, wo er am Freitag die Katastrophe erlebt hat.

Die Telefongesellschaft hat drastisch die Kosten gesenkt, die Menschen, die Japan verlassen, sollen nicht auch noch draufzahlen, wenn sie aus dem Ausland mit ihren Familien in der Heimat sprechen. Sebastian Maslow hält Kontakt zu seinen Freunden in der Stadt, die von Zerstörung und Leid erschüttert ist – und in der es trotz allem noch so etwas wie einen Alltag gibt.

Sendai ist eine Millionenstadt, sie ist weitläufig und zieht sich von der Küste bis in die Berge hinein. Als Sebastian Maslow an jenem Freitag die Erde beben spürt, erst in vertikalen, dann in horizontalen Schwingungen, als er seine Wohnung in der Innenstadt betritt, die Zerstörung sieht, als er sich mit unzähligen Einwohnern ins Auffanglager der nächstgelegenen Schule begibt – da dauert es noch ganze zwei Tage, bis er erfährt, dass ein Teil der Stadt von einer gigantischen Flutwelle zerstört wurde, dass Tausende Menschen starben und Tausende vermisst werden.

Fließendes Wasser gibt es nicht, der Strom ist abgestellt. Erst als er nach 48 Stunden wieder angestellt wird, kann er die ersten Fernsehbilder vom Tsunami sehen. Vor allem die Küste ist zerstört, besonders die alten Leute sind obdachlos, die an der Küste am Stadtrand wohnen, wo es billig ist und die Mieten niedrig sind.

Sebastian Maslow harrt ein paar Tage aus, schlafen kann niemand, sobald es mal wieder Strom gibt, schrillt der Alarm, der das nächste Beben ankündigt. Auf den Handys gehen automatische Warnungen vor Nachbeben ein. Und immer muss man darauf achten, ob es vertikale oder horizontale Schwingungen sind, die die Erde erschüttern. Bei horizontalen heißt es: Ruhe bewahren. Bei vertikalen: Haus verlassen. Die japanische Architektur ist aufs Pendeln eingerichtet. Die Stöße von unten können ein Haus zum Einsturz bringen.

Dann steht für Sebastian Maslow die Forschungsreise an. Nur: wie soll er zum Flughafen nach Tokio kommen? Man kommt nicht weg aus der Stadt. Die deutsche Gemeinde in Sendai tut sich zusammen, sie fordert die deutsche Botschaft auf, ein paar Busse zu schicken.

Und tatsächlich kommen in Begleitung des Technischen Hilfswerks drei Busse der deutschen Schule von Yokohama in Sendai an, die die Ausländer aus der Stadt bringen. Von Tokio soll es mit dem Flugzeug nach London gehen. Aber da ist kein Flugzeug, die Lufthansa hat die Flüge gestrichen. Dann also weiter nach Nagoja, es ist schon mitten in der Nacht, dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt, von dort bekommt er einen Flug über Seoul nach London.

Dass er und seine Landsleute so gut aus dem Krisengebiet kommen, sagt Sebastian Maslow, ist vor allem der Aufregung um Atomkraftwerke in Deutschland zu verdanken. Aus den anderen Ländern, sagt er, gibt es praktisch keine Evakuierungen. Viele Städte im zerstörten Nordosten haben bis jetzt keine Hilfe bekommen – die Transporte kommen einfach nicht durch, die Straßen sind kaputt, die Häfen kann man nicht ansteuern. In den Städten fahren Helfer den Schutt und zusammen. Es wird aufgeräumt, so gut es eben geht.

Und ja, es ist alles wahr, sagt Sebastian Maslow. Alles, was man über die Geduld und Ruhe und Solidarität der Japaner hört – es ist eigentlich noch viel besser. „Die Leute wissen“, sagt er, „bis die Hilfe der Regierung eintrifft, müssen lokale Mechanismen greifen – und es funktioniert. Als erstes organisiert man sich selbst, Bürger vernetzen sich, sie gehen nachts mit Taschenlampen durch die Häuser und sehen nach dem Rechten, ob das Gas abgedreht ist usw. Wir schließen ja nicht einmal unsere Wohnungen ab. Dann greifen Präfektur- oder Stadtbehörden und organisieren Hilfsleistungen. Und dann erst kommt der Staat.“

In Deutschland will Sebastian Maslow Spenden für den Bau von Notunterkünften und Altenheimen sammeln. Diese gehen an den Förderverein RC Havelberg e.V. (Kontonummer 3000110568, BLZ 81050555). Eva Sudholt

Ishinomaki: Für die Toten gibt es nur eine provisorische Leichenhalle

Der alte Mann sieht aus, als ob er schläft. Seine Stirn ruht auf dem Arm, seine Finger wandern durch den Schlamm, der alles bedeckt. Dreckstreifen überziehen seinen grünen Pullover. Hier ist sein bisheriges Leben zu Ende gegangen. An dem Tag, als die sechs Meter hohe Wasserwand zusammenbrach und sein Haus wegspülte. Um ihn herum liegen Erinnerungen an sein früheres Leben. Ein zerbrochener Ventilator, eine Konservendose, ein Türrahmen, eine Bastmatte, ein Kochtopf.

Polizei und Militär haben Suchtruppen in die am stärksten zerstörten Bezirke Ishinomakis entsandt, aber diesen Mann müssen sie übersehen haben. Wahrscheinlich konnten sie seinen Schlamm bedeckten Körper nicht von Schutt und Trümmern unterscheiden.

Den Bezirk Hiyorigaoka traf die volle Wucht des Tsunamis, als er am vergangenen Freitag aus dem Pazifik donnerte. Die Flussmündung, über die eine hohe, offenbar unzerstörte Brücke führt, verengt sich hier und presste die heranrollende Flut mit einer unbeschreiblichen Wucht in die Straßen. Sie schob alles vor sich her bis an den Fuß eines kleinen Hügels im Hinterland. Hier türmen sich nun die Häuser, Autos, der ganze Besitz der Bewohner in einer undefinierbaren Masse aus Gegenständen.

Die Rettungskräfte werden zurückkehren und dann den alten Mann finden so wie die vielen anderen, die noch unter dem Schutt begraben sind. Dann werden sie ihn in eine der Decken aus seinem Haus packen und in die Turnhalle des Bezirks bringen.

Düster schauen sie aus in ihren schlammverschmierten Anzügen. Sie tragen Schutzmasken und Gummihandschuhe und hieven die Toten vom Heck ihrer Trucks. Düster ist ihre Aufgabe: Leichen bergen und in die provisorische Leichenhalle fahren.

Auf einem Wagen liegen die Leichen von sechs Menschen. Eine nach der anderen wird auf eine Trage gehoben. Eine Decke rutscht zur Seite und enthüllt den Fuß eines Mannes, die grauen Haare einer Frau schauen unter einer anderen hervor. Angehörige der Frau laufen neben der Trage her in das Gebäude, die blauen Plastikplanen rascheln am Boden, als sie eintreten.

Die Leichen werden in die Haupthalle getragen und in langen Reihen nebeneinander gelegt. Jeder tote Körper wird in einen Sack gehüllt und mit einem Zettel versehen, auf dem der Name des Toten steht und wo er gefunden wurde. Die Taschen werden durchsucht und das Gefundene in einen Beutel gesteckt.

Etwa 200 Menschen liegen hier bereits, sagt der verantwortliche Polizeibeamte der Bergungsaktion, zum Großteil alte Menschen. Weil sie nicht so schnell wie die jüngeren vor der Welle fliehen konnten, vermutet er. Aber nicht alle sind alt. Auf einer langen Namensliste am Eingang stehen auch die Namen von Koko Nakasato, 59 Jahre alt, und Hoshie – vier Jahre alt. Julian Ryall

Kesennuma: Rettung erst nach 43 Stunden

Es ist gegen 15.30 Uhr Ortszeit am Freitag, als die Riesenwelle über die Stadt Kesennuma im Nordosten Japans schwappt. Der junge Reporter Keiichi Nakane ist gerade dabei, für die Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“ Erdbebenopfer in einem Notaufnahmelager zu befragen. Plötzlich schreit jemand: „Der Tsunami kommt!“

Im nächsten Moment schiebt die Welle auch schon Häuser und Autos wie Spielzeuge vor sich her. Immer wieder, wie in Trance, drückt Nakane auf den Auslöser seiner Kamera. Es sind Bilder, wie er sie noch nie gemacht hat. Schnell erreicht die Flutwelle auch das Notlager. Die Menschen stürmen die Treppen hinauf auf das Dach, mit ihnen Nakane. Oben angekommen, schweift sein Blick über die Wassermassen, die das Gebäude nun komplett umschlossen haben. Sie reichen bis an die Decke des zweiten Stocks. Es ist der Moment, in dem Nakane realisiert, dass er selbst zum Opfer geworden ist.

Dort wo sein Wohnblock stand: Wasser. Dort wo sein Auto parkte: Wasser. Telefonierte er eben noch mit seiner Redaktion und verschickte Fotos über seinen Computer, liegt nun auch das Handynetz lahm. Keiichi Nakane ist einer von etwa 450 Menschen, die der Tsunami zu Geiseln gemacht hat. Über Nacht suchen sie Zuflucht vor der Kälte im dritten Stock des Gebäudes.

Nakane ist einer von etwa einhundert Menschen, die sich in einen Lagerraum pressen. Es ist so eng, dass einige versuchen, im Stehen zu schlafen. Aber die Nähe spendet Wärme, die Gespräche Trost. Mitten in der Nacht erleichtert sich Nakane auf der Treppe. Die Toiletten sind von Schutt versperrt. Am Morgen kommt ein Rettungshubschrauber der Tokioter Feuerwehr, am Nachmittag ein zweiter. Doch bis zum Abend können nur etwa 50 Menschen mit Seilen in die Helikopter gehievt werden. Nakane bleibt zurück. Er wird erst nach 43 Stunden gerettet. Nicholas Brautlecht

Die Aktion Deutschland Hilft wurde 2001 von zehn renommierten deutschen Hilfsorganisationen gegründet, um im Falle großer Katastrophen gemeinsam schnelle und effektive Hilfe zu leisten. Gespendet werden kann per Bank-Überweisung, Spenden-Stichwort: Erdbeben/Tsunami Japan, Spendenkonto: 102030, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 37020500.

Auch eine finanzielle Unterstützung per Charity-SMS ist möglich: Dazu wird eine SMS mit ADH10 an die 81190 gesendet. (10 Euro zzgl. üblicher SMS-Gebühr, davon gehen direkt an Aktion Deutschland Hilft 9,83 Euro)